Die große Analyse

Das Phänomen AfD: Das steckt hinter dem Erfolg

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AfD-Pressekonferenz in Berlin am Montag nach den Landtagswahlen. Von links: Uwe Junge (Spitzenkandidat RP), André Poggenburg (Spitzenkandidat SA), AfD-Bundesvorsitzende Frauke Petry und Jörg Meuthen (Spitzenkandidat BW).

München - Die große Analyse zur AfD nach den Landtagswahlen 2016: Was steckt hinter dem Erfolg der Rechtspopulisten?

Aus dem Stand mit zweistelligen Prozentzahlen in drei Länderparlamente einzuziehen – was am Sonntag der AfD in Baden-Württemberg, Sachsen-Anhalt und Rheinland-Pfalz gelang, hat’s in der Geschichte der Bundesrepublik noch nie gegeben. Was steckt hinter dem Erfolg der AfD? Die tz-Analyse auf Basis der Infratest-dimap-Umfrage im Auftrag der ARD.

Der Aufstieg: Gegründet würde die AfD im April 2013. Ihre Sprecher waren damals Bernd Lucke, Frauke Petry und Konrad Adam. Bei der Bundestagswahl 2013 scheiterte die Partei mit 4,7 Prozent zwar noch an der 5-Prozent-Hürde, danach schaffte sie aber bei jeder Wahl den Einzug ins Parlament.

  • Europawahlen Mai 2014: 7 %
  • Landtagswahlen Sachsen August 2014: 9,7 %
  • September 2014 Landtag Thüringen: 10,6 % und Landtag Brandenburg: 12,2 %
  • 2015 Hamburg: 6,1 % und Bremen: 5,5 %

Nach dem Parteitag im Juli 2015, auf dem sich Petry gegen Lucke durchsetzte, sackt die AfD in Umfragen bundesweit auf drei Prozent ab, doch mit Beginn der Flüchtlingskrise steigen die Werte wieder, zuletzt bundesweit auf rund zehn Prozent.

Von welchen Parteien holte sich die AfD jetzt die Stimmen?

Die meisten AfD-Wähler kommen aus der Gruppe der bisherigen Nichtwähler. Von den 350 000 Stimmen in Sachsen-Anhalt kamen 100 100 Stimmen von Nichtwählern, 38 000 von der CDU, 28 000 von der Linken, 20 000 von der SPD, 6000 von der FDP, 3000 von den Grünen und 54 000 von anderen Parteien. Ähnlich sieht es in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz aus.

Aus welchen sozialen Gruppen kommen AfD-Wähler?

In Baden-Württemberg sind 30 % Arbeiter , 17 % Angestellte , 13 % Selbstanständige, 10 % Rentner und 32 % Arbeitslose. In den anderen Bundesländern sieht’s ähnlich aus.

Wie alt sind AfD-Wähler?

Die Wähler sind auf alle Alterstufen in etwa gleich verteilt.Kleine Ausreißer nach oben und unten gibt es in Baden-Württemberg (alle 15%) bei den 25- bis 34-Jährigen mit 19 Prozent und bei den Senioren ab 70 mit neun Prozent.

Was denken AfD-Wähler …

… über Demokratie? Während in Rheinland-Pfalz unter allen Wählern 61% damit zufrieden sind, wie unsere Demokratie funktioniert, sind es unter den AfD-Wählern nur 17%.

… über Flüchtlingszuzug: 93 Prozent der AfD-Wähler in Rheinland-Pfalz und 92 Prozent der AfD-Wähler in Sachsen-Anhalt glauben, dass dadurch der Einfluss des Islam zu stark wird. 95% der AfD-Wähler in Sachsen-Anhalt haben die Sorge, dass dadurch die Kriminalität in Deutschland ansteigen wird. (Unter den Wählern insgesamt glauben das 67%).

Wie sehen AfD-Wähler ihre Partei?

In Sachsen-Anhalt unterschreiben 99 Prozent die Aussagen, „Gut, dass sie den Zuzug von Ausländern und Flüchtlingen stärker begrenzen will“ und „Die AfD hat besser verstanden, dass sich viele Menschen nicht mehr sicher fühlen“ 98 Prozent sagen: „Die AfD löst zwar keine Probleme, nennt die Dinge aber beim Namen.“ Dass sich ihre Partei nicht genug von rechtsradikalen Positionen distanziert, sagen 50 Prozent.

Wo sehen AfD-Wähler die Kompetenzen ihrer Partei?

