Kritik am Partei-Vorsitzenden wird immer deutlicher

„Der Horst will uns einlullen“ - CSU-Chef gibt sich nach Wahlschlappe sanft

Im Kreis seiner Parteifreunde, aber nicht in Sicherheit: Horst Seehofer zu Beginn der Vorstandssitzung.
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Im Kreis seiner Parteifreunde, aber nicht in Sicherheit: Horst Seehofer zu Beginn der Vorstandssitzung.

Mit einer Charmeoffensive versucht Horst Seehofer, sich in seinen Ämtern zu halten. Verunsicherung und Zorn in der CSU sind allerdings hoch. Der Parteichef durchlebt einen ungemütlichen Tag. Und daran ist nicht mal Söder schuld.

München – Das Sandmännchen entsteigt morgens einer dicken Limousine und beginnt sofort mit seiner Arbeit. Horst Seehofer spricht geduldig über „Klugheit und Besonnenheit“, die man jetzt brauche. Er lobt Markus Söder, mit dem die Zusammenarbeit sich „sehr bewährt“ habe, ein wunderbarer „Dualismus“ laufe da. Und freut sich über die „besondere Rolle“ der CSU, die auch mit 37 Prozent noch fortbestehe.


So sanft, so zahm agiert der schwer angeschlagene CSU-Vorsitzende am Tag nach der Wahl, dass sich seine Parteifreunde verwundert die sandigen Augen reiben. „Der will uns einlullen“, morst ein irritierter Teilnehmer aus der ewig langen Sitzung des Parteivorstands. Freundlicher formuliert: Mit einer Charmeoffensive versucht Seehofer, der erwartbaren, teils wütenden Kritik seiner Parteifreunde entgegenzutreten.

Er geht bis an die Grenze der Selbstverleugnung: Persönlich schlägt er vor, einen Beschluss für Söder als alten und neuen Ministerpräsidenten zu fassen. Weil ihn mehrere Parteifreunde von den Koalitionsverhandlungen ausschließen wollten, bietet er von sich aus an, Söder dort die Führung zu überlassen. Er will allenfalls helfen, vorab bei den Sondierungen. Und falls sonst jemand Kritik an ihm anmeldet, so macht Seehofer deutlich, stehe er „für jede Debatte zur Verfügung“. Sogar Fehler räumt er ein. „Der Stil der Auseinandersetzung“ um Asyl sei sein größter Fehler heuer gewesen.


Seehofer: „Persönlich geht es mir sehr gut – politisch ist es nicht einfach.“

Der 69-Jährige kennt den politischen Betrieb mit seinen Hypes und Stürzen so intensiv, dass er genau weiß, wann er zum Sandbeutel greifen muss und wann zu rabiaten Methoden. Die gefährlichsten Stunden nach verlustreichen Wahlen sind der Abend, wenn aus den Wahlkämpfern der Frust losbricht, und der Tag danach, wenn sich in den Gremiensitzungen Kritiker hochschaukeln. Seehofer will politisch überleben, hat aber keine Kraft mehr für ein Machtwort. Das klingt gar nicht mehr nach Gute-Nacht-Geschichte. Ausgang: ungewiss.

Seehofer hat an einer Front Ruhe und an zweien Ärger. Söder und seine engsten Vertrauten halten seit Sonntag einen Waffenstillstand mit dem Parteichef. Sie wollen alle Personaldebatten vertagen, einen frühen Sonderparteitag vermeiden. An der Basis rumort es aber. „Die Revolution kommt von unten“, sagt ein erfahrener Abgeordneter, das könne einige Tage lang anschwellen. Und: Die Älteren in der Partei melden sich. Die Ehemaligen. „Das Lazarett“, sagte Seehofer vor Jahren mal bitterböse.

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Erwin Huber redet sich am Wahlabend schon heiser. Barbara Stamm, die nun amtlich ihr Mandat verloren hat, kritisiert offen die tauben Ohren ihrer Partei für die Flüchtlingshelfer. In der Sitzung holt sie zum Rundumschlag aus, rügt Stil und Kommunikation. Warum sie eben erst erfahren habe, dass Ilse Aigner neue Landtagspräsidentin werden soll? Alois Glück beklagt, die CSU habe Kompetenzen und Kontakte verloren. Bei ihnen hat sich das angestaut, sie haben aus Disziplin die Zähne zusammengebissen vor der Wahl.

