Was bringt die dritte Dimension? - 3D-Druck im Alltag

+
In 3D-Druckern können allerlei Objekte erschaffen werden. Solch detaillierte Figuren bekommen aber nur erfahrene Anwender hin. Foto: Michael Reichel

3D-Drucker versprechen nicht weniger als eine Revolution der Warenwelt: Das neue Zahnrad für den alten Mixer und die gesprungene Zuckerdose werden einfach nachgedruckt. Aber funktioniert das auch im Alltag?

Berlin/München (dpa/tmn) – 3D-Druck wird langsam, aber sicher zum Geschäft. Immer mehr Dienstleiter bieten 3D-Druck im Internet an, Drucker für den Heimgebrauch gibt es inzwischen für unter 1000 Euro.

Doch was kann man außer Ohrringen und dreidimensionalen Eigenporträts damit erschaffen? Muss man für komplizierte Werkstücke doch zum Profi? Oder kann sich jeder benötigte Bauteile selbst herstellen? Und drucken wir bald alle Verbrauchsgüter selbst aus?

"Nein", sagt Philipp Tröster von der Forschungsgesellschaft Druck. Er hat beobachtet, dass viele Menschen einen falschen Eindruck von den Möglichkeiten des 3D-Drucks haben. Nämlich, dass es ganz einfach geht. "Mit freier Software kann jeder viel machen, aber mal eben nach Feierabend ein Zahnrad ausdrucken, wenn man sich vorher noch nie mit 3D-Druck beschäftigt hat, wird schwierig", sagt er. Dirk Lorenz von der Stiftung Warentest teilt seinen Eindruck. Der Versuch, die kaputte Rückseite der TV-Fernbedienung neu zu drucken, werde bei den meisten Privatanwendern schon beim Einscannen scheitern, schätzt er. Dennoch schwärmen auch Experten wie Peter König vom Fachmagazin "Make" und Wolfgang Dorst vom IT-Verband Bitkom von der Vielzahl möglicher Anwendungen des 3D-Drucks.

Drucker, die dreidimensionale Werkstücke schichtweise aufbauen, sind keine neue Technik. Es gibt sie seit rund 30 Jahren. Der derzeitige Boom beruht - abgesehen vom Auslaufen einiger Patente - vor allem auf einem veränderten Umfeld, sagt Dorst. Cloud-Dienste im Netz und Geräte mit immer mehr Rechnerleistung bieten die nötige Infrastruktur. "Sie können mit ihrem Smartphone ein Objekt selbst einscannen, im Netz hochladen, in einer Cloud-Lösung rechnen und von einem Dienstleister ausdrucken lassen", sagt er.

Er selbst hat etwa spröde gewordene Plastikstege an seinem Faltboot durch Nachbildungen aus dem 3D-Drucker ersetzt. Peter König hat Schraubdeckel und das Gelenk einer Stehlampe nachgedruckt: "Dafür habe ich kostenlose Software genutzt, aber man braucht ein räumliches Vorstellungsvermögen und Erfahrung – das ist die größte Hürde für Anfänger", sagt er. Das liegt schon an der Ausrüstung. Im Handel erhältliche 3D-Scanner für den Hausgebrauch reichen für die 3D-Büste, am Schraubdeckel scheitern sie. Für solch komplizierte Strukturen braucht es einen wesentlich teureren Industriescanner, den sich kaum ein Heimanwender leisten kann.

Trotz dieser Einschränkungen - brauchbare 3D-Drucker gibt es ab rund 700 Euro. Günstigere Modelle verzichteten auf eine beheizte Grundplatte, Display und SD-Kartenleser. Das bedeutet vor allem, dass sie nicht ohne angeschlossenen PC funktionieren. Ob man eine beheizte Grundplatte braucht, liegt am Druckmaterial, sagt König. Wird zum Druck das Material PLA verwendet, gibt es keine Probleme. Der Kunststoff ABS dagegen verzieht sich beim Abkühlen, "das geht nicht ohne beheizte Druckplatte", sagt König.

Beim Material haben Heimdrucker eine immer größere Auswahl: "Früher hatte ich die Wahl zwischen verschiedenen Farben, und das war es", erinnert sich König. Inzwischen werden auch Material auf Nylonbasis, holzhaltige Materialien oder im Dunkeln leuchtende Kunststoffe durch die Druckerdüse gespritzt. Rund 25 Euro kosten 750 Gramm Plastikdraht, "und der hält echt lange", betont König.

Wer die Kosten und die Mühe des Heimdrucks scheut, kann auch von Dienstleistern drucken lassen. Dabei muss man aber fast immer Arbeitskosten mit einplanen. Das liegt daran, dass die Objekte erst gescannt und dann meist noch für den Druck aufbereitet werden müssten. Deswegen muss man aus Kostengründen abwägen, ob man ein Ersatzteil - etwa für den kaputten Pürierstab - wirklich drucken will, wenn ein ähnliches Modell nur für 30 Euro im Laden liegt. "Wenn ich für diese Summe dagegen meinen alten Plattenspieler wieder in Gang setzen kann, zahle ich das gerne", beschreibt Tröster die Motivation mancher Kunden.

Eine andere Gruppe, die den 3D-Druck für sich entdeckt hat, sind Modellbauer. Sie designen und drucken etwa Lokomotiven, die kein Hersteller im Programm hat. Viele Onlinedienste und Vor-Ort-Anbieter erfüllen den Kunden auch ausgefallene Wünsche. "Selbst wenn sie nicht daran verdienen, können sie so Kunden an sich binden", beschreibt Tröster das für den Verbraucher günstige Geschäftsmodell. Vor Ort beim Dienstleister gibt es für Neulinge meist auch Anleitung und Kurse, die den Einstieg in die Welt des 3D-Drucks erleichtern.

Zurück zur Übersicht: Netzwelt

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser