Bürgerwehren in Mexiko

Sie kämpfen jetzt selbst gegen die Drogen-Mafia

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Im Kampf gegen die Drogen-Mafia: Mitglieder einer Bürgerwehr im mexikanischen Paracuaro.

Apatzingán - Die Polizei hat versagt. Jetzt kämpfen in Mexiko Bürgerwehren gegen die Drogen-Mafia. Derzeit nehmen die Selbstjustiz-Kommanods ein Dorf nach dem anderen ein.

Vor einem Jahr haben sie zu den Waffen gegriffen, jetzt wollen sie die Entscheidung erzwingen: Dorf für Dorf erobern die Bürgerwehren den westmexikanischen Bundesstaat Michoacán, am Wochenende kesselten sie Apatzingán ein.  Die Kreisstadt in der Region Tierra Caliente gilt als Hochburg der Erzfeinde der selbst ernannten Gemeindepolizisten. Hier hat das Drogenkartell „Caballeros Templarios“ (Tempelritter) das Sagen.

Die Männer sind mit modernen Sturmgewehren und schusssicheren Westen ausgerüstet, in Pick-up-Jeeps patrouillieren sie durch die von ihnen kontrollierten Ortschaften.  „Die Bürger haben nach uns gerufen“, sagte der Anführer der Bürgerwehr von La Ruana und einer der prominentesten Sprecher der Bewegung, Hipólito Mora, im Interview der Zeitung „Cambio de Michoacán“.

