Studie: Neue Atommeiler möglich - Endlager im Süden?

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Berlin - Ein von Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU) bestelltes Konzept zur künftigen Energieforschung hat den Streit um die Atomkraft weiter angeheizt.

Rund 100 Wissenschaftler halten in dem durch Medien am Mittwoch bekanntgewordenen Papier unter bestimmten Bedingungen auch den Bau neuer Atommeiler in Deutschland für möglich. Zugleich empfehlen sie die Suche nach einer Alternative zum geplanten Endlager im Salzstock Gorleben. Denkbar sei auch die Einlagerung des Atommülls in Tongestein. Die meisten deutschen Tonformationen gibt es in Baden-Württemberg - der politischen Heimat Schavans. Das Papier trägt den Vermerk “Zum vertraulichen Gebrauch“.

Schavan trat Vorwürfen entgegen, sie halte eine geheime Studie zum Neubau von Atomkraftwerken zurück. Sie habe weder ein Geheimgutachten erstellen lassen noch etwas zu verbergen, sagte die CDU-Politikerin der “Süddeutschen Zeitung“ (Donnerstag). Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) hatte kritisiert, Schavan habe Gutachten in Auftrag gegeben, “die schon mal den Neubau von Atomreaktoren untersuchen“. Offensichtlich spiele die Atomkraft in den Planungen der Union “insgeheim eine größere Rolle als bisher immer behauptet“.

Schavan erläuterte, die Forschungsinstitute hätten im Juli ein erstes Konzept erstellt, das sechzig Seiten umfasse und die mögliche künftige Nutzung aller Energieformen prüfe. Gerademal drei Seiten behandelten dabei die Frage, ob und wie Atomenergie künftig genutzt werden könnte. Das endgültige Gutachten werde zudem erst im Frühjahr 2010 vorliegen. “Angesichts dessen ist es absurd zu behaupten, mein Ministerium habe den Auftrag erteilt, eine Studie über den Neubau von Atomkraftwerken zu erstellen“, sagte Schavan.

Der Mitautor und renommierte Risikoforscher Ortwin Renn (Stuttgart) begründete dies in einem Brief an seine Kollegen mit der Gefahr, dass das Konzept ansonsten “im Wahlkampf untergeht oder zerredet wird“. Renn hat langjährige Erfahrungen in der Technikfolgenabschätzung sowie in der Einbindung von Öffentlichkeit und Interessengruppen bei der Lösung konfliktbeladener Themen. Die “Financial Times Deutschland“ zitierte am Mittwoch aus Studie und Brief. Die Nationale Akademie der Wissenschaften (Leopoldina) und auch das “Handelsblatt“ stellten das Konzept ins Internet.

Zur Endlagersuche heißt es in dem Papier: “Bei kaum einer anderen Technologie sind Akzeptanzverweigerung und Mobilisierung so hoch, wie bei der Frage der nuklearen Abfallentsorgung.“ Zwar seien laut Umfragen 80 Prozent der Bevölkerung davon überzeugt, dass Deutschland dringend ein nukleares Endlager benötige, aber nur 12 Prozent seien auch bereit, ein solches in ihrer Nähe zu akzeptierten.

Für die Entwicklung und den Bau neuer Atommeiler in Deutschland listen die Wissenschaftler Bedingungen auf, wie die Fortschreibung hoher Sicherheitsstandards, den Einsatz neuerer, effektiverer Reaktorlinien und weitere umfassende Forschungen zum Strahlenschutz.

“Aufgrund der Erfahrung mit Widerständen gegen die Nutzung der Kernenergie in den vergangenen Jahrzehnten ist zu erwarten, dass ein Wiedereinstieg nicht ohne größere gesellschaftliche Konflikte vonstattengehen würde“, heißt es in dem Konzept weiter. Notwendig seien deshalb auch soziologische Forschungen für Akzeptanzstrategien.

Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) forderte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) auf, Klarheit zu schaffen. Während sie offiziell von der Atomkraft als “Brückentechnologie“ für den Übergang zu den Erneuerbaren Energien spreche, lasse sie zu, dass Schavan Gutachten in Auftrag gibt, “die schon mal den Neubau von Atomreaktoren untersuchen“. Die Fraktionsvize der Grünen im Bundestag, Bärbel Höhn, sagte, wenn im Forschungsministerium über den Bau neuer Atomkraftwerke nachgedacht werde, “haben die Wähler ein Recht, das vor der Wahl zu erfahren“. Das Gutachten zeige, was viele in Union und FDP wirklich wollten - “sie reden von Laufzeitverlängerungen, wollen aber den Bau neuer Atomkraftwerke“, sagte Höhn.

Bei der Studie mit dem Titel “Konzept für ein integriertes Energieforschungsprogramm für Deutschland“ handelt es sich um den ersten großen Forschungsauftrag für die Deutsche Nationalakademie Leopoldina in Halle, die Schavan 2008 gegründet hatte. Beteiligt sind an dem Projekt zudem die Deutsche Akademie für Technikwissenschaften (acatech) sowie die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften.

dpa

Rubriklistenbild: © dpa

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