Wiesn: So groß ist die Schweinegrippe-Gefahr

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Schutz gegen Grippeviren: Gehört der Mundschutz bald zum Dirndl?

München -  Wiesn-Wirt Toni Roiderer (Hackerzelt) hat keine Angst vor der Schweinegrippe: „Mein Hausarzt sagt, dass nach drei Mass Bier alle Viren kaputt sind“.  Alle Wiesn-Wirte achten auf Hygiene.

Das empfiehlt der Gastronom auch seinen Gästen: „Wenn sich die Besucher oft die Hände waschen, nur aus dem eigenen Masskrug trinken und keine fremden Frauen küssen, kann eigentlich nicht viel passieren.“

Grippe-Experte Prof. Georg Vogel

Schweinegrippe auf der Wiesn: Haben Wirte, Organisatoren und Behörden recht, wenn sie derzeit kein erhöhtes Ansteckungsrisiko sehen? Oder besteht trotzdem Gefahr, dass es zu einer massenhaften Ausbreitung der gefährlichen Viren kommt? Gehört der Mundschutz bald zum Dirndl?

„Prinzipiell ist diese Idee gar nicht schlecht“, sagt Prof. Georg Vogel (63). Münchens Grippe-Experte Nummer eins sieht die Situation auf der Wiesn gar nicht so entspannt wie Wirtesprecher Roiderer und die offiziellen Stellen: „Versuchen Sie mal, sich in einem vollen Bierzelt öfter die Hände zu waschen. Oder im Gedränge Abstand zu halten, wenn jemand hustet oder niest. Da habe ich so meine Zweifel, ob das jedem gelingt.“

Der Professor ist besorgt: „Es gibt keinen idealeren Ort für eine Übertragung und Ausbreitung von Grippeviren als das Münchner Oktoberfest.“ Am gefährlichsten ist es abends und an den Wochenenden. Da kommen laut Vogel so ziemlich alle Faktoren zusammen, die eine Ansteckung begünstigen. Menschenmassen drängen sich stundenlang auf engstem Raum zusammen. In den Zelten, auf den vollen Wirtsbuden- und Schaustellerstraßen und in der überfüllten U-Bahn kommt es zwangsläufig zu engem Körperkontakt.

Der Alkohol enthemmt. Beim Schunkeln, Umarmen und Abbusseln haben die Viren leichtes Spiel. Im Inneren der Bierhochburgen steigen die Temperaturen auf hochsommerliche Werte. Deshalb achtet kaum jemand auf warme Kleidung. Doch beim Verlassen der Zelte und auf dem Heimweg ist es meist schon recht kühl. Durch den Alkohol geht aber das Temperaturempfinden verloren. Der Körper kühlt aus. Das schwächt das Immunsystem, und die Viren können sich leicht in den Schleimhäuten von Nase und Rachen festsetzen. Was Prof. Vogel noch herausgefunden hat, wird die Wirte gar nicht freuen. Denn bereits der Alkohol selbst schwächt die körpereigenen Abwehrkräfte deutlich.

Infos zur Schweinegrippe im Internet:

www.rik.de

www.lgl.bayern.de

www.wir-gegen-viren.de

„Schon nach einer Mass Bier sinkt die Fähigkeit des Immunsystems, Viren abzuwehren“, so Prof. Vogel. „Die Leber ist dann voll damit beschäftigt, den Alkohol abzubauen. Sie hat kaum noch Zeit, die wichtigen Antikörper zur Virenbekämpfung herzustellen. Mit jeder weiteren Mass wird der Organismus anfälliger für Virenattacken. Dieser Zustand einer durch Alkohol geschwächten Immunabwehr kann bis zu einer Woche anhalten.“

Da stellt sich die Frage: Verharmlosen die offiziellen Stellen etwa diese hohe Ansteckungsgefahr? Die Antwort ist einfach: „Das alles gilt natürlich nur dann, wenn ein Infizierter die Wiesn besucht und dort die Schweinegrippeviren verbreitet“, so Prof. Vogel. „Die Inkubationszeit von einer Ansteckung bis zum Ausbruch der Krankheit beträgt zwei bis sechs Tage. In diesem Zeitraum merkt der Patient noch nichts davon, ist aber schon ansteckend.“

Wie hoch diese Gefahr genau ist, verraten die offiziellen Meldedaten des Bayerischen Landesamts für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit( LGL). Demnach haben sich bis heute über 2 180 Menschen allein in Bayern mit Schweinegrippe infiziert. Fast jeder Dritte von ihnen (ca. 670) stammt aus München und den direkt angrenzenden Landkreisen.

