„Wie in der Nachkriegszeit“

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Wasserburg - Schachern wie im orientalischen Basar ist derzeit bei Apothekern und Ärzten angesagt: Der Impfstoff gegen die "Schweinegrippe" ist Mangelware. "

Lesen Sie hier den Bericht aus der Wasserburger Zeitung:

„Wie in der Nachkriegszeit“

 Christian Glasl ist genervt. Stunde um Stunde hängt der Apotheker derzeit am Telefon, versucht Impfstoff gegen die Schweinegrippe zu bekommen. Und muss parallel dazu Ärzte und Kunden beschwichtigen. Am Mittwochnachmittag hat er die letzte Ampulle verkauft.

„Ich komme mir vor wie in der Nachkriegszeit. Den Impfstoff gibt es derzeit nur gegen Bezugsschein – und dann auch nur 500 Einheiten. Selbst wenn ich 1000 bräuchte, ich bekomme sie nicht“, sagt Glasl. Er hatte für seine Marienapotheke nach den zögerlichen Bestellungen der hiesigen Ärzte zunächst nur eine Lieferung bestellt und sie mit einem Kollegen aus Landshut geteilt. Denn ursprünglich mussten die Apotheken finanziell in Vorleistung gehen, bei 500 Ampullen Impfstoff kamen da schnell 5000 Euro zusammen. „Und wenn dann der Impfstoff nicht nachgefragt wird, dann haben wir ein Problem.“ Und die Nachfrage, die war zunächst gering. Brigitte Vetter hatte in der zweiten Oktoberhälfte schon eine Lieferung an die Antonius-Apotheke angeleiert, diese dann aber wieder abgeblasen, da nur ein Arzt Impfstoff für zwei Patienten haben wollte. Eine Erfahrung, die sie mit Elisabeth Burger im Burgerfeld teilt. Am Marienplatz und in der St.-JakobsApotheke war die Nachfrage etwas besser, überwältigend aber auch nicht. „Bei der Diskussion um guten und schlechten Impfstoff ist es kein Wunder, dass sich die Patienten nicht gleich meldeten“, so Glasl. Zumal, so Elisabeth Burger, in vier bis acht Wochen möglicherweise der Impfstoff ohne Zusatzstoffe auf den Markt kommt und viele Patienten dies abwarten wollten.

Denn diese sind, so die Erfahrung von Dr. Wolfgang Schmid, Vorsitzender des Wasserburger Hausärztevereins, verunsichert, ob sie sich denn nun impfen lassen sollen oder nicht. „Das sind wir Ärzte aber auch, denn täglich gibt es neue, sich zum Teil widersprechende Informationen.“ Deswegen könne er Kollegen verstehen, die nicht impfen wollen, ihre Patienten an andere Ärzte verweisen. Ein weiteres Argument führt Dr. Marko Senjor an: Das Serum muss in Zehnergebinden abgenommen werden. Und zunächst habe keiner gewusst, wie groß sein Bedarf ist. Da sei es doch sinnvoller, die Impfung auf eine Handvoll Praxen zu konzentrieren, anstatt womöglich den nur begrenzt haltbaren Impfstoff wegwerfen zu müssen. Nicht wegwerfen, sondern im Gegenteil dringend geliefert bekommen muss Thomas Wilsmann Impfstoff. Er hatte Patienten von Kollegen geimpft, zum Teil eigene Patienten vertröstet und ist nun besonders verärgert über den Lieferengpass. In einem Brandbrief an seine Kollegen bat er diejenigen, die noch über ausreichend Impfstoff verfügen, um Aushilfe, äußerte aber auch sein Unverständnis darüber, dass in Wasserburg „offenbar viel zu wenig Impfstoff vorgeordert wurde.“

„Der Impfstoff ist schlicht nicht da, auch beim Großhandel nicht“, weiß Elisabeth Burger. Christine Schmidtmayer von der Jakobsapotheke verweist darauf, dass das Serum nach und nach auf den Markt kommt, nicht auf Halde produziert wurde. „Wir bekommen schon wieder welches – und tauschen dann selbstverständlich auch mit Kollegen aus“, versichert sie. Wobei Ärzte und Apotheker sich in einem einig sind: Die „Schweinegrippe“ verläuft relativ mild. „Heftiger als ein Erkältungsinfekt, aber leichter als die normale saisonale Influenza“, beschreibt es Dr. Schmid. Dass eben diese normale Grippe jedes Jahr eine fünfstellige Zahl an Todesopfern fordert, was kaum jemanden interessiert, dass aber bei neuen Schweinegrippe-Opfern gleich eine Hysterie ausbricht, das ärgert Brigitte Vetter. Wer die Hysterie mit einer Impfung bekämpfen will: Freitagnachmittag meldeten sowohl Glasl als auch Christine Schmidtmayer, dass sich die Telefoniererei gelohnt hat. Beide bekamen Nachschub. Der ist allerdings weitgehend von den Ärzten vorbestellt.

syl

Quelle: rosenheim24.de

Rubriklistenbild: © dpa

Zurück zur Übersicht: Deutschland

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser