Versunkenes Haus: Keine Hoffnung mehr für Vermisste

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Die Luftaufnahme zeigt das Ausmaß des Unglücks

Nachterstedt - Es gibt keine Hoffnung mehr für die drei Opfer des verheerenden Erdrutschs in einem früheren Braunkohleabbau-Gebiet im sachsen-anhaltischen Nachterstedt.

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Erdrutsch! Haus in See versunken

Ein “Harzer Seeland“ in Sichtweite des Brockens sollte der Concordia-See im Salzlandkreis (Sachsen-Anhalt) werden. Am frühen Samstagmorgen zerstörte ein Unglück in Nachterstedt die Idylle: Aus ungeklärter Ursache kam es zu einem riesigen Erdrutsch. Eine Anhöhe am See brach ab; ein Doppelhaus und eine Hälfte eines weiteren Hauses verschwanden in den Erdmassen in mehr als 100 Meter Tiefe. In dem völlig versunkenen Doppelhaus wurden drei Menschen begraben, die zur Zeit des Erdrutsches gegen 05.00 Uhr noch geschlafen haben dürften. Zwei Ehepaare wohnten darin. Eine der Frauen war jedoch an ihrem Arbeitsplatz in der Nachtschicht. Verschüttet wurden eine 48-jährige Frau und zwei Männer im Alter von 50 und 51 Jahren.

Zunächst galt auch der 22-jährige taubstumme Sohn Manuel verschütteten Ehepaar als vermisst. Er meldete sich jedoch am Sonntag. Das Ehepaar aus dem anderen betroffenen Doppelhaus hatte Glück im Unglück: Es befindet sich im Urlaub. Im Lauf des Tages erfuhren der Mann und die Frau, dass nach ihnen über ADAC-Reiseruf gesucht wurde, daraufhin meldeten sie sich.

Bilder von der Unglücksstelle

Erdrutsch: Haus in See versunken

Im Nachthemd evakuiert

Die wie ein Krater aussehende Unglücksstelle hat einen Durchmesser von rund 500 Meter. Mit den Häusern verschwanden eine Straße, ein Aussichtspunkt, der einen herrlichen Blick auf das entstehende Nacherholungsgebiet bot, eine alte Lok und Baggerschaufeln aus jenen Zeiten, als bei Nachterstedt noch Braunkohle abgebaut wurde. “Auch unsere neue, 500.000 Euro teure Slipanlage, die für Reparaturarbeiten am Ausflugsschiff 'Seelandperle' gerade für 500.000 Euro errichtet wurde, gibt es nicht mehr“, so Bürgermeister Siegfried Hampe. Hampe war am Morgen gleich nach dem Sirenengeheul der Feuerwehr vor Ort, fand dort total verstörte und weinende Bewohner der Nachbarhäuser vor, die in Nachthemd und Schlafanzug auf die Straße gestützt waren. Sie wurden zunächst in der Turnhalle des Ortes, später in Ferienwohnungen untergebracht, eine alte Dame kam mit einem Kreislaufkollaps ins Krankenhaus.

Bei der Pressekonferenz am Nachmittag klagte ein Betroffener: “Wir haben nur noch das, was wir am Leibe tragen.“ Eine Frau sorgte sich um ihre Katze, die sich noch im Haus im gesperrten Gebiet befinde. Der Bürgermeister verteilte Gutscheine unter den rund 40 Evakuierten, die bei Verwandten und in Ferienwohnungen untergebracht wurden.

Anwohner fassungslos

Fassungslosigkeit kennzeichnet die Stimmung unter den Nachterstedtern an diesem Tag. “Keine Ahnung, wie das passieren konnte“, so der Bürgermeister. Wir dachten, wir sind sicher hier.“ Die Häuser waren vor mehr als 80 Jahren als Werkswohnungen für den Bergbau gebaut worden. Der Sprecher der Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft, Uwe Steinhuber, berichtete, zuvor sei an der Stelle der Braunkohleabbau bereits beendet worden. Es handele sich aber um eine Kippe, darauf würde heute niemand mehr bauen. Damals sei auch unterirdisch Kohle abgebaut, aber die Stollen seien nicht alle kartografiert worden. “Wir wissen nicht, wie es da drin aussieht“, sagte Steinhuber.

Nun sollen mögliche Hohlräume mit Messungen erkundet werden. Seit 1998 wird das Tagebauloch für die touristische Nutzung geflutet. Auf der gegenüberliegenden Seite in Schadeneben wird schon seit etlichen Sommern gebadet. Rund 20 Meter sollte das Wasser in den nächsten Jahren noch steigen, die bisher 400 Hektar große Seefläche auf 650 Hektar anwachsen. Vorerst hat die Polizei alle Zugänge zum Ufer abgesperrt. “Es wäre viel zu gefährlich, sich sowohl von Land als auch vom Wasser der Unglücksstelle zu nähern“, sagt Ursula Rothe, die Sprecherin des Salzlandkreises. Erst wenn die Experten des Bergamtes bestätigten, dass keine weiteren Erdrutsche zu erwarten sind, könne man überhaupt mit der Sicherung des Hangs beginnen und versuchen, zu den Vermissten vorzudringen.

Dass die heftigen Regenfälle die Ursache der dramatischen Ereignisse gewesen sein können, glaubt hier keiner so recht. “Geregnet hat es doch früher auch“, sagen die Leute und vermuten, dass vielleicht nicht alle Entwässerungsgräben und Hohlräume aus Bergbauzeiten ordentlich verfüllt worden sind. “Ich denke, der See hat das Land da vorn unterspült“, sagt eine Frau, die ihr eigenes Haus, nur wenige Meter von der Unglücksstelle entfernt, eigentlich verkaufen wollte. “Das kann ich jetzt wohl vergessen.“

AP

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