Wie eine Epidemie: Virale Videos verbreiten sich rasant - die besten werden nun prämiert

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Sie kommen per Mail oder werden von Freunden bei Facebook gepostet: Manche skurrile Videoclips verbreiten sich im Netz epidemiehaft - die besten dieser sogenannten Viralen Videos werden am Freitag, 19. November, während des internationalen Kurzfilmfestivals prämiert.

Eine Großstadt. Weiße Dinge fallen vom Himmel, spiegeln sich in den Glasfassaden der Hochhäuser. Langsam erkennt der Zuschauer des Videos: Es sind Eisbären. Mit einem dumpfen Geräusch schlagen sie auf dem Boden auf, bleiben auf der Straße und auf Autos liegen, aus den weißen Fellen quillt Blut. Dann die Einblendung: „Ein durchschnittlicher europäischer Flug produziert mehr als 400 Kilogramm Treibhausgase pro Passagier - das ist das Gewicht eines ausgewachsenen Eisbären."

Dieses Video des Netzwerks plane stupid, das sich gegen die Ausweitung des Flugverkehrs einsetzt, ist einer der Filme, die bei den dritten Viral Video Awards nominiert sind. Sie werden am 19. November während des internationalen Kurzfilmfestivals in Berlin verliehen.

Virale Videos sind kurze Clips, die sich innerhalb kürzester Zeit per Email oder über soziale Online-Netzwerke von Nutzer zu Nutzer im Internet verbreiten - so wie ein Virus. „Virals müssen so gut sein, dass sie die magische Schwelle des Weiterleitens überschreiten. Mund zu Mund-Propaganda ist (fast) alles was zählt", heißt es auf der Internetseite zum Viral Video Award. Diese werden dann oft zu Youtube-Hits - teilweise mit Aufrufen in zweistelliger Millionenhöhe.

Bevor es Plattformen wie Youtube gab, wurden Virale Videos per Email verbreitet. Eines der ersten war Mitte der 1990er eine 3-D-Animation "Dancing Baby". Durch schnellere Übertragungsraten und den technischen Fortschritt werden auch Videos schneller verbreitet: Seit dem Start von Youtube 2005 ist der Clip-Upload ins Internet förmlich explodiert. Allein auf Youtube laden Nutzer nach Konzernangaben Tag für Tag Hunderttausende Videos hoch.

Schnell entdeckten auch Unternehmen den Vorteil dieser Videos für sich: Eine Kampagne kann auf diesem Weg mit recht geringen Kosten weltweit verbreitet werden. Wenn es der Nutzer denn will. So schreibt Mario Sixtus („Elektrischer Reporter“, ZDF), Jury-Mitglied des Video-Preises, auf der Internetseite des Awards: „In keinem anderen Genre sind Filmproduzenten derart von ihrem Publikum abhängig wie bei Web-Videos, denn die Nutzer übernehmen Marketing und Vertrieb der Filme – oder eben auch nicht, ganz wie es ihnen gefällt."

Neben der Werbeindustrie machten in den vergangenen Jahren zunehmend politische Aktivisten und Nichtregierungsorganisationen von dieser Art von Marketing Gebrauch. Diese Kampagnen haben gemeinsam, dass sie sich durch skurrile oder beeindruckende Szenen auszeichnen und zumeist auf den ersten Blick nicht als Werbebotschaft zu erkennen sind.

Aber nicht alle Viralen Videos sind als Kampagnen geplant: Ein Klassiker unter den Youtube-Videos, die sich weltweit verbreitet haben, sind die Clips von der Weltreise des US-Amerikaners Matt Harding ("Where the Hell is Matt"), der leicht trottelig vor berühmten Sehenswürdigkeiten tanzte. Aber auch in diesem Fall sprang die Werbeindustrie auf: Ein US-Kaugummihersteller finanzierte Harding zwei weitere Weltreisen - am Ende der Clips erscheint im Gegenzug deren Werbung.

Von politischer Botschaft bis Werbung

Abstimmen noch bis zum 18. November auf www.viralvideoaward.com

Zu dem Viral Video Award haben Filmemacher aus 38 Ländern nun 500 Beiträge eingereicht, die besten 21 stehen zur Wahl. Wichtigstes Kriterium: Die Clips müssen eine Botschaft haben, die viral im Netz verbreitet werden soll - ganz gleich ob diese gegen oder für Marken, politisch oder werblich ist. Die Bandbreite der Beiträge ist groß: Originelle Werbefilme großer Firmen konkurrieren mit frechen Videos von Nichtregierungsorganisationen und Filmemachern. Eine Auswahl der Nominierten:

Star Wars Bösewicht Darth Vader gibt es seit einiger Zeit auch als Stimme fürs Navi - wie die Aufnahmen dafür gelaufen sind, zeigt dieses Video:

Auch wieder dabei ist der Gewinner des Publikumspreises 2009, Alexander Lehmann. Vor einem Jahr überzeugte er mit seinem Video "Du bist Terrorist", in dem er den Zwiespalt zwischen Bürgerrecht und Überwachung thematisiert. Einem ähnlichen Thema widmet er sich in seinem diesjährigen Wettbewerbsbeitrag "Buugle".

Eine wilde Verfolgungsjagd, die in einem Kleiderschrank endet, darum geht es in dem Clip "The Wardrobe" von Matthijs van Heijningen für den französischen Canal +.

Die Konkurrenz unter Billigfliegern ist hart - dies nimmt die flashmobähnliche Germanwingswerbung planemob aufs Korn.

Eine Mausfalle schnappt in der satirischen Käsewerbung "Nolans Cheddar" zu - ein Clip von John Nolan mit einer großen Partie schwarzem Humor.

Alle Videos auf www.viralvideoaward.com

Hintergrund: Der Preis

Der Viral Video Award ist der erste Wettbewerb für virale Filme auf einem Filmfestival in Deutschland. Er wurde 2008 erstmals von interfilm Berlin und der PR-Agentur Zucker.Kommunikation ausgelobt. Neben dem durch ein Voting ermittelten Publikumspreis werden der Jurypreis und erstmals auch der Preis für das beste politische Viral mit den Themen Klima, Demokratie oder Gerechtigkeit vergeben. Preisgeber der mit je 1000 Euro dotierten Awards sind Ritter Sport, die Heinrich-Böll-Stiftung und die Berliner Landesinitiative „Projekt Zukunft“.

Die Fachjury ist mit dem Journalisten und Netzkultur-Reporter Mario Sixtus, der Fernsehmoderatorin und Autorin Petra Gute („Stilbruch“, RBB) und dem Schauspieler Daniel Zillmann („NVA“, „Schwarze Schafe“) besetzt.

Der Preis wird am 19. November um 21 Uhr im Roten Salon der Volksbühne Berlin verliehen.

Hintergrund: Internationales Kurzfilmfestival

Das 1982 gegründete Festival zählt heute mit 12.000 Zuschauern aus aller Welt zu den wichtigsten Kurzfilmfestivals Europas. Aus 4000 eingereichten Kurzfilmen werden jedes Jahr etwa 500 auf dem fünf Tage dauernden Festival gezeigt. Neben dem internationalen und dem deutschen Wettbewerb werden auch Dokumentar-, Trash- und Kinderfilme prämiert.

Von Hannah Cosse

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