Aus Berlin melden sich die Ex-Minister Peter Ramsauer und Hans-Peter Friedrich zu Wort, die mit Seehofer ein Bündel Rechnungen offen haben. „Völlig klar“, dass „bei so dramatischen, katastrophalen Verlusten automatisch eine Führungsdebatte einsetzt“, sagt etwa Ramsauer im „Deutschlandfunk“.

Theo Waigel: „Ich habe mit 47 Prozent die Konsequenzen gezogen.“

Dann wäre da noch Theo Waigel. Der Ehrenvorsitzende hat mit sich gerungen, ob er am Wahlabend die Keule zücken soll, er schwieg. Im Vorstand, berichten Teilnehmer, rügt er Seehofer scharf für die Querschuss-Salven aus Berlin, namentlich für den Rummel um Verfassungsschutz-Chef Hans-Georg Maaßen. Waigel, sonst eigentlich höflich, wendet sich an den „lieben Horst“: „Ich glaube Dir sehr, dass das eine wichtige Personalie ist. Aber Aufgabe eines Geheimdienstes ist es, das Maul zu halten und nicht, Interviews zu geben.“ Als er endet, senden mehrere Anwesende Lob-SMS an Waigel. Auch nach ihm geben mehrere Redner Seehofer Kontra. Die Schokocreme, die der Chef dem Vorstand servieren lässt, besänftigt sie nicht.

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Trotzdem bleibt eines aus: offene Rücktrittsforderungen. Seehofers Kritiker reden um diesen Punkt wortreich herum. Höhepunkt intern soll der Auftritt von Senioren-Union-Chef Thomas Goppel gewesen sein, der abstrakt davon schwärmt, wie frei man doch ohne Ämter sei.

Vielleicht hat der Sand gewirkt. Wer von außen auf diese CSU starrt, staunt: Warum hebt Söder nicht den kleinen Finger der linken Hand und stupst Seehofer, den Eigenbrötler, ins Aus? Vorerst hindert ihn wohl die Angst vor Chaos. Söders 37 Prozent sind nicht gut genug, um machtbewusst nach dem Vorsitz zu greifen. Und nicht schlecht genug, um einem anderen Jungen, etwa Manfred Weber oder Alexander Dobrindt, das Amt überlassen zu müssen. Es würde also Ärger geben – ungünstig während laufender Koalitionsgespräche. Zudem sprießt in der CSU die Hoffnung, Seehofer könnte nach der Hessen-Wahl so schwungvoll stürzen, dass er Merkel mitreißt.

Scharfe Seehofer-Kritik von Landräten 

Anderen ist tatsächlich daran gelegen, das miese Ergebnis inhaltlich aufzuarbeiten, ehe an Stühlen gesägt wird. Und Söder hat keine Lust, selbst den Königsmörder zu geben. Er wartet, ob andere den Job erledigen: Seit Montagabend tagen diese Woche reihum die Bezirksvorstände der CSU. Das sind keine viel beachteten, aber einflussreiche Gremien. Zur Erinnerung: Der Bezirksvorstand Oberbayern war es 2008, der mit einem kleinen Schubser Günther Beckstein zum Sturz brachte. Auch jetzt gärt es. Bei der nichtöffentlichen Sitzung gestern Abend wird laut Teilnehmern scharfe Seehofer-Kritik von braven oberbayerischen Landräten laut, ebenso die Forderung nach einem Sonderparteitag.

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Ein Vorgeschmack? Der reguläre Parteivorstand lässt Seehofer nach sechs Stunden ziehen. Mit einem Bündel an Zugeständnissen: Es muss heuer noch eine große Veranstaltung geben, Parteitag oder Basiskonferenz, die die Wahlklatsche aufarbeitet. Eine „tiefe Analyse auch mögliche Folgen“, verspricht Seehofer, „offen und ohne Schonung“. Er gelobt außerdem, in Berlin „konstruktiv mitarbeiten“ zu wollen. Für die Kritik, die blaugetretenen Schienbeine, bedankt er sich auch noch artig: „Eine sehr ehrliche Diskussion.“

Als er vor dem Sitzungssaal nach draußen geht, trifft er übrigens auf seinen Kritiker Waigel, der gerade live ein Fernsehinterview gibt. Just in dem Moment ist Waigel bei der Schilderung seines Rücktritts vom Parteivorsitz angelangt. „Ich habe mit 47 Prozent die Konsequenzen gezogen“, sagt er vieldeutig. Seehofer will das eher nicht hören, so weit geht die Selbstkasteiung nicht. Er biegt ab und läuft einen Bogen um Waigel.

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