Sorge wegen Impfmüdigkeit

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Eine Ampulle mit dem Schweinegrippe-Impfstoff Pandemrix reicht für zehn Patienten: Den Hausarztpraxen in der Region beschert dies viel Organisationsaufwand.

Rosenheim/Landkreis (OVB) - Dass die Massen-Impfung gegen die Schweinegrippe auch im Raum Rosenheim schleppend anläuft, wundert heimische Ärzte und Apotheker nicht. **Schweinegrippe-Special**

Die Diskussionen um den Impfstoff Pandemrix haben die Akzeptanz in der Bevölkerung nicht gerade erhöht. Jetzt kommen zum Start auch noch logistische Hürden hinzu. Mehr beunruhigt die Mediziner und Apotheker aber etwas anderes: Die Zahl der Impfungen gegen die saisonale Grippe ist in der Region im Vergleich zum Vorjahr extrem zurückgegangen.

Das Ergebnis einer Umfrage des Internetportals rosenheim24 ist an Deutlichkeit nicht mehr zu überbieten: Von rund 700 Online-Lesern erklärten bis gestern Abend nur zwei Prozent, dass sie sich gegen die Schweinegrippe impfen lassen, weil sie sich schützen und kein Risiko eingehen wollen. Acht Prozent sind noch unsicher und wollen ihren Arzt fragen, während 90 Prozent die Aktion für reichlich übertrieben halten und derzeit nicht an eine Impfung denken.

Ein Ergebnis, das sich mit den Erfahrungen deckt, die Hausärzte und Arzthelferinnen derzeit in den Praxen in der Region machen. Dort war bis jetzt nichts davon zu spüren, dass am Montag die womöglich größte Impfaktion der Geschichte angelaufen ist. Eine Blitzumfrage unserer Zeitung bei Ärzten in Rosenheim, Bad Aibling und Wasserburg ergab: Die Nachfrage ist sehr gering, geimpft wird in der Regel noch nicht, und kaum ein Hausarzt verfügt bereits über den Impfstoff Pandemrix. Wegen des bisher harmlosen Verlaufs der Schweinegrippe in Deutschland und der Diskussion um die Impfstoffe war dies fast zu erwarten.

Manche Hausärzte impfen in den nächsten Tagen (und vielleicht Wochen) gar nicht, andere führen Listen mit Patienten, die sich impfen lassen wollen. Dies ist erforderlich, weil eine Ampulle mit Pandemrix für zehn Impfungen reicht. So muss möglichst in Zehner-Gruppen geimpft werden. Oder es wird Impfstoff und Geld verschwendet. Ein Beispiel: Wird nur ein Patient gegen die Schweinegrippe geimpft, dann wird der Rest-Inhalt der Ampulle (er würde für neun weitere Impfungen reichen) nach 24 Stunden unbrauchbar.

Zehn Patienten für die Impfung unter einen Hut zu bekommen, ist nicht nur mit großem Organisationsaufwand verbunden, sondern auch schwierig. "Da müsste es sich schon um zwei fünfköpfige Familien handeln, dann könnte es klappen", erklärt eine Rosenheimer Arzthelferin. Kein Wunder, dass die Hausärzte über strukturelle Defizite der Impfkampagne in Bayern klagen.

Ein weiteres Problem: die zu großen Pandemrix-Packungen. Die Apotheken erhalten den Impfstoff nur in Packungen zu 500 Einzeldosen, die für 5000 Impfungen reichen und über 5000 Euro kosten. Weil kein Hausarzt solche Mengen benötigt, befürchten viele Apotheker, auf ihren Ausgaben sitzen zu bleiben - und bestellen erst gar nicht.

"Mit zentralen Impfungen oder speziellen Impftagen hätte man dieses Problem umgehen können", kritisiert Dr. Beate Burkl, Sprecherin der Apothekerinnen und Apotheker im Raum Rosenheim, den dezentralen bayerischen Weg. In anderen Bundesländern, etwa in Baden-Württemberg, habe man die Impf-Aktion besser organisiert.

Trotzdem: Experten raten derzeit zu beiden Impfungen - eine gegen die Schweinegrippe und eine gegen die saisonale Influenza, also die jährlich wiederkehrende Grippewelle in den Wintermonaten. Im Zuge der Diskussionen um Wirkstoffverstärker und mögliche Nebenwirkungen ist offenbar bei vielen Patienten das Interesse an einer Impfung gegen die gängige Grippe zurückgegangen. "Eine große Impfmüdigkeit hat sich breit gemacht. Wir impfen deutlich weniger", heißt es in einer Wasserburger Praxis. Beate Burkl von der Hochland-Apotheke in Rosenheim beziffert den Rückgang im Vergleich zu 2008 sogar auf mindestens 50 Prozent. Eine Tatsache, die den Ärzten die Sorgenfalten auf die Stirn treibt. Während man in Deutschland die Todesfälle, die im Zusammenhang mit einer Infektion durch den H1N1-Virus stehen, an einer Hand abzählen kann, sterben jährlich tausende Bundesbürger an den Folgen der saisonalen Influenza.

"Viele dieser Todesfälle könnten verhindert werden, steht doch jedes Jahr ein neu entwickelter und gut verträglicher Impfstoff gegen die normale Grippe in ausreichender Menge zur Verfügung", erklärt Professor Dr. Horst Wilms, Bundesarzt der Johanniter. Gerade älteren Menschen wird dringend zu einer Infuenza-Impfung geraten.

re/Oberbayerisches Volksblatt

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Quelle: rosenheim24.de

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