Allein am vergangenen Mittwoch kamen 14 neue Fälle in München und Umgebung offiziell dazu. „Das sind jedoch nur die offiziell gemeldeten Zahlen“, erklärt Epidemiologe Dr. Wolfgang Hautmann vom LGL. „Die geschätzte Dunkelziffer beträgt mindestens das Zehnfache und liegt vielleicht noch höher. Denn die meisten Betroffenen gehen erst gar nicht zum Arzt, sondern kurieren die Grippe zu Hause alleine aus.“

Da ein einzelner Schweinegrippepatient bis zu sieben Tage ansteckend sein kann, müssten also derzeit allein in München und direkter Umgebung nach offiziellen Angaben rund fünfzig bis hundert Menschen akut infiziert sein. Rechnet man die Dunkelziffer dazu, kommt man auf geschätzte fünfhundert bis tausend aktuell infizierte Patienten. „Viele von ihnen fühlen sich noch gesund“, warnt Prof. Vogel. „Wenn nur ein Einziger von ihnen jetzt im vollen Bierzelt feiert, besteht die Gefahr, dass sich mehrere andere anstecken.

Je nachdem, wie gut ihr Immunsystem funktioniert. Und diese frisch Infizierten könnten das Virus dann immer weiter übertragen. Deshalb befürchte ich einen hohen Anstieg an neuen Fällen von Schweinegrippe.“

Ob der Professor recht hat, werden die nächsten Tage zeigen. Nur die 670 offiziell gemeldeten (und 6700 vermuteten) Münchner, die die Schweinegrippe schon überstanden haben, können die Wiesn heuer in vollen Zügen genießen. Denn sie sind jetzt immun und können sich nicht mehr erneut anstecken. Auch nicht im Zelt vom Roiderer Toni.

So können Sie sich schützen

Die drei wichtigsten Grundregeln klingen einfach: Abstand halten, Hände waschen, Menschenmassen meiden.

Doch das alles ist auf der Wiesn kaum möglich. Trotzdem gibt es Tricks, um die Ansteckungsgefahr zumindest zu vermindern: „Nehmen Sie eine kleine Flasche mit einer Desinfektionslösung für die Hände mit“, rät Prof. Vogel. „Alkoholische Produkte aus der Apotheke wie zum Beispiel Sterillium schützen auch vor Viren. Einfach 30 Sekunden lang unverdünnt in die trockenen Hände einreiben. Das kann das Händewaschen schon ersetzen.“

Prof. Georg Vogel und Assistentin beim Grippe-Schnelltest.

Husten und Niesen sollte man nicht mehr in die Hand, sondern in den Ärmel. Dann bleiben die Hände sauber und übertragen keine Viren auf die Mitmenschen.

Prof. Vogel rät: „Weisen Sie andere Menschen ruhig darauf hin, wenn jemand in Ihrer Nähe niest oder hustet. In den heutigen Zeiten wird jeder für diese Bitte Verständnis haben.“ Eine Impfung ist zur Wiesn noch nicht verfügbar. „Aber ab Oktober empfehlen wir jedem Münchner, sich gegen die normale Influenza impfen zu lassen“, so Vogel. Eine Impfung gegen Schweinegrippe hält er wegen der möglichen Nebenwirkungen dagegen nicht für nötig: „Diese ganz neuen Impfstoffe sind noch zu wenig erforscht.“

Wer Symptome einer beginnenden Schweinegrippe (plötzlich auftretendes schweres Krankheitsgefühl mit hohem Fieber) verspürt, sollte sofort einen Arzt aufsuchen. Auch die Wiesn-Wache vom Roten Kreuz ist darauf vorbereitet. Der stellvertretende BRK-Chefarzt Dr. Ulrich Hölzenbein (38): „Wir haben mehrer Klinikpackungen Tamiflu vorrätig.“ Wer diese Kapseln rasch zu sich nimmt, ist die Schweinegrippe oft schon nach 24 Stunden wieder los.

Michael Timm

Quelle: rosenheim24.de

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