Forschung: Medikament gegen geistige Behinderung

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Erlangen - Bislang galt eine geistige Behinderung als unabwendbares Schicksal, doch nun testen Wissenschaftler zum ersten Mal ein Medikament dagegen.

“Es gibt einen ersten Hoffnungsschimmer“, sagte André Reis von der Universität Erlangen-Nürnberg im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa. Beim sogenannten fragilen X-Syndrom - der zweithäufigsten geistigen Behinderung, an der jeder 3000. Bub leidet - haben Forscher eine brüchige Stelle auf dem X-Chromosom entdeckt, wodurch das Gen ausfällt.

Bei Tierversuchen habe sich gezeigt, dass ein bereits für eine andere Krankheit zugelassenes Medikament die Lernleistung der Betroffenen wesentlich steigern könne. Anfang nächsten Jahres soll die Arznei deshalb an Menschen mit fragilem X-Syndrom auf ihre Wirksamkeit geprüft werden. “Das ist ein spannender Moment, weil sich jetzt eine neue Dimension öffnet“, betonte Reis. Falsche Hoffnungen wollen die Spitzenforscher aus aller Welt, die das Thema auf der Jahrestagung der Wissenschaftsakademie Leopoldina vom 29. September bis zum 1. Oktober in Erlangen diskutieren werden, jedoch nicht machen. “Das ist ein langer Weg.“ Die Wissenschaftler denken hierbei in Generationen, nicht in Jahren.

Kaputte Gene sind in Deutschland wohl die Hauptursache für geistige Behinderungen. “Wahrscheinlich gibt es tausende Genanlagen, die durch eine Mutation zu einer geistigen Behinderung führen können“, erläuterte Professor Reis, der auch Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Humangenetik ist. Allerdings könne man die genetische Ursache bislang häufig noch nicht nachweisen.

Wissenschaftler sprechen zumeist ab einem Intelligenzquotienten von unter 75 von einer geistigen Behinderung - in Deutschland sind zwei bis drei Prozent der Bevölkerung davon betroffen. “Geistige Behinderung ist der Endzustand, der übrigbleibt, wenn eine Entwicklungsverzögerung nicht mehr aufgeholt wird“, erklärte Reis.

Beim größten Teil dieser Menschen liege die Ursache in der Genetik, und nicht in einem Geburtsschaden oder etwa einem Infekt der Mutter während der Schwangerschaft. Bei den erblichen Formen wiederum träten spontane Mutationen, bei denen aufgrund einer unkalkulierbaren “Laune der Natur“ bei der Zeugung ein genetischer Fehler passiere, am häufigsten auf.

dpa

Rubriklistenbild: © dpa

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