Das sind die Gesichter der Mafia

Das sind die Gesichter der Mafia

Das sind die Gesichter der Mafia
Der italienische Buchautor Roberto Saviano hat mit seinem Buch "Gomorrha" mehr über die Strukturen der Mafia enthüllt, als vielen Verbrechern lieb ist. Seitdem gilt er gemeinhin als Held, muss aber um sein Leben fürchten. © dapd
Das sind die Gesichter der Mafia
Sein Gesicht zu zeigen, kann lebensgefährlich sein. Mafia-Kronzeuge Giuseppe Di Bella hielt im September 2011 auf einer Pressekonferenz in Berlin anlässlich der Veröffentlichung des Buchs "Metastasen - Ein Kronzeuge der 'Ndrangheta' enthüllt die Geheimnisse des größten Familienunternehmens der Welt" eine Maske vor sein Gesicht. Die Mafiosi selbst zeigen ihr Gesicht natürlich ungern in der Öffentlichkeit. Ausnahmen sind Fotos bei Festnahmen und Phantombilder. Wir zeigen Ihnen die Gesichter der Mafia. © dapd
Das sind die Gesichter der Mafia
Merken Sie sich dieses Gesicht: Bernardo Provenzano bei seiner Festnahme in Palermo im April 2006. Provenzano war der Oberboss der sizilianischen Cosa Nostra und bekannt als "Binnu der Traktor". Er war seit 1963 auf der Flucht. © dapd
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Giuseppe Lipari galt als Schatzmeister Provenzanos. 2007 nahmen ihn die Behörden fest. Erst im Jahr zuvor war er aus dem Gefängnis entlassen worden. © dapd
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Auf Provenzano folgte Salvatore Lo Piccolo. Er hat 1998 in Abwesenheit lebenslänglich aufgebrummt bekommen, wurde aber erst im November 2007 in Palermo gefasst. © dpa
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Salvatore Lo Piccolo © dapd
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Sandro Lo Piccolo wurde zeitgleich mit seinem Vater Salvatore festgenommen. © dpa
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Andrea Adamo wurde bei der gleichen Razzia geschnappt, ... © dapd
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... ebenso Gaspare Pulizzi © dapd
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Matteo Messina Denaro, Spitzname Diabolik oder Rolex, gilt momentan als Anführer der sizilianischen Cosa Nostra und ist so einer der meistgesuchten Mafia-Verbrecher. © dpa
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Sein Bruder Salvatore Messina Denaro war 2007 festgenommen worden. Damit war für Matteo der Weg frei, das alleinige Erbe von Bernardo Provenzano anzutreten. © dpa
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Vincenzo Licciardi, der Boss des Licciardi-Clans, bei seiner Festnahme im Februar 2008. Er gilt als einer der Köpfe der neapolitanischen Camorra. © dapd
Das sind die Gesichter der Mafia
Kurios: Schon ein Jahr vor seiner Festnahme war er auf der Flucht zu 14 Jahren Gefängnis verurteilt worden. © dapd
Das sind die Gesichter der Mafia
Francesco Schiavone (l.) war der Boss der Bosse der Comorra. Er verbreitete auch unter dem Namen "Sandokan" Angst und Schrecken. Im Juli 1998 wurde er im Bunker seines Hauses in Casal di Principe festgenommen. © dapd
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Mario Caterino soll die rechte Hand des berüchtigten Ober-Bosses Francesco Schiavone gewesen sein. Wegen Mordes ist er zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe verurteilt worden. © dapd
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Teilweise sehen sie aus wie Gentlemen: Michele Greco, Spitzname "Der Papst", war einer der berüchtigsten Mafiabosse der Vergangenheit und hatte das Talent, zwischen den rivalisierenden Clans vermitteln zu können. Im Februar 2008 ist Greco gestorben. Damals saß er seine Gefängnisstrafe ab. © dapd
Das sind die Gesichter der Mafia
Pasquale Condello, ein Boss der 'Ndrangheta, wurde im Februar 2008 in Reggio Calabria gestellt. Er war zuvor 20 Jahre lang auf der Flucht gewesen. © dapd
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Oreste Spagnuolo bei seiner Festnahme im September 2008 in Neapel. Er soll maßgeblich an einem Attentat auf afrikanische Einwanderer beteiligt gewesen sein. © dapd
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Giovanni Letizia wurde im Zusammenhang mit der gleichen Tat geschnappt. © dapd
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Gleiches gilt für Alessandro Cirillo. © dapd
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Giuseppe Scaduto wurde bei einer großangelegten Aktion der Anti-Mafia-Einheiten im Dezember 2008 in Palermo festgenommen. © dapd
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Im Zuge der gleichen Aktion wurde Gaetano Lo Presti geschnappt. Stunden später erhängte sich der Mafia-Boss im Gefängnis. © dapd
Das sind die Gesichter der Mafia
Giuseppe Salvatore Riina ist der Sohn des berüchtigten Mafia-Bosses Salvatore Riina und war auf dem besten Wege, seinen Vater zu beerben. An Silvester 2004 wurde er wegen verschiedener Vergehen zu 14 Jahren Knast verurteilt. © dapd
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Giuseppe Setola krabbelte im Januar 2008 über ein Hausdach, um vor den Carabinieri zu entkommen, wurde aber dennoch geschnappt. © dapd
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Zuvor war der Mafiakiller bereits in Abwesenheit zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe verurteilt worden. © dapd
Das sind die Gesichter der Mafia
Nicht nur Männer stehen im Fokus der Carabinieri: Elmelinda Pagano, die Frau des Mafiosos Raffaele Amato, wurde im Mai 2009 in Neapel festgenommen. Ihr Mann wurde später in Spanien geschnappt. © dapd
