Kirchenaustritte vor allem in Bayern und Hessen

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kirchengänger in der Frauenkirche in München.

Frankfurt/Main - Die Missbrauchsfälle in kirchlichen Institutionen haben offenbar nicht zur massenhaften Abkehr von der Kirche geführt. Laut einer Umfrage gab es aber mehr Austritte in Bayern und Hessen.

Der jahrzehntelange Missbrauch von Kindern und Jugendlichen in kirchlichen Institutionen hat das Vertrauen der Menschen schwer erschüttert. Besonders die katholische Kirche steht wegen der Vertuschung zahlreicher Fälle stark in der Kritik. Eine massenhafte Kirchenflucht hat es deswegen aber laut einer Umfrage der Nachrichtenagentur DAPD bislang nicht gegeben - obwohl gerade aus Bayern und Hessen, wo es besonders erschütternde Missbrauchsfälle gab, erhöhte Austrittszahlen gemeldet werden. In München etwa sind in den ersten drei Märzwochen 879 Katholiken und Protestanten aus der Kirche ausgetreten - etwa doppelt so viele wie gewöhnlich, wie das Kreisverwaltungsreferat mitteilte.

Welche Konfession stärker von den Austritten betroffen ist, geht aus den Zahlen allerdings nicht hervor. Auch in Darmstadt in Südhessen hat sich die Zahl der Austritte aus der katholischen Kirche seit Jahresanfang erhöht. Wie das Amtsgericht mitteilte, traten seit Jahresanfang pro Monat durchschnittlich 53 Katholiken aus ihrer Glaubensgemeinschaft aus. Im vergangenen Jahr seien es monatlich im Durchschnitt 49,4 gewesen. Im Gegenzug ist die Zahl der Austritte aus der evangelischen Kirche zeitgleich gesunken.

Bistümer Fulda und Limburg besonders betroffen

Zuvor hatten bereits Recherchen von hr-iNFO ergeben, dass im März dieses Jahres in Hessen deutlich mehr Menschen aus der katholischen Kirche ausgetreten sind als im März 2009. Besonders viele Austritte gibt es demnach in Bistümern Fulda und Limburg, wie die zuständigen Amtsgerichte erklärten. In Fulda waren es etwa fünf Mal so viele Austritte wie im März des Vorjahres.

Eine hohe Quote habe auch das Amtsgericht in Gießen gemeldet. Besonders auffällig sei, so eine Gerichtssprecherin, dass von den über 60 Austritten über 40 allein in der vergangenen Woche stattgefunden hätten. Auch in Frankfurt am Main seien Steigerungen bemerkbar.

Winterwetter hält von Kirchenaustritt ab

Gerhard Buballa, Referatsleiter im Bistum Limburg, sagte, Ursache seien nicht ausschließlich die in den vergangenen Wochen verstärkt bekannt gewordenen Missbrauchsfälle. In der Regel seien die Austritte in den Wintermonaten immer etwas höher. Auch nach Einschätzung eines Sprechers des Kölner Amtsgerichts können bei den häufig stark schwankenden Austrittszahlen witterungsbedingte Einflüsse ausgemacht werden. “Bei einem so harten Winter wie dem letzten könnte der ein oder andere sein Austrittsvorhaben um einige Monate verschoben haben, weil er keine Lust hatte, sich bei Schnee und Eis zum Amtsgericht aufzumachen,“ sagte er der Nachrichtenagentur DAPD. Eine Mail oder ein Brief reichten nicht - “wer aus der Kirche austreten will, muss persönlich hier erscheinen“.

In Köln und Düsseldorf gibt es seit Bekanntwerden der Missbrauchsfälle Ende Januar jedenfalls keine verstärkten Kirchenaustritte. Im Gegenteil: Im Vergleich zum Vorjahr sind die Zahlen sogar zurückgegangen. Während sich etwa in Köln im Februar 2009 nach Angaben des Amtsgerichts noch 346 Katholiken von der Kirche abwandten, waren es in diesem Jahr nur knapp 160. Bei den Protestanten sah es ähnlich aus.

Auch in Düsseldorf lag die Zahl der bis Mitte März registrierten Rücktritte bei beiden Konfessionen deutlich unter Vorjahresniveau. Erfahrungsgemäß spielten aktuelle Diskussionen in Zusammenhang mit der Kirche nur eine untergeordnete Rolle bei der Entscheidung auszutreten, erklärte der Sprecher des Düsseldorfer Amtsgerichts. Formell müssten Austrittswillige ihren Schritt zwar nicht begründen, doch häufig verwiesen die Leute vor allem auf das Thema Kirchensteuer, sagte er.

“Große Betroffenheit“

In der katholischen Kirche in Mecklenburg hat Weihbischof Norbert Werbs eingeräumt, dass fünf inzwischen verstorbene Geistliche Minderjährigen sexuell missbraucht hatten. Auf die Zahl der Austritte hat sich das bislang nicht ausgewirkt. “In Gesprächen mit Gemeindemitgliedern erlebe ich aber immer wieder eine große Betroffenheit“, erklärte der Schweriner Propst Horst Eberlein in Interviews.

Das Standesamt Magdeburg in Sachsen-Anhalt verzeichnet keine vermehrten Kirchenaustritte. In Halle an der Saale gab es seit Jahresbeginn 80 Abmeldungen, sieben mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Drei Viertel der Austritte gab es dort aus der evangelischen Kirche.

Schwund von ein bis zwei Prozent in Thüringen üblich

Auch in Thüringen hat das Bekanntwerden der Missbrauchsfälle nicht zu mehr Kirchenaustritten geführt. Pro Jahr verlieren die beiden großen christlichen Kirchen dort ein bis zwei Prozent ihrer Mitglieder. 2010 wird sich der Schwund nach Ansicht von Sprechern beider Kirchen nicht verstärken. “Es wird heftig diskutiert“, sagt Peter Weidemann, Sprecher des Bistums Erfurt. Doch für die meisten ist eine Abkehr von der Kirche keine Alternative. Hauptursache für die Austritte sei die zu hohe Kirchensteuer, betont auch er.

Nach Angaben der Standesämter kehrten in Erfurt 342 und in Jena 233 Gläubige der Kirche in den vergangenen zwölf Monaten den Rücken. Das sei kaum mehr als in den Jahren zuvor. Die Zahl der Thüringer Katholiken ist nach Angaben des Ladensamtes für Statistik seit 1990 von 250.000 auf unter 180.000 gefallen, vor allem wegen Todsfällen und Abwanderung. Durch Austritte gingen 15.000 verloren. Die Zahl der Thüringer Protestanten ist seit der Wende von über 850.000 auf 531.000 gesunken.

dapd

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