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Erzbischof Robert Zollitsch: „Ich kann die Ängste nachvollziehen“

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Erzbischof Zollitsch ist als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz gefragter Gesprächspartner der Politik, der anderen Kirchen und ein Vermittler zwischen dem Vatikan und der katholischen Kirche in Deutschland.

München - Robert Zollitsch (71) ist Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz. Er vertritt die deutschen Bischöfe nach außen, auch gegenüber dem Vatikan und der Politik.

Der Erzbischof von Freiburg ist ein geschickter Vermittler – im Ton und in der Form äußerst moderat. Gleichzeitig klar und unmissverständlich in seinen Ansichten. Bei einem Redaktionsbesuch sprachen wir mit ihm über das Verhältnis zum Islam, den Sonntagsschutz und Ladenschluss, Priestermangel und Zölibat sowie die Verhandlungen mit der Piusbruderschaft.

Herr Erzbischof, Sie sehen die Schweizer Abstimmung gegen Minarette skeptisch. Warum?

Aus grundsätzlichen Erwägungen. Wenn ich Religionsfreiheit einfordere – und das wollen wir in Deutschland für alle ebenso wie in moslemischen Ländern – dann muss ich auch dem anderen Religionsfreiheit bei uns ermöglichen. Nach moslemischem Verständnis gehört zur Moschee eben auch das Minarett.

Allerdings muss man auch immer schauen, welche Befürchtungen da sind: Wie passen die Minarette in die Stadt? Gibt es ein städtebauliches Konzept oder provozieren die Minarette? Wenn eine Moschee nach dem Eroberer von Konstantinopel benannt wird in Deutschland, dann ist das mehr als unklug. Das provoziert.

Ist das direkte Gegenüber von Kirche und Moschee als Provokation zu verstehen? Oder die Höhe des Minaretts?

Wir haben in Mannheim gegenüber einer katholischen Kirche eine große Moschee – die größte, die es bis jetzt in Baden-Württemberg gibt. Das war miteinander abgesprochen und wirkt dort nicht als Konkurrenz. Wenn das Bestreben nun wäre, dass man neben eine Kirche eine Moschee baut mit Minaretten, die höher sind als der Kirchturm, dann strahlt das natürlich auch eine Botschaft aus.

Dass die Bevölkerung in dem Moment Ängste bekommt, kann ich nachvollziehen. Es gibt eine kleine Gruppe von Muslimen, die provozieren will. Aber es gibt auch ganz wenige Katholiken, die bei mir anrufen und sagen: „Ich bin für Religionsfreiheit – aber nur für Christen.“ Das kann ich dann natürlich nicht vertreten, weil die Freiheit auch immer die Freiheit des anderen ist.

Zum Verdruss der Menschen tragen auch Urteile bei wie das des Europäischen Menschenrechtsgerichtshofs in Straßburg, das der Klage einer italienischen Mutter gegen Kreuze in Schulen Recht gab.

Das Kreuz ist in unserer Kultur gewachsen. Im Zeichen des Kreuzes sind viele Dinge erreicht worden, die gesellschaftspolitisch wichtig sind. Durch das Christentum kam die Sorge um die Armen und die Kranken in die Gesellschaft, die vorher oft ausgestoßen wurden. Das Kreuz steht für mehr – für alles, was durch das Christentum in der abendländischen Gesellschaft lebendig geworden ist. Und daher gehört das Kreuz in die Öffentlichkeit, auch in die Schule. Ich halte das Urteil für falsch!

Was halten Sie von der Gesetzeslage in Deutschland, wo ein Kreuz in Schulen abgehängt werden muss, wenn sich ein Elternteil beschwert?

Ich habe damals dem Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts gesagt, dass ich das Kreuz in einem umfassenderen Sinn sehe. Nicht jeder, der sich an einem religiösen Symbol stört, kann sagen: „Das muss weg.“ Wie weit kämen wir, wenn auf dem Marienplatz hier nicht mehr die Mariensäule sein dürfte?

Jetzt hat es ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts gegeben, das Ihren Beifall findet: zum Sonntagsschutz.

Ich bin sehr dankbar für dieses Urteil und auch froh, dass es einstimmig vom Senat beschlossen wurde. Die Richter haben sich in bemerkenswerter Weise erstmals auf die christlich-abendländischen Wurzeln berufen und bestätigt: Der Sonntag ist ein Tag, der den Alltag unterbricht und der zeigt, dass nicht alles dem Kommerz untergeordnet werden kann.

Es existiert die große religiöse Bedeutung, die der Sonntag für uns mit dem Gottesdienstbesuch hat, aber auch die gesellschaftliche Komponente für die ganze Familie, die vielen Ehrenamtlichen in den Verbänden. Für mich ist durch das Urteil ein Zeichen gesetzt worden, dass es aufgrund unserer abendländischen christlichen Kultur Werte gibt, die zu kulturellen Werten geworden sind. Richter haben sich an Gesetz und Verfassung zu halten. Politiker versuchen darüber hinaus manchmal populistisch zu schauen, was kommt besser an.

Die Gesellschaft ist da vielfach anderer Ansicht: Viele Menschen würden gerne sonntags einkaufen.

Wenn wir dazu eine Volksabstimmung hätten wie in der Schweiz, dann würde wahrscheinlich die Mehrheit sagen: „Lasst die Menschen doch kaufen und verkaufen, wann sie wollen!“ Es muss aber geschützte Räume geben für die betroffenen Angestellten. Auch dafür machen wir uns stark.

