Ursachenforschung nach Loveparade-Unglück

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Ein Stern aus Blumen liegt vor dem Tunnel, der den Ravern zur Todesfalle wurde.

Duisburg - Die Staatsanwaltschaft ermittelt, die Verantwortlichen geben sich nach der Loveparade-Katastrophe wortkarg. Panikforscher Michael Schreckenberg sieht "Schuldige auf beiden Seiten".

Er wisse, dass die Frage nach dem Warum im Vordergrund stehe, sagt Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) sichtlich angeschlagen. Trotzdem ist er an genau diesem Punkt auffallend einsilbig. Die Staatsanwaltschaft war bereits im Rathaus, hat das Sicherheitskonzept und die weiteren Unterlagen zur Loveparade beschlagnahmt. Deswegen will er sich zu den “individuellen Schwächen“, die er nach dem Desaster am Samstag ausgemacht hatte, einen Tag später nicht mehr äußern. Er müsse auch seine Mitarbeiter schützen.

Das Damoklesschwert des Strafverfahrens hängt über den Köpfen. 19 Tote und 342 Verletzte - die Pressekonferenz wird für Sauerland zum Spießrutenlauf. Polizei, Ordnungsamt und Veranstalter weisen Vorwürfe zurück, wollen von Warnungen schon Monate zuvor nichts wissen. Er persönlich sei gar nicht in die Planung eingebunden gewesen, sagt Sauerland. Und der stellvertretende Polizeipräsident bestreitet, dass es eine Massenpanik gab.

Nur Panikforscher Michael Schreckenberg, der in die Planung der Loveparade einbezogen war, steht am Sonntag Rede und Antwort und bekennt: “Wir haben gewarnt, aber wir hätten vielleicht stärker warnen müssen.“ Der Professor verrät, dass das Sicherheitskonzept keineswegs von 1,4 Millionen Menschen ausging, sondern von maximal 500 000 - verteilt über die Stadt. Der Tunnel, an dessen Rampe die meisten Menschen starben, habe aber nur eine Kapazität von 20 000 Menschen pro Stunde. Bis zu 250 000 Raver sollten durch dieses Nadelöhr auf das Gelände geschleust werden - und wieder runter. Er habe den Veranstaltern zuvor gesagt: “Wenn der Tunnel die Lösung ist, muss das bis ins Letzte durchgeplant werden.“

Bilder: Trauer um die Toten der Loveparade

Bilder: Trauer um die Toten der Loveparade

Das Tunnelmanagement sei Sache des Veranstalters gewesen. Es würde dort zu Überlappungen von anströmenden und abströmenden Menschenmassen kommen. Er habe auch eine Videoüberwachung der Rampe angeraten, der Veranstalter habe dies aber abgelehnt, wollte kein Chaos unterschiedlicher Informationen: “Das war nicht gewollt.“ Auch hätte die Treppe an der Rampe, an der die meisten Toten gefunden wurden, besser abgeschirmt, “vielleicht sogar besser gesprengt werden sollen“. Wo Menschen sich dicht gedrängt stauen, suchen sie schließlich nach Auswegen.

Schreckenberg sieht “Schuldige auf beiden Seiten“, meint damit auch risikofreudige Kletterer unter den Besuchern, lässt aber indirekt erkennen, dass die Planung zwar “bestens“ gewesen sei, die Ausführung - das “Tunnelmanagement“ des Veranstalters - aber das Problem gewesen sein könnte. “Wenn der Tunnel geschlossen wird, sollten die Notausgänge geöffnet werden“, sagt er. Außerdem bräuchten die Menschen Ansprache, dann verhielten sie sich auch in solchen Situationen kooperativ. “Die Menschen brauchen eine Perspektive, dass und wann es weitergeht. Dann bleiben sie auch ruhig“, weiß der Forscher.

