Drei Generationen erhalten Tradition

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Drei Generationen von Schäfflern vereint: Markus Mittmann, Rudi Pendi, Heini Kurz und Max Holbl (von links).

Wasserburg - Die Schäffler sind eine aussterbende Spezies? Als Tänzer wie als Beruf? Was für den Beruf gilt, trifft für die Tänzer sicher nicht zu!

Das zeigt auch ein Blick in die Gesichter der Wasserburger Schäffler.

Seit nunmehr 100 Jahren existiert die Wasserburger Schäfflertanzgruppe. Und während sie im Jahr 2012 für ihre Zuschauer bei unzähligen Auftritten alte Tradition und Erinnerung aufleben lassen, blicken die Mitglieder aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln auf die Geschichte zurück.

Es ist bitterkalt an diesem Abend und die Schäffler beenden mit ihrem mittlerweile neunten Tanz einen anstrengenden Tag. Neben zwei Gastspielen in Seniorenheimen haben sie auch mehrere gut besuchte Termine in der Stadt absolviert. Doch der Empfang im Eiselfinger Ortsteil Bergham ist besonders herzlich und die Dorfgemeinschaft hat eigens zwei große Flutlichtstrahler installiert, um einen Vorplatz taghell zu erleuchten.

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Vor allem für einen Schäffler bedeutet dieser Auftritt sehr viel - der Berghamer Karl Zenger, seit 1970 Schäffler und mittlerweile zum Ehrenmitglied ernannt, ist mit 81 Jahren "fast so alt wie der Verein selbst" und genießt es sichtlich, im Kreise seiner Nachbarn und Freunde tanzen zu dürfen. "Der Zusammenhalt war noch nie so gut wie in diesem Jahr", erzählt er mit leuchtenden Augen und blickt auf seine Anfänge vor vier Jahrzehnten zurück. Damals sei die Schäfflergruppe noch fest in der Hand der Wasserburger Fußballer gewesen. "Ich wurde als einziger Radsportler anfangs natürlich schräg angeschaut und musste mich erst einmal beweisen."

Die Wasserburger Schäffler:

100 Jahre Schäfflertanz: Wasserburg feiert!

Ein Auftritt mit akutem Personalmangel, bei dem er spontan im Kaschperl-Kostüm als Tänzer einspringt und sein Können unter Beweis stellt, lässt schließlich aber niemanden mehr an seiner Vereinstreue zweifeln. Und diesen Zusammenhalt gebe es gerade innerhalb der aktuellen Gruppe in großem Umfang, so dass die Wasserburger Schäfflergruppe auf jeden Fall eine Zukunft habe. "Wir haben hoch motivierten und guten Nachwuchs, der in den nächsten Jahren nachrücken wird", sagt Karl Zenger, der sich auf seiner Abschiedstour befindet.

Termine:

  • Sa. 09.30 Uhr: Kerschdorf
  • Sa. 11.30 Uhr: Weberzipfel
  • Sa. 12.45 Uhr: Klosterweg
  • Sa. 14.15 Uhr: Rauschwaltham
  • Sa. 16.00 Uhr: Ehrentanz Altinger
  • Sa. 19.00 Uhr: Kobl-Öd/Forsting (Kfz-Werkstatt)
  • So. 09.45 Uhr: Heisererplatz
  • So. 11.15 Uhr: Elektropark Edling
  • So. 13.30 Uhr: Marienplatz (große Feier des 100. Jubiläums)

Markus Mittmann, 20-jähriger Auszubildender zum Gemüsegärtner, ist einer aus dieser neuen Riege und mit Leib und Seele dabei. "Ich war vor sieben Jahren schon Wagerlbua und habe mich gleich anstecken lassen." Natürlich sei es als Anfänger schwierig, denn zunächst müssten alle Schritte gelernt und ein Stammplatz erobert werden. In seinem Freundeskreis stoße er mit seinem Engagement bei den Schäfflern auf große Anerkennung und vor allem die freundliche Gesellschaft in Verbindung mit der alten Tradition sei für ihn als junger Mensch faszinierend. Markus Mittmann opfert derzeit jeden Samstag und Sonntag für Auftritte und da muss das Lernen für die in Kürze anstehenden Abschlussprüfungen eben hinten anstehen. "In sieben Jahren bin ich ganz bestimmt wieder mit dabei und vielleicht schaffe ich es bis dahin, auch ein paar Bekannte als Mitglieder anzuwerben."

