Passagierflugzeuge in Gefahr

Al-Kaida im Besitz von gefährlichen Raketen?

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Ein französischer Soldat hält in Timbuktu eine SA-7-Rakete, bevor sie zerstört wird

Timbuktu - In Mali gefundene Dokumente legen einen beunruhigenden Verdacht nahe: Die Al-Kaida ist demnach im Besitz von SA-7-Raketen, mit denen man Passagierflugzeuge abschießen kann.

Die Fotokopien des Handbuchs lagen auf dem Boden, aufgestapelt an der Wand - so wie Fotokopien für ein Schulklasse. Bei den Schülern handelte es sich in diesem Fall allerdings um Al-Kaida-Kämpfer in Mali. Und das Handbuch mit Diagrammen und Fotos erklärte detailliert, wie sie eine Waffen einsetzen können, die dem Westen große Sorgen bereitet: Eine Boden-Luft-Rakete, mit der man ein ziviles Flugzeug vom Himmel holen kann.

Das 26-seitige Dokument, das die Nachrichtenagentur AP in einem einst von Kämpfern der Al-Kaida im Maghreb (AQIM) besetzten Gebäude fand, legt den Schluss nahe, dass das Terrornetzwerk mittlerweile im Besitz von SA-7-Raketen ist. Und es nährt die Befürchtung, dass die Terroristen ihre Kämpfer bereits im Umgang mit den Waffen trainieren, die offenbar aus Arsenalen des gestürzten libyschen Machthabers Muammar Gaddafi stammen.

„Wieso sollte jemand sich die Mühe machen, ein Handbuch für Waffen zu schreiben, wenn er sie nicht hat“, sagt Peter Pham, ein Beobachter des Atlantischen Rates und früherer US-Militärberater in Afrika. „Wenn AQIM nicht nur die Waffen hat, sondern auch noch Kämpfer, die sie effektiv benutzen können, dann wird das nachhaltige Folgen haben - nicht nur im aktuellen Konflikt, sondern für die Sicherheit in Nord- und West-Afrika und möglicherweise noch darüber hinaus.“

Rakete ist nicht viel größer als eine Posterrolle - und preiswert

Die Information, dass die Terroristen wohl im Besitz der Waffe sind, hat bereits Auswirkungen auf die Offensive der Franzosen in Mali. Sie setzen inzwischen eher auf Kampfjets als auf Helikopter. So können sie zwar militante Islamisten schwerer angreifen, jedoch außerhalb der Reichweite der Raketen von 2,3 Kilometern fliegen. Die Transportflugzeuge starten deutlich steiler als üblich, damit sie nicht so lange im Schussfeld fliegen.

Und man hat die Patrouillen entlang des Internationalen Flughafens der Hauptstadt Bamako verschärft - und sie nicht in malische Hände übergeben. „Es steht einfach zu viel auf dem Spiel“, sagt ein Vertreter der französischen Luftwaffe.

Die SA-7 wurde in den 60er Jahren in der Sowjetunion eingeführt. Ziel war es, eine leichte, tragbare, aber effektive Waffe zu entwickeln. Sie ist nicht viel größer als eine Posterrolle und kann locker in einen Mantel gepackt werden. Und sie ist preisgünstig zu haben - ab 5000 Dollar ist man dabei.

Raketen für schutzlose Zivilflugzeuge eine immense Bedrohung

Seit 1975 wurden laut dem US-Außenministerium mindesten 40 zivile Flugzeuge von SA-7- oder ähnlichen Raketen getroffen. 28 Abstürze mit 800 Toten sind die schreckliche Bilanz. Die meisten Militärflugzeuge sind mittlerweile mit Abwehrmechanismen gegen die relativ alte SA-7-Technologie ausgerüstet. Für die schutzlosen Zivilflugzeuge sind die Raketen dagegen eine immense Bedrohung.

Dass die Dschihadisten in Mali bislang noch kein Flugzeug getroffen haben, kann verschiedene Gründe haben. Entweder gelangen sie nicht nahe genug an die Flughäfen - oder sie sind noch nicht in der Lage, die Waffen richtig einzusetzen.

„Das ist keine selbst-zielsuchende Waffe“, sagt Bruce Hoffman, Direktor des Zentrums für Sicherheitsstudien an der Universität Georgetown. „Auf der einen Seite sind die Raketen nicht einfach einzusetzen. Auf der anderen Seite sind zivile Flugzeuge aber völlig schutzlos dagegen. Wenn die Terroristen lernen, wie sie richtig damit umgehen, dann haben wir eine Menge Ärger.“

Handbuch könnte aus dem "Lexikon des Dschihads" stammen

Das Handbuch, das in Timbuktu gefunden wurde, ist mit unscharfen Bildern von Soldaten illustriert, deren Uniformen an die der früheren Sowjetunion erinnern. Punkt für Punkt wird erklärt, wie man die Waffe lädt, das Ziel fixiert und schießt. Das Handbuch erklärt auch, dass die wärmesuchende Waffe über 45 Grad Celsius nicht einwandfrei funktioniert - möglicherweise ein weiterer Grund dafür, dass im heißen Mali noch kein Flugzeug getroffen wurde.

Die Seiten sind von 313 bis 338 nummeriert, was nahelegt, dass sie Teil eines größeren Werkes sind. Mathieu Guidere, ein Experte für muslimischen Extremismus an der Universität Toulouse, glaubt, dass sie aus dem „Lexikon des Dschihads“ stammen, einem elfbändigen Werk, das in den 90er Jahren von den Taliban angelegt wurde und später von Osama bin Laden aufbereitet wurde.

Waffenexperte bestätigt: Angaben im Handbuch sind korrekt

Bin Laden, der damals eine Gruppe arabischer Kämpfer in Afghanistan anführte, bezahlte Übersetzer, die die Enzyklopädie ins Arabische übertrugen, wie Guidere erklärt. Später ließ Bin Laden das Buch immer wieder aktualisieren, CD-ROMs anlegen und es im Internet platzieren - der Grundstein für die Globalisierung des Dschihads, wie Experten sagen.

N.R. Jenzen-Jones, ein Waffenexperte aus Australien, bestätigt, dass das in Timbuktu gefundene Handbuch weitgehend korrekt ist, was die technischen Daten der Raketen wie Reichweite oder Gewicht angeht.

Die Geschichte der SA-7-Raketen sei eine der „Beinahe-Treffer“, sagt er. „Selbst wenn man eine SA-7 in die Hände bekommt, ist das keine Garantie für einen Erfolg. Aber wenn es jemand schaffen sollte, ein Zivilflugzeug damit vom Himmel zu holen, dann gäbe es auf einen Schlag Hunderte Tote. Ein seltenes Ereignis würde eine große Wirkung erzielen - und genau das sät eine Menge Angst.“

AP

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