200 Menschen wollen Haus von mutmaßlichem Sexualstraftäter stürmen

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Pizeisprecher Klaus Wiechmann sagte, zu der Protestaktion sei mit einer Rund-SMS aufgerufen worden (Symbolbild).

Gadebusch/Schwerin - Ein 22-Jähriger soll drei kleinen Mädchen Porno-Filme gezeigt haben - deshalb wollten rund 200 wütende Menschen das Haus des Mannes stürmen. Die Polizei rückte mit 40 Mann an.

Etwa 200 aufgebrachte Menschen haben am Dienstagabend in Gadebusch in Nordwestmecklenburg drei Stunden lang das Wohnhaus eines mutmaßlichen Sexualstraftäters belagert. Sie hätten lautstark gefordert, dass der Mann aus dem Ort wegzieht, berichtete die Polizei am Mittwoch.

Gegen den 22-Jährigen laufen Ermittlungen, weil er am Wochenende drei Mädchen im Alter von acht bis zehn Jahren pornografische Filme gezeigt haben soll. Eines der Mädchen hatte sich seinen Eltern anvertraut, die daraufhin die Polizei alarmierten.

Ein Haftbefehl wegen des Verdachts des sexuellen Missbrauchs von Kindern wurde nach Angaben der Staatsanwaltschaft gegen Auflagen außer Vollzug gesetzt. So dürfe der Mann keinen Kontakt zu den Kindern haben und müsse sich regelmäßig bei der Polizei melden.

“Das Gericht hat sich bei seiner Entscheidung vom Grundsatz der Verhältnismäßigkeit leiten lassen. Der Mann war zuvor nicht einschlägig aufgefallen. Die Auflagen sind klar“, erklärte der Schweriner Oberstaatsanwalt Ralph-Siegfried Ketelboeter.

In der Kleinstadt war das Vorgehen der Behörden auf Unverständnis gestoßen. Auch Bürgermeister Ulrich Howest kritisierte die Freilassung des Tatverdächtigen: “Für mich ist es nicht nachvollziehbar, wie eine derartige Entscheidung zustande kommt“, sagte er dem Radiosender Antenne MV. Es sei Aufgabe des Staates, seine Bürger zu schützen. “Wenn diese Kernkompetenz des Staates nicht mehr wahrgenommen wird, fragen sich die Bürger zu Recht, ob sie sich noch sicher fühlen können“, erklärte Howest.

Polizei warnt vor Selbstjustiz

Polizeisprecher Klaus Wiechmann sagte, zu der Protestaktion sei mit einer Rund-SMS aufgerufen worden. Einige Demonstranten hätten in das Haus eindringen wollen. Etwa 40 Beamte seien im Einsatz gewesen, um eine Eskalation zu verhindern. Unter die Protestierenden hätten sich auch bekannte NPD-Mitglieder gemischt. Der Beschuldigte habe sich am Abend nicht in seiner Wohnung in dem Mehrfamilienhaus aufgehalten, sagte Wiechmann.

Der Landesverband der Deutschen Kinderhilfe Mecklenburg- Vorpommerns äußerte Verständnis für die Sorge vieler Bürger, warnte aber vor Selbstjustiz. “Gut ist, dass sich so viele Menschen Gedanken zum Thema “Sexueller Missbrauch von Kindern“ machen und sich mit den Opfern solidarisieren“, erklärte Verbandssprecher Rainer Becker. Bedenklich sei aber, dass 40 Polizeibeamte vor Ort sein mussten, um eine Eskalation zu verhindern. “Jeder Beschuldigte hat einen Rechtsanspruch auf ein faires Verfahren, auch wenn es um Sexualdelikte gegen Kinder geht.“

Gegen mutmaßliche oder verurteilte Sexualstraftäter hat es in Deutschland schon häufiger Proteste gegeben. Anfang des Jahres demonstrierten Bürger im nordrhein-westfälischen Heinsberg tagelang gegen einen aus der Haft entlassenen Vergewaltiger. Damals hatte der CDU-Landrat die Einwohner vor dem Mann gewarnt.

2008 war ein Serienvergewaltiger nach 22 Jahren verbüßter Haft zwischen Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern hin und her geschoben worden, weil ihn keiner haben wollte. “Warum hetzt man mich wie ein Tier? Ich will Ruhe und Hilfe, ich bin kein Abfall“, hatte der Mann damals in einer persönlichen Erklärung geschrieben.

dpa

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