Wer einkauft, überlegt zu wenig, was die Verkäuferin alles mitmachen muss. Wir haben eine Aufgabe auch als Kirche, offensiv dafür einzutreten, was der Wert und Sinn des Sonntags ist – nicht mit erhobenem Zeigefinger. Wir brauchen den gemeinsamen freien Tag – es bringt nichts, wenn jeder an einem anderen Tag frei hat.

Wie steht es denn um die Zahlen der Gottesdienstbesucher an Sonntagen?

Die Zahlen nehmen leider nicht zu. Sie haben sich eingespielt auf einem Niveau, das uns durchaus Sorge macht. Da ist vieles verloren gegangen. Aber wir verschließen die Augen vor dieser Entwicklung nicht.

Es gibt eine lebhafte Diskussion, dass die Form der alten Messe wieder stärker gepflegt werden müsse. Ist das der Königsweg?

Ich habe selbst die alte Form erlebt. Wenn ich zurückdenke: Wir haben als Jugendliche dafür gekämpft, die Gemeinschaftsmesse feiern zu dürfen. Warum? Weil wir das Latein nicht verstanden haben. Die Liturgiereform war eine gute Reform. Es sind sehr kleine Gruppen, die sich seit der Entscheidung des Papstes, die tridentinische Messe wieder zu gestatten, gemeldet haben.

Wir wollen abwarten, wie die Entwicklung weitergeht. Inwieweit ist das Nostalgie, inwieweit ist das Neugierde? Mir ist wichtig: Der Gottesdienst muss zur innersten Begegnung mit Gott führen. In diesem Sinne muss ich einen Gottesdienst mit Freuden und innerer Anteilnahme feiern können.

Ist die Kirche unter Papst Benedikt nicht in der Gefahr, wieder zu traditionalistisch zu werden, zu sehr nur den harten Kern ihrer Gläubigen zu bedienen?

Ich persönlich bin der Meinung: Schritte zurück bringen nichts! Man kann das, was einmal war, nicht einfach zurückholen wollen. Wir müssen als Kirche offensiv missionarisch in der Gesellschaft präsent sein. Und wir müssen schauen, wie wir in der Bandbreite des Katholischen möglichst viele mitnehmen.

Wenn wir uns zurückziehen würden in den kleinen Kreis, dann kämen wir dem Auftrag Jesu: „Geht hinaus in alle Welt, verkündet das Evangelium“ nicht nach. Manche sehnen sich in die Zeit der 50er-Jahre zurück. Sie vergessen, dass nicht die Frage der Veränderung, die durch das Konzil kam, daran schuld ist, sondern die veränderte Welt fordert neue Antworten.

Die Kirche leidet unter einem massiven Priestermangel. ZdK-Präsident Alois Glück hat bewährte, verheiratete Männer als Priester wieder ins Gespräch gebracht. Was halten Sie davon?

Man muss da nüchtern sein. Die Verbindung zwischen Ehelosigkeit und Priesteramt ist kein Dogma. Aber der Zölibat ist ein großes Geschenk und sehr wichtig, ja er ist unverzichtbar. Es gab bereits zwei Bischofssynoden, auf denen das Thema anstand. Jedes Mal ist mit großer Mehrheit an der Ehelosigkeit festgehalten worden.

Gleichzeitig müssen wir uns auf die veränderten Seelsorgestrukturen einstellen. Hier muss realistisch geplant werden, um Illusionen zu vermeiden. Die Realität erscheint mir so, dass man eine Pastoral mit Priestern, Pastoralreferenten und Gemeindereferenten in einer Vielzahl von Diensten entwickelt.

Warum hat Glücks Vorschlag zu einer so heftigen Reaktion des Augsburger Bischofs Mixa geführt?

Solche Konflikte sollten nicht über die Medien ausgetragen werden. Aber ich möchte mit Alois Glück schauen, wie können wir Absprachen treffen, was die Schwerpunkte des ZdK anbetrifft. Wir müssen stärker schauen, dass wir in der Gesellschaft präsent sind.

Heißt das: Das ZdK soll sich zu theologischen Fragen nicht äußern?

Das ZdK sollte seinen Schwerpunkt zunächst in die Gesellschaft hineinsetzen. Selbstverständlich werden wir in gemeinsamen Konferenzen auch innerkirchliche Fragen ansprechen. Aber das, was die theologische Dimension angeht, ist primär die Sache der Bischofskonferenz, weil es da ums Lehramt geht. Über die Pastoral muss man gemeinsam sprechen. Und in Politik und Gesellschaft hinein würde ich mir wünschen, dass das ZdK da stärker gehört wird.

Werfen wir einen Blick nach Rom. Der Versuch des Papstes, sich mit den Piusbrüdern zu verständigen, trifft bei Gläubigen auf Unverständnis. Schadet das nicht dem Ansehen des Vatikans?

Ich habe selber über diese Frage mit dem Heiligen Vater im März gesprochen. Sein Anliegen ist: Er hat die große Befürchtung, dass es in seiner Amtszeit zur endgültigen Trennung von einer Gruppe kommt, die immerhin Bischöfe hat. Er will zeigen, dass er alles Denkbare tut, um es zu verhindern.

Er hat bedauert, dass es in der Breite wenig verstanden worden ist – vor allem wegen der unglücklichen Geschichte mit Bischof Williamson (ein Bischof der Piusbruderschaft, der den Holocaust leugnet. Anm. der Red.), von der er nichts wusste. Es ist jetzt noch mal ein letzter Versuch. Aber der Weg bei diesem Versuch kann lang werden.

Zusammengefasst: Claudia Möllers

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