Psychotherapie mit Drogen: Ein Opfer weiter im Koma

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Schilder, die vor der Praxis des Skandal-Therapeuten im Berliner Stadtteil Hermsdorf.

Berlin - Nach dem tödlichen Therapie-Experiment mit Drogen in einer Berliner Arztpraxis kämpfen Mediziner noch immer um das Leben eines Patienten.

Sein Zustand sei weiterhin kritisch, teilte die Polizei am Montag mit. Zwei Männer waren bereits am Samstag gestorben, nachdem ihnen der Psychotherapeut einen Drogenmix verabreicht hatte. Berufsverbände sprachen am Montag von einem Fall von “Scharlatanerie“ in der Praxis des 50-Jährigen, der in Verbindung mit einer sektenähnlichen Gemeinschaft steht.

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Bewusstseinsverändernde Drogen hätten in der Psychotherapie nichts verloren, hieß es. Mit dem Fall rücken Angebote an der Grenze zwischen Therapie und Spiritualität in den Blickpunkt, die nach Expertenaussagen seit Jahren zunehmen. Der Präsident der Ärztekammer Berlin, Günther Jonitz, kritisierte den “grauen Markt“ für alternative Therapien. “Wir haben in Deutschland eine ganz besonders hohe Nachfrage nach solchen alternativen Heilverfahren, bei denen bis zum heutigen Tag aber jeder konkrete Nachweis eines konkreten Nutzens fehlt“, sagte er dem Radiosender MDR Info .

Gegen den verantwortlichen Arzt war am späten Sonntagabend Haftbefehl ergangen. Ihm wird in zwei Fällen gefährliche Körperverletzung mit Todesfolge vorgeworfen sowie in sechs Fällen gefährliche Körperverletzung. Die Ermittler suchen noch immer die genaue Zusammensetzung des Drogencocktails, die der Mediziner den insgesamt zwölf Teilnehmern in seiner Praxis im Berliner Norden verabreicht hatte. Der Verdächtige habe dazu zwar Angaben gemacht, sagte ein Sprecher der Berliner Staatsanwaltschaft. Die Anklagebehörde wolle diese aber nicht öffentlich machen, bevor das Ergebnis der toxikologischen Untersuchung vorliege, die einige Tage in Anspruch nehme.

Drogen sollten Bewusstsein erweitern

Die Drogen sollten bei dem Treffen mit zwölf Teilnehmern eine Art Bewusstseinserweiterung bewirken. Zwei Männer im Alter von 59 und 28 Jahren erlagen der Vergiftung. Die Deutsche Psychotherapeutenvereinigung distanzierte sich von dem Arzt. Eine solche Behandlung habe mit Psychotherapie nichts zu tun, erklärte der Vorsitzende Dieter Best am Montag . “Unser Mitgefühl gilt den Angehörigen der Opfer. Wir sind erschüttert, dass so etwas möglich ist, verwahren uns aber dagegen, dass Scharlatanerie, wie sie hier betrieben wurde, mit Psychotherapie in Verbindung gebracht wird.“

Die Frau des Berliner Arztes, die gemeinsam mit ihm als Psychotherapeutin die Praxis führt, ist den Angaben zufolge auf freiem Fuß. Derzeit sei ihr Mann der einzige Tatverdächtige, hieß es. Beide boten in ihrer Praxis die psycholytische Therapie an. Dabei werden bewusstseinsverändernde Substanzen verwendet, etwa auch Rauschgifte wie LSD und bestimmte Pilze. Das Haus des Arztes im beschaulichen Stadtteil Hermsdorf ist versiegelt, noch am Montag zog es Fernsehteams zu der Praxis am Stadtrand.

Jetzt spricht der Ausbilder des Drogen-Therapeuten

Der Schweizer Mentor des Therapeuten, Samuel Widmer, äußerte sich am Montag betroffen von den Vorfällen. Der Berliner sei vor 15 Jahren bei ihm in der Ausbildung gewesen, sagte Widmer der dpa. Er selbst arbeite nur mit genehmigten Substanzen. “Ich muss also annehmen, dass er etwas anderes genommen hat, denn meine Substanzen sind ungefährlich.“ Widmer sagte, er wisse, dass sich diese Therapien, weil sie verboten seien, “massiv im Untergrund ausbreiten“.

Widmer leitete in der Schweiz eine “Gemeinschaft Kirschblüte“, die die Zentralstelle für Weltanschauungsfragen der Evangelischen Kirche als Sekte einstuft. “Es ist nicht auszuschließen, dass das in Berlin ein Biotop ist, das in diese Richtung gehen sollte“, sagte der Experte der Zentralstelle, Michael Utsch , und verwies in einem dpa- Gespräch auf eine wachsende Zahl unseriöser Angebote in der Psychotherapie. Gesicherte Erkenntnisse über die Teilnehmer der Hermsdorfer Sitzung gibt es allerdings noch nicht.

Der Berliner Therapeut und seine Frau waren als Referenten eines Seminarprogramms Widmers eingeplant, das unter dem Titel Therapeutisch-Tantrisch-Spirituelle Universität firmiert und sich auf psycholytisches Arbeiten spezialisiert hat. Widmer lebt im schweizerischen Lüsslingen mit zwei Frauen und hat mit ihnen insgesamt elf Kinder. Er kritisiert in einem Interview auf seiner Website unter anderem das Inzesttabu.

dpa

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