Ökumenischer Kirchentag mitten in Vertrauenskrise

München - Nach monatelangen Negativschlagzeilen über Missbrauch und Gewalt in kirchlichen Einrichtungen wollen Christen ab diesem Mittwoch ein Zeichen ihres Glaubens setzen. Das Programm des Kirchentags ist daher angepasst worden.

Unter dem Motto “Damit ihr Hoffnung habt“ beginnt an diesem Mittwoch in München der 2. Ökumenische Kirchentag. 2003 gab es einen ersten in Berlin. Rund 110 000 Gläubige werden zu dem Treffen bis 16. Mai erwartet. Der Kirchentag wird überschattet von vielen Fällen von sexuellem Missbrauch und Gewalt, die vor allem die katholische Kirche in den letzten Monaten erschütterten. Nachträglich wurden Veranstaltungen zu dem Thema ins Programm aufgenommen.

Missbrauch in der katholischen Kirche: Chronologie

Chronologie der Missbrauchsfälle

Der zentrale Eröffnungsgottesdienst ist auf der Theresienwiese vorgesehen, dem Ort des Oktoberfestes. Danach soll Bundespräsident Horst Köhler zu den Gästen sprechen. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) kommt nach München. Sie spricht am Freitag bei einer Veranstaltung zum Thema “Hoffnung in Zeiten der Verunsicherung. Gibt es eine Formel für den gesellschaftlichen Zusammenhalt?“.

Knapp drei Monate nach ihrer Trunkenheitsfahrt und ihrem Rückzug als Bischöfin und Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) sucht auch Margot Käßmann wieder das Rampenlicht. Sie präsentiert unter anderem ihr Vaterunser-Buch “Das große Du“.

Nach Ansicht Köhlers dürfen die Missbrauchsfälle nicht den Blick auf die Verdienste der katholischen Kirche verstellen, etwa in Afrika oder Lateinamerika, wo sie viel Not lindere, sagte er der Wochenzeitung “Rheinischer Merkur“. “Wenn ich dann erlebe, wie die jetzige Diskussion die katholische Kirche generell in Misskredit bringt, der in keinem Verhältnis zu ihrer Bedeutung und Leistung steht, dann bedrückt mich das auch als Protestant“, sagte Köhler.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) schaltete sich kurz vor dem Kirchentag in die schwelende Debatte um den Zölibat ein, die Ehelosigkeit für katholische Priester. Vor dem Hintergrund der Missbrauchsfälle hatten sich sogar Bischöfe daran beteiligt. Der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick hält beispielsweise eine Lockerung für normale Priester für denkbar. De Maizière sagte der Wochenzeitung “Die Zeit“ (Donnerstag): “Ich finde den Zölibat falsch.“ Mann und Frau gehörten zusammen, “auch als Pfarrer“. Der Einwand, ein Priester werde durch eine Frau abgelenkt, habe ihn nie überzeugt.

Der Münchner Erzbischof Reinhard Marx verteidigte in einem Interview der “Tageszeitung“ (taz/Mittwoch) die ebenfalls in Kritik geratene Sexualmoral der katholischen Kirche: “Die Sexualmoral der Kirche halte ich nicht für ein Problem“, sagte Marx. “Wie sie verkündet oder wie sie dargestellt wurde, vielleicht schon.“

Kirchliche Reformgruppen haben unterdessen zu gemeinsamen Abendmahlsfeiern auf dem Ökumenischen Kirchentag aufgerufen. Einen Tag vor der Veranstaltung appellierten die Reformgruppen an die Teilnehmer, die von der katholischen Kirche angeordnete Trennung nicht zu akzeptieren. “Nehmt vor allem an Abendmahls- und Eucharistiefeiern der jeweils anderen Konfession teil“, heißt es in einem Aufruf, den der Arbeitskreis Ökumene vorstellte.

Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Alois Glück, erwartet von dem Münchner Treffen “einen starken Impuls sowohl für die weitere Entwicklung der Ökumene wie auch für die Rolle der Christen in unserer Gesellschaft“.

dpa

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