Augenzeugen hatten berichtet, dass es am frühen Samstagabend am einzigen offiziellen Ein- und Ausgang zum alten Güterbahnhof im Bereich des Tunnels an der Karl-Lehr-Straße zu einer Massenpanik gekommen war. Das Gelände zur Loveparade soll abgesperrt worden sein, so dass niemand mehr aus dem Tunnel herauskam, während von hinten die Massen nachrückten. Menschen seien ohnmächtig geworden. Sie sollen erstickt und zu Tode gequetscht worden sein. Dazu sagte Detlef von Schmeling, stellvertretender Polizeipräsident von Duisburg: “Mein persönlicher Eindruck bestätigt den einer Massenpanik nicht.“ Im Tunnel sei niemand gestorben. “Alle Verstorbenen sind auf der westlichen Seite der Zugangsrampe ums Leben gekommen“.

Polizeibeamte arbeiteten seit Samstagabend “mit allen verfügbaren Kräften daran, die genauen Ereignisse auf der Zugangsrampe zum Veranstaltungsgelände zu klären“, sagte von Schmeling. Die Staatsanwaltschaft Duisburg habe bereits ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Familien und Konsulate seien informiert worden.

Sichere Zahlen hat bisher nur die Bahn

Wie viel Menschen zur Loveparade ins Ruhrgebiet gekommen waren, blieb zunächst offen. Veranstalter Schaller hatte am Samstagabend verkündet, es befänden sich rund 1,4 Millionen Menschen auf dem Gelände. Bei 1,6 Millionen Menschen müsse es abgesperrt werden. “1,4 Millionen Besucher kann ich nicht bestätigen“, sagte dagegen der stellvertretende Polizeipräsident am Sonntag. Er berief sich auf Zahlen der Bahn, die schließlich “den größten Teil der Gäste zugeführt“ habe. Zwischen 9.00 und 14.00 Uhr sollen das rund 105.000 Besucher gewesen sein.

Der Platz selbst hätte von Schmeling zufolge “ohne weiteres 350.000 Menschen“ aufnehmen können und sei “zu keiner Zeit vollständig gefüllt“ gewesen. Folglich hätte der Platz gar nicht abgesperrt werden müssen. Doch selbst die Absperrung war plötzlich fraglich. “Ich kann nicht belegen, dass die Polizei das Gelände gesperrt hat“, sagte von Schmeling. Das sei ihm “nicht bekannt“. Dabei habe die Polizei den Zulauf zum Gelände den ganzen Tag über geregelt. Dazu habe es vor dem eigentlichen Partygelände “Vereinzelungssperren“ gegeben.

Laut von Schmeling war der Druck im Tunnel zum Unfallzeitpunkt nicht so groß, “dass es zu Unfällen kommen musste“. Auf die wiederholten Fragen von Journalisten, warum Polizei und Security die Menschen nicht einfach durchgelassen hätten, sagte von Schmeling: “Es ist nicht so, dass die Polizei irgendeinem die Hilfe verweigert hätte oder sogar Personen zurückgedrängt hätte. Im Gegenteil: Polizeibeamte haben einzelne Gäste an einzelnen Stellen heraufgezogen, wenn etwa Leute am Mast hochgeklettert waren. Der Schusswaffengebrauch oder dessen Androhung kenne ich nur aus den Medien, nicht aus dem Einsatz.“

Überwachungskameras sollen Aufschluss bringen

Möglicherweise können Überwachungskameras aus dem rund 120 Meter langen und 16 Meter breiten Tunnel Aufschluss über die Ereignisse liefern. Björn Köllen, Pressesprecher der Loveparade, sagte, der Veranstalter habe einige Kameras anbringen lassen. “Über das Material können wir derzeit noch nichts sagen“, erklärte Köllen. Wenn doch im Vorfeld der Loveparade mit über einer Million Besuchern gerechnet wurde, fragte ein Journalist, wieso gab es dann nur einen Tunnel als Aus- und Eingang zum Gelände? Ratlose Gesichter bei den Verantwortlichen. Köllen wiederholt den schon mehrfach verkündeten Satz: “Die Staatsanwaltschaft ermittelt, wir können solche Detailfragen nicht beantworten.“

dpa/apn

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