Was ist sein Motiv?

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Whistleblower Edward Snowden gibt einige Rätsel auf

Fort Meade - Edward Snowden hält die Welt mit Enthüllungen über massive US-Datenspionage weiter in Atem. Er selbst und seine Motive für den Geheimnisverrat bleiben aber ein Rätsel. Wer ist der Mann eigentlich?

In den USA kennt ihn fast jeder, den Witz über die National Security Agency, kurz NSA. Sie ist der geheimste aller Geheimdienste - so geheim, dass ihr Kürzel für „No such Agency“ seht. Das bedeutet übersetzt in etwa, diese Behörde gibt es gar nicht. Natürlich gibt es sie. Daran hat der 29-jährige externe NSA-Mitarbeiter Edward Snowden mit seinen Enthüllungen über massive Datenspionage in drastischer Weise erinnert.

Aber so geheim sie auch sein mag - im Leben des späteren „Whistleblower“ war die Geheimdienstbehörde in jungen Jahren ein durchaus sichtbarer Faktor. Snowden wuchs in der Nähe des NSA-Hauptquartiers in Fort Meade im US-Bundesstaat Maryland, südlich von Baltimore, auf. Als er die Arundel High School besuchte, stellte die Behörde regelmäßig Mitarbeiter bereit, um Schülern Nachhilfe-Unterricht in Mathe zu geben.

Später wechselte Snowden zum Anne Arundel Community College, wo Kurse in Cybersicherheit für potenzielle NSA- und Pentagonmitarbeiter angeboten wurden. Allerdings zeigen Unterlagen, dass Snowden keinen solchen Kurs belegte. In seinen späten Jugendjahren startete er zusammen mit Freunden vielmehr eine Webseite, die sich um japanischen Zeichentrick drehte.

"Er hatte immer ein starkes Empfinden dafür, was richtig und falsch ist"

Es ist gut vorstellbar, dass diese frühen Berührungspunkte mit der NSA Snowden bei seiner späteren Berufswahl - zunächst Arbeit für die CIA, dann als Techniker bei zwei NSA-Vertragsfirmen - beeinflussten. Was aber brachte ihn dann Jahre später zu seinem massiven Geheimnisverrat, was löste seine „Gewissenskrise“ aus, wie es eine Freundin beschrieb?

Snowden selbst hat das in Interviews nur bruchstückhaft beantwortet. Jede Person mit etwas Tiefgang hätte sich an seiner Stelle genauso entschieden, sagte er. Die Öffentlichkeit müsse die Gelegenheit erhalten, selbst darüber zu urteilen, ob das massive Abgreifen von Nutzerdaten bei Internetfirmen richtig oder falsch sei.

Beiträge in Online-Blogs und Diskussionsforen, öffentliche Unterlagen und Interviews mit Snowdens Nachbarn, Lehrern und Bekannten zeichnen das Bild eines jungen Mannes, der das amerikanische Ideal von persönlicher Freiheit stets hochhielt. Jonathan Mills etwa, der Vater von Snowdens langjähriger Freundin, beschreibt ihn als nachdenklich, scheu, reserviert. „Er hatte immer ein starkes Empfinden dafür, was richtig und falsch ist.“

Snowden wollte sich für Spezialeinsätze ausbilden lassen

Vor diesem Hintergrund, so Mills im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AP, mache es Sinn, dass er sich zu den Enthüllungen entschlossen habe. „Aber es ist trotzdem ein Schock.“

Angaben und Aufzeichnungen über Snowdens Werdegang lassen eine Reihe von Fragen offen. Er ist zum Beispiel ein High-School-Abbrecher. Warum er zweieinhalb Jahre vor dem Schulabschluss ausstieg, bleibt unklar. Eine Freundin schilderte dem Sender MSNBC, er sei später etwas beschämt darüber gewesen. 2002 ließen sich Snowdens Eltern scheiden. Die Mutter kaufte in Ellicott City (Maryland) eine Eigentumswohnung, in die der Sohn einzog.

19 Jahre alt war Snowden damals, und zur selben Zeit wurde er reger Teilnehmer eines Technologie-Blogs. Zwischen Ende 2001 und Mitte 2012 kamen 750 Einträge von ihm, eine Reihe davon zur Cybersicherheit. Im Mai 2004 schrieb er sich beim US-Heer ein. Nach Angaben eines Sprechers wollte er sich für Spezialeinsätze ausbilden lassen, aber qualifizierte sich nicht dafür.

CIA ermutigte angeblich Banker, betrunken Auto zu fahren

Eigenen Angaben zufolge wurde Snowden von der CIA für Arbeiten auf dem Gebiet der Cybersicherheit angeheuert und dann 2007 nach Genf geschickt, wo er von März desselben Jahres bis Februar 2009 als Mitarbeiter der US-Mission bei den Vereinten Nationen akkreditiert war.

In dieser Zeit habe ihn seine Arbeit zunehmend besorgt gemacht, schildert seine damalige Freundin Mavanee Anderson dem Sender MSNBC. Snowden habe schließlich der CIA den Rücken gekehrt. „Ich wusste, dass er eine Art Gewissenskrise hatte.“

Snowden selbst schilderte in einem Interview der britischen Zeitung „Guardian“ einen Vorfall, der ihn desillusioniert habe. Demnach wollte die CIA 2007 einen Banker als Informanten gewinnen und ermutigte ihn, betrunken Auto zu fahren. Nachdem er von der Polizei erwischt worden sei, habe ihm ein CIA-Mann aus der Patsche geholfen. Damit sei der Fisch - der Banker - an der CIA-Angel gewesen.

Nachbarn: Snowden hatte Jalousien immer unten

Der spätere Whistleblower verließ nach eigenen Angaben Genf, um hintereinander für zwei Vertragsfirmen der NSA zu arbeiten, unter anderem in Japan. Im Spätfrühling 2012 zog er dann nach Hawaii um, seine Freundin Lindsay Mills folgte ihm. Mills stellte ins Internet Kommentare und Fotos, die von einem anscheinend glücklichen Leben in einem Paradies zeugten. Nachbarn berichteten jedoch, das Paar ließ die Jalousien des blaugetünchten Hauses immer heruntergelassen und stellte die Garage mit Umzugskisten voll, so dass kein Blick nach innen möglich gewesen sei.

Spätestens seit diesem Januar bereitete Snowden die Enthüllung von NSA-Dokumenten vor, kontaktierte zunächst eine Dokumentar-Filmemacherin, dann eine Mitarbeiterin des „Guardian“. Als Mills später im Frühjahr von einem US-Besuch nach Hawaii zurückkam, teilte ihr Snowden mit, er müsse weg. Am 20. Mai flog er nach Hongkong. Wenig später schockten seine Enthüllungen über die großangelegte Ausspähung von Internet- und Telefondaten im Namen der Terrorbekämpfung international Bürger und Politiker.

AP

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