Nimmermüder Baumeister

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Nur selten wird man den Dachs am helllichten Tag zu Gesicht bekommen.

Rosenheim - Der Dachs zählt zur Familie der echten Marder, obwohl seine eher plumpe Körperform nicht auf eine solche Verwandtschaft hinweist.

Er ist unverkennbar durch seine eigenartige schwarzweiß gefärbte Kopfzeichnung und sein rauhaariges hellgraues Haarkleid, das keiner jahreszeitlichen Farbveränderung unterworfen ist.

Das Körpergewicht eines ausgewachsenen Dachses liegt im Frühjahr und Sommer bei zehn bis zwölf Kilo. Wenn er sich im Herbst aber tüchtig Speck anfrisst, ist er wesentlich schwerer. Einige Fachleute schreiben von 25 Kilo. Ich persönlich habe in meiner langjährigen Jägerzeit aber nie einen Dachs über 20 Kilo erlebt. Dabei handelte es sich immer um Rüden, Weibchen sind etwas geringer. Ihr Gewicht entspricht immerhin dem eines starken Rehbocks. Bei Unfällen mit Autos (und die sind nicht selten) kann es zu erheblichen Schäden kommen.

Am ehesten sieht man den Dachs, wenn er sich auf den Feldern verspätet hat und er sich erst in ganz früher Morgenstunde auf dem Heimweg zum Bau befindet. Durch seine Dämmerungs- und Nachtaktivitäten bleibt er den meisten Naturbesuchern verborgen, und es wird daraus die Schlussfolgerung gezogen, der Dachs sei selten oder gar vom Aussterben bedroht. In unserer Gegend war der Dachs aber nie selten. Den einzigen Tiefpunkt hatte er vor über 40 Jahren, als man meinte, der Fuchs müsste durch Vergasung kurz gehalten werden, um der Tollwut Einhalt zu gebieten. Dem Fuchs wurde man dabei kaum habhaft, er befindet sich die meiste Zeit außerhalb des Baus - aber der Dachs war der große Leidtragende, er ist tagsüber immer im Bau. Nach einigen Jahren verbot man diesen Unsinn.

Seither gibt es mehr Dachse denn je. Landwirte, in deren Maisfelder er zu Schaden geht, können ein Lied davon singen. Im Jagdrevier Niederaudorf klagen die am Ortsrand liegenden Grundbesitzer immer wieder über Schäden an ihren kurzgeschorenen Rasen. Dies ist halt ein Eldorado für Dachse, die den Engerlingen, vor allem denen des Maikäfers, nachgraben.

Gewöhnlich wird der Dachs nach Sonnenuntergang munter. Es kommt die Zeit der Nahrungssuche. Ein Dachs frisst fast alles, was ihm in den Weg kommt und was er überwältigen kann. Seine feine Nase ist ihm dabei sehr behilflich, das Äugen dagegen ist nicht seine große Stärke. Auf der Speisekarte stehen kleine Hasen genauso wie Mäuse, Heuschrecken und Schnecken, Reptilien, Frösche, Regenwürmer sowie Vogeleier. Wenn im Sommer bis Herbst die Obstbäume ihre Früchte fallen lassen, kann Obst sogar zur Hauptspeise werden.

Wenn im Herbst die Almen leer sind und das Vieh wieder im Tal in den Ställen steht, sucht der Dachs eingetrocknete Kuhtaschen auf, dreht sie mit den Vorderpranken um und frisst die Käfer und Würmer, die sich darin befinden. Man sieht in der Losung dann die nicht verdauten blau glänzenden Flügeldecken der Käfer. Je nach Nahrungsangebot beansprucht eine Dachsfamilie zwischen 50 und 150 Hektar Lebensraum.

Der Dachs gräbt seine Baue selbst. Manchmal handelt es sich um kleine Baue unter einem Stock oder um Sommerbaue mitten im Feld, oft aber um "Dachsburgen", die eine lange Tradition haben. Ein Dachsbau in den Innauen war bei meinem Dienstbeginn 1969 schon eine Riesenburg, sie besteht heute noch. Ein weit verzweigtes Röhrensystem mit mehreren Kesseln und vielen Öffnungen nach oben hat einen Umfang von 30 Metern, immer wird daran um- und angebaut. Bei einem Herbstansitz auf Rehe sah ich einmal acht große Dachse, die nach und nach den Bau verließen. Wenn sich der Dachs zur Nahrungssuche aufmacht, markiert er die Umgebung und grenzt so sein Territorium ab. Er sitzt dabei und dreht sich im Halbkreis, während er sein Drüsensekret auf den Boden "stempelt".

In vielen Dachsbauen lebt der Fuchs zur Untermiete. Allerdings nicht im gleichen Kessel, denn dieser wird vom Dachs mit Heu und Laub ausgepolstert, das er im Herbst einträgt und im Sommer wieder raus wirft. Der Dachs ist ein guter Hausmeister, der im und vor dem Bau auf Sauberkeit bedacht ist. Im Gegensatz zum Fuchs, der nicht so zimperlich ist und oft Fraßreste umherliegen lässt.

Mit eineinhalb Jahren ist der Dachs geschlechtsreif. Die Ranz ist im Juli und August. Nach neuesten Erkenntnissen haben ältere Dachse allerdings bald nach der Geburt ihrer Jungen im Februar bis März ihre Ranz. Beträgt die Tragzeit durch die sogenannte Eiruhe für die Sommerranz schon 275 Tage, so verlängert sie sich bei der Winterranz sogar bis zu einem Jahr. Zwei bis fünf Junge werden von der Dächsin gewölft. Sie wiegen etwa 85 Gramm, sind vollkommen weiß und schauen fast aus wie kleine Eisbären. Erst nach fünf Wochen öffnen sie ihre Augen. Die Jungdachse werden drei Monate lang gesäugt. Ende Juni kommen sie zum ersten Mal aus dem Bau.

Der Dachs hält keinen Winterschlaf, wohl aber eine Winterruhe (bis zu sieben Wochen), in der kein reduzierter Puls zu verzeichnen ist. Er zehrt in dieser Zeit von seinen herbstlichen Fettreserven; bei einer winterlichen Warmwetterperiode verlässt er auch mal seinen Bau. Die im Schnee abgedrückten Spuren lassen dabei den Dachs als Sohlengänger mit seinen langen Krallen an den Vorderpfoten eindeutig erkennen.

Der Dachs hat außer dem Menschen nichts zu fürchten. Sein Wildbret war früher im geräucherten Zustand begehrt, sein Fett, vermischt mit Gänse- und Schweineschmalz, wurde als Brotaufstriche verwendet. Auch als Arzneimittel diente Dachsfett. Übrigens: Wer sich mit Scheidungsgedanken befasst, dem empfehle ich, dieses weißlich-gelbe Fett in der häuslichen Küche auszulassen - die Trennung ist gewiss!

Sepp Hoheneder (Oberbayerisches Volksblatt)

Quelle: rosenheim24.de

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