Das sind die Gesichter der Mafia
Auch Luisa Terracciano, die Frau des verurteilten Mafia-Bosses Pasquale Carotenuto, musste 2009 ins Polizeiauto. © dapd
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Maria Grazia Pesce, die Frau des gesuchten 'Ndrangheta-Bosses Roberto Matalone, musste im November 2010 mit auf die Polizeistation. © dapd
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Carmelina Capria ist die Frau des Mafia-Bosses Antonio Pesce, der im Gefängnis sitzt. Im November 2010 wird sie aus der Polizeistation geführt. © dapd
Das sind die Gesichter der Mafia
Nicht alle grinsen nach ihrer Festnahme unverschämt in die Kameras der Fotografen. Pasquale Russo, der seit 1995 auf der Flucht war, zog es 2009 vor, von der Öffentlichkeit weitgehend unerkannt zu bleiben. Die Polizei hatte ihn ja schon erkannt. © dapd
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Domenico Raccuglia galt als einer der Top-Bosse der Cosa Nostra und wurde  im November 2009 geschnappt. Er war 15 Jahre auf der Flucht gewesen. © dapd
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Giovanni Nicchi war bei dem sizilianischen Clan ebenfalls ein hohes Tier - trotz seines jungen Alters. Er war als "kleiner Junge" bekannt, hatte aber bereits einiges auf dem Kerbholz. Im Dezember 2009 wanderte er in den Knast. © dapd
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Giovanni Tegano von der 'Ndrangheta' war 17 Jahre lang auf der Flucht. Im April 2010 setzte ihn die Polizei schließlich in der Mafia-Hochburg Reggio Calabria fest. © dapd
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Paolo Schiavone, der Neffe des berüchtigten Mafia-Bosses Francesco Schiavone, wurde im Mai 2010 am Hafen von Neapel geschnappt, wo viele Geschäfte der Camorra abgewickelt werden. © dapd
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Pasquale Claudio Locatelli wurde im Mai 2010 am Flughafen von Madrid von der Polizei in Empfang genommen. Die italienischen und spanischen Behörden hatten in diesem Fall kooperiert. Zuvor hatten die Italiener 20 Jahre lang nach dem Drogen-Boss der Camorra gefahndet. © dapd
Das sind die Gesichter der Mafia
Nicola Schiavone führte den Clan der Casalesen, einem Ableger der neapolitanischen Camorra. Die Bilder seiner Protzvilla in Casal di Principe gingen anschließend um die Welt. Schiavone soll vor seinem riesigen Fernseher gesessen haben, als ihn die Fahnder überraschten. © dapd
Das sind die Gesichter der Mafia
Mafia-Boss Francesco Di Fresco von der Cosa Nostra wurde im Oktober 2010 in Palermo abgeführt. Ihm wurden seit 1995 Mord und Entführung vorgeworfen. © dapd
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Antonino Lo Giudice von der 'Ndrangheta soll von einem abtrünnigen Ex-Mafia-Mitglied verpfiffen worden sein. So kamen ihm wohl die Behörden im Oktober 2010 auf die Schliche. © dapd
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Gerlandino Messina, ein Boss der Cosa Nostra, wurde im Oktober 2010 auf Sizilien in Gewahrsam genommen. Ihm wurden mehrere Morde angelastet, darunter einer an einem Polizisten. © dapd
Das sind die Gesichter der Mafia
Antonio Iovine von der Camorra lachte in die Kameras, als in die Polizei im November 2010 ins Hauptquartier brachten. Was den Camorra-Boss erwartete, ist weniger lustig. Schon vor seiner Festnahme war er unter anderem wegen Mordes zu einer lebenslänglichen Gefängnisstrafe verurteilt worden. © dapd
Das sind die Gesichter der Mafia
Francesco Vottari wurde der Krieg mit einem verfeindeten Clan zum Verhängnis. Er soll am Mord eines Rivalen beteiligt gewesen sein und wurde im Oktober 2007 von den Mafia-Jägern gefunden. © dapd
Das sind die Gesichter der Mafia
Claudio Adriano Giusto von der sizilianischen Mafia wir mit einer gefälschten venezolanischen Identität in Spanien untergetaucht. Doch auch dort war er nicht vor den Fahndern sicher. Die Handschellen klickten im April 2011. © dapd
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Daniele D'Agnese (r.) bekommt nach seiner Festnahme im Juni 2011 einen Kuss von einem unbekannten jungen Mann, über dessen Identität anschließend gerätselt wurde. D'Agnese war zwei Jahre lang auf der Flucht gewesen. © dapd
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Gaetano Riina ist der Bruder des berüchtigten Salvatore "Toto" Riina und soll für diesen nach dessen Festnahme 1993 als Boss des Corleone-Clans eingesprungen sein. © dapd
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Mafia-Boss Michele Catalano sah sich im November 2007 gerade die Mafia-Serie "Der Boss der Bosse" im Fernsehen an, als die Polizei ihn überraschte. Ironischerweise soll es ausgerechnet die letzte Folge der Staffel gewesen sein. © dpa
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Giuseppe Nirta, der Boss eines 'Ndrangheta-Clans, bei seiner Festnahme im Mai 2008. © dpa
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Edoardo Contini galt bis zu seiner Festnahme im Dezember 2007 als gefährlichster Verbrecherboss Neapels. © dapd
Das sind die Gesichter der Mafia
Auch in den USA agiert die Mafia. Kevin Weeks war der Anführer der Winter Hill Gang aus Boston. Hier sagt er im Oktober 2008 vor Gericht aus. © dapd
Das sind die Gesichter der Mafia
Für ihn war es ein Feiertag: Joseph Bonanno, auch bekannt als Joe Bananas, der Gründer des Bonanno-Clans aus den USA, kam im Mai 1966 auf Kaution frei. Hier verließ der Italo-Amerikaner das Gericht in New York City. © dapd