"Wenn du einmal damit anfängst, dann hörst du auch nicht mehr auf", weiß Max Holbl. Der 75-Jährige ist seit 1956 im Verein und zugleich der letzte tatsächlich gelernte Schäffler aus der Gruppe. Bis hinein in die 60er-Jahre hat er in der damals einzigen Wasserburger Schäfflerei am Heisererplatz Holzfässer hergestellt, ehe der technische Fortschritt dem Beruf seine Existenzberechtigung genommen hat.

Die Trainingseinheiten seien in der Nachkriegszeit oftmals sehr hart gewesen, denn die Ausbilder der Tänzer hätten mit militärischem Drill gearbeitet. "Dazu kam der große Altersunterschied, weil die Vortänzer oftmals 50 Jahre älter waren als wir." Für Max Holbl ist es eine Ehre, seinen erlernten und heute ausgestorbenen Beruf mit den Tänzen wieder aufleben lassen zu können. Seit seiner Ernennung zum "Meister" steht er immer auf dem Holzfass inmitten der Tänzer und lässt die Anwesenden hochleben.

Heini Kurz ist zusammen mit Max Holbl der Schäfflertanzgruppe beigetreten und stolz auf die Zusammenarbeit der verschiedenen Generationen. "In den 1950er und 1960er Jahren waren wir ja ausschließlich junge Burschen. Heute tanzen die Alten ganz selbstverständlich mit den Jungen und können so ihre Erfahrung weitergeben." Mit seinen 72 Jahren hat er die Rolle des Tänzers längst mit der des Fassklopfers getauscht. "Vor allem bei den ganz jungen Leuten gibt es offensichtlich eine Rückbesinnung auf alte Traditionen", freut er sich. Wichtig seien die strengen Regeln, teilweise aus früheren Zeiten übernommen, wie die festgelegten Schrittfolgen oder die Vorgabe, dass die begleitenden Marketenderinnen auch heute stets ledig sein müssten. "Da ist in der Vergangenheit schon so manche Ehe entstanden", erzählt Heini Kurz schmunzelnd und hat interessante Anekdoten auf Lager. So sei etwa die Schäfflertracht in den Jahren nach dem Krieg meist von minderer Qualität gewesen und die Tänzer hätten bei Auftritten erbärmlich gefroren.

Ein Vertreter der mittleren Schäfflergeneration ist der 45-jährige Rudi Pendi, welcher als Vortänzer und Taktgeber unverzichtbarer Bestandteil der quirligen Gruppe ist. Seit 1984 kümmert er sich schon im Vorfeld monatelang darum, dass jeder Tänzer seine Schritte beherrscht und die Aufführungen professionell und im Takt der Musik ablaufen. "Für mich sind Brauchtum und Tradition sehr, sehr wichtig und damit der Schäfflertanz nicht ausstirbt, bin ich mit Leib und Seele dabei."

Helmut Samer, Organisator und "Oberkaschperl" ist seit 35 Jahren Mitglied bei den Schäfflern und schreibt den heutigen Tänzern genau wie im Mittelalter zu Zeiten der Pest eine wichtige Integrationsfunktion zu. "Bei uns kommen die Menschen zusammen, wir tragen dazu bei, dass Freude verbreitet wird und Egoisten haben bei uns keine Chance." Der besondere Reiz bei den Wasserburger Schäfflern sei die Tatsache, dass sich jeder einbringen könne, so Helmut Samer, der sein Engagement als sinnvollen und ganz bewussten Einsatz für die Gesellschaft sieht.

An diesem Abend wird jedoch nur kurz mit den Anwohnern gefeiert, denn die Rückfahrt im Bus und der nächste Tag mit zahlreichen neuen Auftritten warten auf die Schäffler. Besonders freuen sie sich auf den großen Endspurt an den Faschingstagen mit besonderen Gastspielen in Wasserburg. "Wenn man in der Stadt vor hunderten Zuschauern auftritt, dann verspürt man das angenehme Gefühl, wieder zuhause angekommen zu sein und ist stolz und zufrieden", schwärmt Helmut Samer.

Georg Reinthaler (Wasserburger Zeitung)

Quelle: rosenheim24.de

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