„Wie im Mittelalter!“

Eklat vor Gottesdienst: Pfarrer wirft Frauen aus der Kirche, weil ihm eine Erklärung nicht passt

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Gabi Gressel (l.) verliest in der Kirche eine Erklärung. Pfarrer Andreas Heck verliert dabei die Fassung und reißt sich Stola vom Leib (r., mittig im Bild).
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In einer katholischen Kirche in Franken kurz vor dem Gottesdienst zu Mariä Himmelfahrt kommt es zum Eklat. Der Pfarrer rastet aus und schmeißt mehrere Frauen aus der Kirche. Viele im Ort sind auf seiner Seite.

Forst/Schweinfurt – Als Gabi Gressel beginnt, ihre Erklärung am Lesepult in der Kirche vorzulesen, sitzt Pfarrer Andreas Heck in einer der hinteren Reihen. Der Gottesdienst am Vorabend von Mariä Himmelfahrt hat noch nicht begonnen, die Kirchenbänke sind nur spärlich gefüllt. 

Gabi Gressel will eine Aktion des örtlichen Frauenbunds erklären, die für hitzige Debatten in dem 1000-Einwohner-Ort gesorgt hatte. Bei einer Andacht hatten die Frauen die Marien-Statue durch die Reihen gereicht. „Maria in unserer Mitte“ – das war das Motto. 

Maria 2.0: Aktion führt zum Eklat in der Kirche von kleinem Dorf bei Schweinfurt

Die örtliche Zeitung titelte bei dem Bericht über die Aktion „Frauen heben Maria von ihrem Sockel“. Gabi Gressel will die Stimmung im Dorf nun beruhigen, deshalb hat sie eine Erklärung vorbereitet. Doch in der Kirche passiert genau das Gegenteil.

„Schämt euch“-Rufe: Viele aufseiten des Pfarrers

„Schämt euch“, ruft ein Gottesdienstbesucher. „Hört auf damit“, ein anderer. Schließlich verliert auch Pfarrer Andreas Heck die Fassung. Er steht auf, während er in die Sakristei läuft, zieht er sich wütend die Stola vom Körper, die Ministranten folgen ihm. Gabi Gressels Mann Rainer, der seit fast 50 Jahren der Organist der Kirche ist, filmt alles, das Video liegt unserer Redaktion vor.

In den vorderen Kirchenbänken sitzen die anderen Mitglieder des Frauenbunds, alle in weiß gekleidet. Sie kümmern sich in der Kirche um den Blumenschmuck. 

Gabi Gressel spricht weiter. Sie will erklären, warum die Frauen der Marienstatue einen weißen Schal umgehängt haben. „Die Farbe Weiß symbolisiert die Taufe, die Frauen und Männern in gleicher Weise verliehen ist“, sagt sie. 

Eklat nach Maria 2.0-Aktion: Erst geht der Pfarrer - dann kommt er zurück und dreht richtig durch

Der Pfarrer kommt aus der Sakristei gestürmt, berichtet Rainer Gressel. Er nimmt der Statue den Schal ab, reißt Gressel ihr Manuskript aus der Hand, zerknüllt es und wirft es unter eine Kirchenbank. 

Doch die 60-Jährige lässt sich nicht einschüchtern. Sie holt sich das Papier zurück und trägt es bis zum Ende vor. Einige Gottesdienstbesucher verlassen die Kirche, andere hören zu. 

Maria 2.0 nahe Schweinfurt: Pfarrer schmeißt Frauen aus der Kirche

Der Pfarrer verweist die Frauen aus der Kirche. Außerdem nimmt er die Sicherung für das Glockengeläut heraus, die Glocken haben seitdem in Forst nicht mehr geläutet. Der geplante Gottesdienst findet nicht statt.

Gressel kann nicht glauben, was er an diesem Tag in der Kirche erlebt hat. „Sowas hätte ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht vorstellen können“, sagt er. „Wie im Mittelalter!“ Er will nun erstmal nicht mehr die Orgel in der Kirche spielen. „Ich erwarte, dass der Pfarrer auf die Frauen zugeht“, sagt er. Bisher sei das aber nicht passiert. Auch für eine Stellungnahme war Pfarrer Heck nicht erreichbar.

Rainer Gressel ist enttäuscht von seinem Pfarrer. „Wenn er sich keine kontroverse Meinung anhören kann, ist er falsch für diesen Job“, sagt er und findet noch härtere Worte: „Er ist fromm und dumm.“ 

Der Pfarrer sei nie angegriffen worden, betont Gressel. Es sei immer nur um die Rolle der Frauen in der Kirche gegangen. „Sie müssen mehr Freiraum bekommen“, findet der 69-Jährige. Alles andere sei nicht zeitgemäß. Vor allem schmerzt ihn und seine Frau aber, dass auch die Gemeinde so gespalten ist bei diesem Thema. Es seien böse Worte gefallen.

Eklat in Kirche nach Maria 2.0-Aktion: Bistum reagiert mit Stellungnahme

Am Freitag reagierte auch das Bistum Würzburg auf den Vorfall und zitierte Generalvikar Thomas Kessler: Der Pfarrer habe offenbar „in seiner emotionalen Erregung unglücklich reagiert“. Überall sei es im Zusammenhang mit Maria 2.0 wichtig, dass beide Seiten einander zuhören, betonte Kessler.

Die Gressels wollen nun abwarten, wie es nach dem Eklat zu Mariä Himmelfahrt weitergeht. „Wir sind nach wie vor gesprächsbereit“, betonen sie. Zumindest einen positiven Nebeneffekt gebe es nach dem Rauswurf der Frauen aus der Kirche, findet Gressel: „Jetzt wird wenigstens intensiv über Maria 2.0 gesprochen.“

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kwo

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