74 Prozent trauen ihr zu, dass sie die Flüchtlingssituation bewältigen kann. Wenn’s um Arbeitsplätze geht, halten sie aber nur 24% für kompetent.

Wie begründen AfD-Wähler ihre Wahlentscheidung?

Überzeugt von den Inhalten sind nur 29%, 62% Prozent sagen, es ist die Enttäuschung über anderen Parteien, die sie AfD wählen lässt.

Was bedeutet der AfD-Erfolg für die NPD?

Fakt ist, die NPD hat in allen drei Bundesländern weniger Stimmen erhalten als zuvor. Hans-Olaf Henkel, der die AfD 2015 wegen rechtsnationaler Äußerungen einiger Parteimitglieder verlassen hatte, sagt: „AfD-Vize Alexander Gauland geht nach dem Staubsaugerprinzip vor. Jeden Dreck saugt er auf, Hauptsache der Beutel ist voll.“

Wird sich die AfD selbst entzaubern, wie einige hoffen?

Einige der jetzt schon in den Landtagen von Brandenburg, Bremen, Hamburg, Sachsen und Thüringen vertretenen AfD-Abgeordneten glänzen nicht unbedingt durch Sachkenntnis. Das schadet der Partei aber bislang noch nicht.

Wie analysieren Wissenschaftler den AfD-Erfolg?

Der Dresdner Politologe Werner Patzelt ist der Auffassung, die etablierten Parteien hätten die Sorgen der AfD-Anhänger vernächlässigt. „In Deutschland hat man den traditionellen und bewährten Anti-Rechts-Reflex gehabt: Alles, was rechts von der CDU ist, das ist NPD light, das muss ausgegrenzt werden“, sagte der Wissenschaftler. Es sei ignoriert worden, „dass die Einwanderung und folglich die Veränderung der Zusammensetzung der deutschen Bevölkerung eine Herausforderung für unser Land ist“.

Wer zieht jetzt für die AfD in die Parlamente ein?

Das Spektrum ist groß: Prof. Jörg Meuthen (54, verheiratet, fünf Kinder), Spitzenkandidat in Baden-Württemberg, lehrt Volkswirtschaft und Finanzwissenschaft an der Hochschule Kehl, Uwe Junge (58), ehemaliger Berufsoffizier, war lange CDU-Mitglied ehe er zur AfD wechselte und Spitzenkandidat in Rheinland-Pfalz wurde. Wirbel gab’s, als der SWR enthüllte, dass Junge Mitglied der islamfeindlichen Partei Die Freiheit war, die der bayerische Verfassungsschutz als extremistisch einstuft. André Poggenburg (40), AfD-Spitzenkandidat in Sachsen-Anhalt, betrieb bis zum Jahreswechsel einen Autokühlerbetrieb – offensichtlich wenig erfolgreich. Wegen ausstehender Forderungen drohte ihm Erzwingungshaft. Inzwischen sind die Zahlungen beglichen. Zu Poggenburgs Team gehört Robert Farle, der über zehn Jahre im Stadtrat von Gladbeck saß – für die Deutsche Kommunistische Partei. Am Sonntag holte er mit 30,1% für die AfD das Direktmandat im Saalekreis.

Welche Ziele verfolgt die AfD?

Regierungsverantwortung lehnt man (noch) ab. Parteivize Alexander Gaualand sagte: „Wir wollen kein Koalitionspartner von niemandem sein, weil wir diese Politik bis aufs Messer bekämpfen werden.“

Die AfD-Wähler in Baden-Württemberg

15,1 % wählten AfD, davon waren

Arbeiter 30%

Angestellte 17%

Selbstständige 13%

Rentner 10%

Arbeitslose 32%

Was AfD-Wähler über ihre Partei denken

93% „Löst zwar keine Probleme, nennt die Dinge aber beim Namen“

99% "Hat besser als Andere verstanden, dass sich viele Menschen nicht mehr sicher fühlen“

99% "Gut, dass sie den Zuzug von Ausländern und Flüchtlingen stärker begrenzen will"

98% "Finde gut, dass sie die Probleme bei der Integration muslimischer Flüchtlinge anspricht"

Wäre gut, wenn man CSU wählen könnte

Das sagen von allen Wählern in...

Baden-Württemberg 24%

Rheinland-Pfalz 25%

Sachsen-Anhalt 31%

und von den AfD-Wählern in...

Baden-Württemberg 61%

Rheinland-Pfalz 72%

Sachsen-Anhalt 57%

WDP

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