Doch die Bürgerwehren sind nicht überall willkommen. Ihr Vormarsch auf Apatzingán wird von heftigen Auseinandersetzungen begleitet. Immer wieder stellen Unbekannte Lastwagen und Busse quer zur Straße und zünden die Fahrzeuge an. In Apatzingán wurden Brandanschläge auf die Rathäuser und Geschäfte verübt. Örtliche Medien berichten von Schießereien.

Wer hinter den Angriffen steckt, ist unklar.  Die Bürgerwehren machen Handlanger der Tempelritter für die Attacken verantwortlich. Mindestens zwei Menschen wurden bei Gefechten in Múgica und Antúnez erschossen. Die Selbstverteidigungsgruppen nahmen mehrere mutmaßliche Informanten des Kartells fest. Einer direkten Auseinandersetzung gehen die „Caballeros Templarios“ bislang aus dem Weg.

Am Wochenende rückten zusätzliche Einheiten der Streitkräfte und rund 1.500 Bundespolizisten in den bereits stark militarisierten Bundesstaat ein. Sie lösten mehrere Straßenblockaden auf und patrouillierten im Stadtzentrum von Apatzingán. Den bürgerkriegsähnlichen Zuständen auf dem Land konnten sie bislang jedoch kein Ende setzen.

Regierung lehnt Selbstverteidigungsgruppen ab

Offiziell lehnt die mexikanische Regierung die Selbstverteidigungsgruppen ab.  Die Bürgerwehren stünden außerhalb der Rechtsordnung und würden von den Behörden nicht anerkannt, sagte Innenminister Miguel Ángel Osorio Chong am Freitag. Tatsächlich werden die Gruppen von den völlig überforderten Sicherheitskräften in der Region wohl zumindest geduldet.

Bürgerwehren haben im Westen Mexikos Tradition, die jüngste Offensive ist aber selbst für diese Region ungewöhnlich. Im Kampf gegen die Terrorherrschaft der Tempelritter griffen die Bürger in der Tierra Caliente vor knapp einem Jahr zu den Waffen und besetzten einzelne Dörfer. Jetzt wollen sie eine Entscheidung in ganz Michoacán erzwingen.

Bürgerwehr-Chef unter Polizeischutz

Drahtzieher des massiven Aufmarschs ist offenbar José Manuel Mireles. Nachdem der Chef der Bürgerwehr von Tepalcatepec bei einem Flugzeugabsturz verletzt wurde, liegt er unter Polizeischutz in einem Krankenhaus in Mexiko-Stadt und soll von dort seine Männer per Telefon dirigieren.

Die Nationale Menschenrechtskommission macht die Schwäche des Staates für die jüngste Eskalation verantwortlich.  „Die Bürgerwehren versuchen, Funktionen zu übernehmen, die nicht sie, sondern der Staat erfüllen sollte“, sagte Ombudsmann Raúl Plascencia im Interview der Zeitung „El Universal“.

Sicherheitsexperte Alejandro Hope befürchtet, dass das Kräftemessen blutig endet. „Wenn die Bürgerwehren Apatzingán erobern wollen, wird es heftige Kämpfe geben“, schreibt er in einer Analyse für das Internetportal Insight Crime. „Meine Prognose: Michoacán wird 2014 zu den gewalttätigsten Bundesstaaten gehören.“

Von Denis Düttmann

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