Hamburger Bischöfin Jepsen tritt zurück

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Bischöfin Maria Jepsen

Hamburg - Die 1992 als weltweit erste Frau zur Bischöfin gewählte Maria Jepsen ist wegen anhaltender Zweifel an ihrer Glaubwürdigkeit im Zusammenhang mit Missbrauchsfällen zurückgetreten.

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Die 65-jährige Bischöfin der Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen Kirche von Hamburg erklärte am Freitag, sie sehe sich wegen der Vorwürfe “nicht in der Lage, die frohe Botschaft so weiterzusagen, wie ich es bei meiner Ordination und bei meiner Bischofseinführung vor Gott und der Gemeinde versprochen habe“. Jepsen steht seit Tagen unter Druck, sie sei Missbrauchsvorwürfen gegen einen Pastor nicht energisch genug nachgegangen. Jepsens Vorgesetzter Bischof Gerhard Ulrich erklärte, in Bezug auf die Vorwürfe, es scheine so zu sein, “dass zu einer bestimmten Zeit in unseren Strukturen nicht angemessen mit allen Informationen umgegangen worden ist. Bis Ende Juli wird ein erster Zwischenbericht dazu vorliegen.“

Ulrich dankte Jepsen “für den langen und segensreichen Dienst“ in der Kirche. Jepsen sagte, sie erwarte, dass die Missbrauchsfälle in Ahrensburg “zügig aufgeklärt werden und die Wahrheit ans Licht kommt“. Jepsens Wahl zur Bischöfin im Jahr 1992 war damals eine Sensation und hatte Kirchengeschichte geschrieben: Weltweit hatte erstmals bei einer lutherischen Bischofswahl eine Frau gesiegt. Mittlerweile gab es mit der Lübeckerin Bärbel Wartenberg-Potter und Margot Käßmann in Hannover weitere evangelische Bischöfinnen. Beide sind nicht mehr im Amt. Käßmann war zurückgetreten, weil sie betrunken Auto gefahren war.

Bei den Missbrauchsvorwürfen geht es um Fälle aus den 70er und 80er Jahren. Ein Pastor aus Ahrendsburg soll jahrelang eine Frau missbraucht haben, auch als Jugendliche. Eine Zeugin sagte jetzt, sie habe 1999 Jepsen über den Missbrauchsfall informiert. Jepsen erklärte dazu, sie erinnere sich nicht an das Gespräch. Der Pastor war 1999 aus der Gemeindearbeit heraus versetzt worden. Der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider bedauert den Rücktritt. In einem Brief an Jepsen würdigte Schneider die Verdienste der Theologin und hob das “nimmermüde Engagement“ Jepsens für die weltweite Mission und Ökumene und das Thema “Kirche und Israel“ hervor. Schneider erinnerte auch besonders an Jepsens Engagement für eine neue Sicht auf Menschen mit homosexueller Prägung: Dass die evangelischen Kirchen in Deutschland nicht von den Spannungen um die ethische Bewertung der Homosexualität zerrissen worden sind sei Impulsen von Jepsen zu verdanken.

Jepsen stammt aus Bad Segeberg in Schleswig-Holstein und studierte Theologie in Tübingen, Kiel und Marburg. 1970 wurde sie Vikarin in Hamburg, ging 1972 als Gemeindepastorin nach Meldorf (Dithmarschen) und wechselte 1977 nach Leck in Nordfriesland, wo sie bis 1990 blieb. 1991 wurde sie Pröpstin im Kirchenkreis Hamburg-Harburg. Am 4. April 1992 wählte die Synode der Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen Kirche Jepsen zur Bischöfin für Hamburg. 2002 wurde sie für zehn Jahre in ihrem Amt bestätigt. Von 2001 bis 2004 war sie Vorsitzende der Nordelbischen Kirchenleitung. Jepsen profilierte sich als Befürworterin einer feministischen Theologie und maß Anstößen von Laien in den Bibel- und Gesprächskreisen große Bedeutung zu. Außerdem förderte sie den Dialog mit den Juden. Sie setzte sich für die Überprüfung von Traditionen des christlichen Glaubens ein, die den Antijudaismus und Antisemitismus fördern könnten.

dapd

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