Mehrfachmörder fühlte sich terrorisiert

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Guido N. vor Gericht in Leipzig.

Leipzig/Kraiburg - "Ich bitte inständig um Verzeihung" - der mutmaßliche Dreifachmörder Guido N. (41) hat sich gestern am Landgericht Leipzig bei den Angehörigen der Opfer entschuldigt.

Der mutmaßliche Mehrfachmörder, dem die Verantwortung der Tode von Tino L. (27), Denis H. (23) und Patrick B. (19) angelastet wird, bat zum Auftakt des dritten Verhandlungstages "inständig um Verzeihung".

Gegenüber dem psychiatrischen Gutachter Prof. Dr. Norbert Leygraf hatte sich der Bayer, der Anfang September auf dem Kraiburger Marktplatz verhaftet worden war, bereits Ende 2010 zu den Taten eingelassen. Leygraf, Direktor des Instituts für Forensische Psychiatrie der Universität Duisburg-Essen, hatte an zwei Tagen im Dezember etwa acht Stunden mit N. verbracht. Währenddessen gestand N. die Taten, die sich im April 2009 und August 2010 in Groitzsch ereignet hatten. Leygraf beschrieb den Angeklagten als meist ruhigen Typen, "der dazu neigte, sehr lange Ausführungen zu machen. Teils wirkten die Aussagen sehr künstlich und wenig emotional".

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Der renommierte Sachverständige, der gestern zunächst nur als Zeuge gehört wurde und der Fragen zur Schuldfähigkeit des Angeklagten erst zum Abschluss der Beweisaufnahme beantworten wird, beschrieb ein Phänomen, auf das er im Gespräch mit N. aufmerksam wurde. "Er erzählte mir, dass er schon länger die besondere Gabe besitze, eine Stimme hören zu können, die ihm bestimmte Dinge vorhersagen könne. So sei für ihn unter anderem der Todeszeitpunkt von Menschen vorhersehbar." Nach eigenem Bekunden hatte sich N. deswegen selbst in fachärztliche Behandlung begeben, um schizophrene Verhaltensmuster untersuchen zu lassen. "Eine derartige Diagnose wurde nie bestätigt. Auch ich habe weder schizophrene oder paranoide Züge an ihm erkannt", so Leygraf.

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Angesprochen auf seine Waffen und die Frage, ob er als Jäger regelmäßig zur Jagd gehe, antworte N. dem Gutachter während der Exploration: "Nein. Ich kann keine Tiere töten." Während der Gespräche mit Norbert Leygraf habe N. relativ gelassen gewirkt. "Nur an einzelnen Stellen zeigte er auffällige Erregungszustände." So habe der Oberbayer, der in U-Haft gerade an einer Goethe-Studie arbeitet, kurze Schreiattacken bekommen, bei denen er alle Gliedmaßen von sich streckte und dann schnell wieder zu sich kam. Leygraf hatte das Gefühl, "einem Menschen gegenüberzusitzen, der sich in besonderer Weise selbst darstellen will, ohne von der Situation beeindruckt zu sein".

Die Taten stellte der Angeklagte dem Gutachter gegenüber so dar, als sei er dazu gezwungen worden. "Er fühlte sich in Groitzsch terrorisiert." Mehrere Einbrüche und Diebstähle habe er bei der Polizei angezeigt, ohne dass etwas unternommen worden sei. Aus Angst vor Angriffen habe er sich den Revolver gekauft, berichtete der Forensiker.

N. hatte das Grundstück 2005 gekauft, um dort ältere Landmaschinen und Fahrzeuge unterzubringen, die er wieder aufbauen wollte. Auch während der gestrigen Zeugenvernehmungen bestätigte sich, dass die drei Opfer zu einer Gruppe von Schrottdieben gehörten, die hauptsächlich in der alten Plasta-Fabrik auf Beutezug gingen. Immer wieder habe der 41-Jährige fremde Personen auf dem Gelände beobachtet.

Zweitwohnsitz von Guido N.

Zweitwohnsitz des mutmaßlichen Täters und Hardt-Haus Kraiburg

Leygraf: "Ostern 2006 oder 2007 hat er sich, mit einem angespitzten Holzpfahl bewaffnet, im Gebäude verschanzt und die Polizei gerufen, als er eine Frau und einen jungen Mann auf dem Nachbargrundstück bemerkte. Die Polizei kam auch und hätten mit ihm zusammen das Grundstück abgesucht." Auch den Beamten gegenüber berichtete N. von ständigen Einbrüchen und Diebstählen. Bei einem jungen Mann, den die Polizei im Beisein N.s stellte, sei ein Schraubenzieher aus N.s Besitz gefunden worden. Möglicherweise handelte es sich dabei um das erste Opfer.

N. selbst sprach von Verfolgungswahn und Todesangst, derer er sich in Groitzsch ausgesetzt sah. Als ihn Monate später eine Gruppe Jugendlicher auf seinem Grund anpöbelte, verteidigte sich N. mit einem Spaten in der Hand.

Am 20. April 2009 machte er in der alten Fabrik Rast, als plötzlich Tino L. neben ihm stand und auf ihn eingeschlagen haben soll. Den Revolver bei sich, soll N. geschossen haben, als das Opfer nicht von ihm abließ. Auch nach dem ersten Schuss, soll L. Guido N. weiter verprügelt haben. N. schoss abermals. Rettungssanitäter und der erstversorgende Notarzt sagten aus, dass Tino L. zwei Schussverletzungen hatte. Guido N. sei nach der Tat orientierungslos und in Panik gewesen. Dass L. an seinen Verletzungen verstarb, bekam N. erst einige Zeit später aus einem Fernsehbeitrag mit, "ohne das zunächst in Bezug auf die Tat in Groitzsch zu sehen", so Leygraf.

N. beschrieb dem Sachverständigen den Ablauf der beiden Taten an Denis H. und Patrick B. im August 2010 ebenfalls sehr genau. Er wusste, dass er den 19-Jährigen mit einer Eisenstange zu Tode prügelte, nachdem er drei Schüsse aus seiner Magnum auf ihn abgefeuert hatte und ihn dann an den Beinen in die Lagerhalle zog. Als er Denis H. bemerkte, schoss N. auch auf ihn. Auch H. habe sich noch versucht zu wehren, woraufhin ihn N. mit dem leer geschossenen Revolver gegen den Kopf schlug. Denis H. konnte dennoch flüchten und verstarb in der Klinik. N. habe sich auch nach diesen Taten orientierungslos gefühlt "und wollte nur weg". Bis zum Abend seiner Festnahme in Kraiburg hat N. keine Erinnerungen mehr.

Thomas Lieb (Waldkraiburger Nachrichten)

Quelle: rosenheim24.de

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