In Deutschland fehlen immer mehr Pflegekräfte

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Berlin - Mehr als drei Millionen Menschen werden 2030 in Deutschland nach Schätzungen professionelle Pflege brauchen. Der Mangel an Alten- und Krankenpflegern wird bis dahin dramatisch zunehmen. Minister Rösler will nun gegensteuern.

Deutschland droht ein immer größerer Pflegenotstand. In 15 Jahren fehlen voraussichtlich rund 152 000 ausgebildete und ungelernte Pfleger und Helfer. Das entspricht 112 000 Vollzeitstellen in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen, wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden am Montag mitteilte. Unmittelbar vor einem Spitzentreffen zum dem Thema im Bundesgesundheitsministerium dringt Ressortchef Philipp Rösler (FDP) auf eine bessere Bezahlung der Pfleger. Der Paritätische Wohlfahrtsverband warf Rösler deshalb Scheinheiligkeit vor.

In einer anderen Rechnung der Statistiker ist die Kluft noch größer: Wenn nur ausgebildete Krankenschwestern und -pfleger, Hebammen, Altenpfleger und Helfer berücksichtigt werden, fehlen bis 2025 voraussichtlich rund 260 000 Kräfte oder 193 000 Ganztagsstellen. “Bislang konnte der Bedarf an Pflegepersonal noch über ungelernte und angelernte Pflegekräfte kompensiert werden“, so das Bundesamt. Nur gut jeder zweite Kranken- und Altenpfleger ist für seine Tätigkeit ausgebildet. Der Rest ist angelernt. Diese Hilfskräfte werde den Hochrechnungen zufolge aber ab 2018 nicht mehr ausreichen, um den steigenden Bedarf zu decken.

Zum Auftakt mehrerer Treffen zur Vorbereitung einer Pflegereform kommt Rösler an diesem Dienstag mit Verbands-, Kassen- und Ländervertretern in Berlin zusammen. Im Vorfeld der Gespräche schlug er eine bessere Verzahnung der Alten- und Krankenpflegeausbildung und höhere Löhne für Pfleger vor. “Wer gute Mitarbeiter sucht, kommt nicht weit, wenn er nur den Mindestlohn zahlt“, sagte er dem “Tagesspiegel“. Um die Attraktivität des Berufs zu steigern, sollten den Pflegern zudem Dokumentationsarbeiten abgenommen werden. Pflegekräfte aus dem Ausland könnten den Mangel nicht kompensieren. Die Statistiker sehen einen Ausweg darin, dass in West- wie bereits in Ostdeutschland mehr Pflegekräfte ganztags arbeiten. In Westdeutschland arbeiteten allerdings mehr als zwei Drittel der in der Pflege dominierenden Frauen bewusst nur in Teilzeit als Krankenschwester, Hebamme, Altenpflegerin oder Gesundheitshelferin.

Die Krankenkassen forderten schnelle Abhilfe. “Es braucht mehr Ausbildungskapazitäten, Rahmenbedingungen, dass die Pflegekräfte ihren Beruf länger ausüben und die Unterstützung der pflegenden Angehörigen“, sagte Gernot Kiefer , Vorstand des Kassen- Spitzenverbands. Ellen Paschke vom Vorstand der Gewerkschaft Verdi mahnte: “Wenn aus der Pflege-Runde im Bundesgesundheitsministerium keine Placebo-Runde werden soll, muss die Wahrheit auf den Tisch: Die Arbeitgeber wollen Kosten senken um fast jeden Preis.“ Paschke kritisierte Dumpinglöhne, belastende Arbeit und Mängel bei der Aus- und Fortbildung. Der Vorsitzende des Paritätische Wohlfahrtsverbands, Eberhard Jüttner, monierte, die Politik sei scheinheilig, wenn sie eine bessere Bezahlung von Pflegekräften fordere - “aber nichts dafür tut, dass die öffentlichen Kassen diese auch finanzieren“. Die Koalition will die Pflegefinanzen zunächst nicht auf die Tagesordnung setzen. “Erst geht es um die Verbesserungen für die Menschen“, sagte Rösler.

Unionsfraktionschef Volker Kauder sagte am Sonntagabend in der ARD, zunächst müsse geklärt werden, wie zahlreich Demenzkranke in die Pflegeversicherung aufgenommen werden. Die Pflegekassen dürften zudem wohl erst 2013/2014 finanzielle Probleme bekommen. Der CDU-Experte Jens Spahn sagte: “Es ist richtig, zuerst über den zusätzlichen Bedarf in der Pflege zu reden und erst im nächsten Schritt über die künftige Finanzierung.“ Die Linke warf Schwarz-Gelb Konzeptlosigkeit vor. Der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe zog eine positive Bilanz von Protesten gegen “die miserable Situation in der Pflege“. Mehr als 40 000 elektronische Karten und zehntausende gelbe Postkarten seien an Kanzlerin Angela Merkel (CDU) geschickt worden.

dpa

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