Droht uns jetzt ein Rockerkrieg?

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An der Beerdigung des „Bandidos“-Mitglieds nahmen über 1500 Rocker aus ganz Europa teil.

Gelsenkirchen - Seit Jahren warnt die Polizei vor einer drohenden Eskalation in der Rockerszene.

Mit Argusaugen beobachtete am Samstagmittag ein Großaufgebot der Polizei, wie 1500 Mitglieder und Sympathisanten der Motorradgang Bandidos auf dem Gelsenkirchener Hauptfriedhof von ihrem toten „Bruder“ Eschli Abschied nahmen. Der 32-Jährige war am 8. Oktober in Duisburg von Kampfsportler Timur A. (31) – seinerseits Anhänger der rivalisierenden Biker-Bande Hells Angels – im Streit um eine Frau mit einem Kopfschuss getötet worden.

Obwohl die Beerdigung ohne Zwischenfälle verlief, wird die Ruhe wohl nicht lange währen. Im Bandidos-Lager ist der Hass auf die verfeindeten Hells Angels groß. Beim anschließenden Leichenschmaus wetterte ein Bandidos-Sprecher laut Bild: „Wir wissen nicht, was kommt. Aber wir sind auf alles vorbereitet!“ Auf ihrer Internetseite veröffentlichten die Bandidos ein Foto von Eschli – daneben prangt die Kampfansage „Expect no mercy!“ (dt.: Erwartet keine Gnade!)

Es wäre nicht der erste Racheakt der Biker-Gang. Erst vor zwei Monaten wurde ein Mitglied der Hells Angels in Berlin auf offener Straße erschossen. Anfang 2008 schoss ein Bandidos in der Cottbuser Innenstadt ebenfalls auf Hells Angels-Sympathisanten.

Bei den Bandenkriegen geht es nicht nur um persönliche Feindschaften: Die Gangs erpressen Schutzgelder, kontrollieren Teile des Drogenhandels und sind an Zuhältergeschäften beteiligt.

Im Auge des Verfassungsschutzes

Ihren Ursprung haben Rockerbanden in den USA, wo sie zumeist von ehemaligen Soldaten ins Leben gerufen wurden. Seit etwa 35 Jahren existieren Motorradgangs wie die bekannten Hells Angels (1973 in Hamburg gegründet, heute etwa 700 Mitglieder) auch in Deutschland. Europaweit hat die Bundesrepublik sogar die meisten Ortsgruppen (sogenannte Charters), von denen einige bereits als kriminelle Vereinigungen verboten wurden. In Bayern betreiben die Hells Angels zwei Ortsgruppen, darunter eine in Allershausen (Landkreis Freising).

Seit der Wende gewinnen die Biker-Gruppen auch in den neuen Bundesländern extrem an Zulauf, unterhalten laut Innenministerium auch lose Verbindungen zur rechtsextremen Hooligan-Szene.

Der Verfassungsschutz beobachtet Rocker aufgrund ihrer Aktivitäten in der organisierten Kriminalität bereits seit Jahren. Rocker sind vor allem am Drogen- und Waffenhandel, an Geldwäsche sowie im Rotlichtmilieu beteiligt. In diesen Bereichen rivalisieren die verschiedenen Banden um Einfluss. Im Fokus der Verfassungsschützer stehen vor allem die sogenannten „1-Prozenter“, die sich selbst als Gesetzlose sehen und das Rechtssystem ablehnen. Zu diesen Gruppen gehören bundesweit auch die Hells Angels und die Bandidos.

Nach außen schotten sich die Mitglieder meist komplett ab, eine Kooperation mit der Polizei verweigern die Motorradbanden grundsätzlich, da dies gegen ihren Ehrenkodex verstößt. Weil viele Opfer von Rocker-Gewalt deshalb auch nicht vor Gericht aussagen, ist die Beobachtung und Kontrolle der Banden äußerst schwierig.

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