Interview mit Papst-Biograph Kissler

Sind die Deutschen an Benedikt gescheitert?

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Die weltweit erste Geschichte und Analyse des Pontifikats von Benedikt XVI. erscheint am 14. März im Münchner Pattloch-Verlag. Der Journalist Alexander Kissler hat das Buch mit dem provokanten Titel "Papst im Widerspruch. Benedikt XVI. und seine Kirche 2005 - 2013" verfasst. 

München - Gab es zwischen den Deutschen und Benedikt XVI. jemals wirkliche Sympathie? Hat der Papst im Missbrauchsskandal hart genug durchgegriffen? Darüber sprachen wir mit dem Papst-Biographen Alexander Kissler. 

Die weltweit erste Geschichte und Analyse des Pontifikats von Benedikt XVI. erscheint am 14. März im Münchner Pattloch-Verlag. Der Journalist Alexander Kissler hat das Buch mit dem provokanten Titel "Papst im Widerspruch. Benedikt XVI. und seine Kirche 2005 - 2013" verfasst. Von Kissler stammt bereits ein vielbeachtetes Buch über den "deutschen Papst und seine schwierige Heimat". Später folgte unter anderem "Der aufgeklärte Gott. Wie die Religion zur Vernunft kam." Seit Jahresanfang leitet Kissler, der zuvor für FAZ, SZ und den "Focus" schrieb, das Kulturressort beim Monatsmagazin "Cicero."

Herr Kissler, wurden die Deutschen mit Benedikt XVI. jemals wirklich warm?

Generelle Aussagen über „die Deutschen“ halte ich für schwierig. Dennoch muss man festhalten: Der „antirömische Affekt“, also die Papstkritik – oder sogar: der Papsthass – hat in Deutschland eine lange Tradition. Das hat sich in den acht Jahren, die Benedikt im Amt war, nicht geändert.

Woher kommt diese Abneigung?

Viele Deutsche tun sich schwer damit, dass es eine Instanz wie die katholische Kirche gibt, die viel älter ist als die Bundesrepublik und die im Gegensatz zur Bundesrepublik auch weltweit angelegt ist. Viele tun sich auch schwer damit, wenn der Papst andere Maßstäbe an aktuelle Debatten anlegt, als die Mehrheitsmeinung und den Zeitgeist. Insofern hat der antirömische Affekt bei uns viele Anhänger – sogar in kirchlichen Kreisen, manchmal bis hinauf zu Bischofsstühlen.

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Auch aus Kirchenkreisen hört man derzeit wieder viele Empfehlungen, was sich im Katholizismus ändern müsse: Zölibat abschaffen, Frauenordination und Kondome zulassen bis hin zur Ehe von Homosexuellen. Kann und muss die Weltkirche am deutschen Wesen genesen?

Weltweit machen die deutschen Katholiken gerade einmal zwei Prozent aller Katholiken aus. Und es ist eine Gemeinschaft, die eher schrumpft als wächst. Es hat mir noch nie eingeleuchtet, woher unsere Papstkritiker ihr Selbstbewusstsein nehmen, der katholischen Kirche ausgerechnet jene Rezepte zu empfehlen, die sich in anderen Kirchen bereits als untauglich erwiesen haben.

Können Sie das belegen?

Bei den Protestanten wurden die von Ihnen genannten Forderungen doch schon verwirklicht. Trotzdem ist die Zahl der evangelischen Christen in Deutschland während der Amtszeit von Benedikt XVI. mit minus sieben Prozent deutlich schneller gesunken als die Zahl der Katholiken mit minus 5,4 Prozent. Weltweit ist die römisch-katholische Kirche während seines Pontifikats sogar um über 100 Millionen gewachsen. Eine beachtliche Bilanz!

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Was empfehlen Sie den deutschen Kirchenkritikern?

Gottlob haben wir ja in Deutschland Religionsfreiheit. Da hat doch jeder die Möglichkeit, in eine Religionsgemeinschaft einzutreten, in der diejenigen Forderungen schon verwirklicht sind, die mir wichtig sind. Und das meine ich jetzt gar nicht zynisch. Ist es nicht erstaunlich, dass etwa die reformierte Kirche der Schweiz fast keinen Nachwuchs mehr hat und hierzulande die Altkatholiken auch nicht gerade einen Ansturm erleben?

Was sieht denn Ihr Idealbild einer starken Kirche aus?

Eine Glaubensgemeinschaft ist dann gesund, wenn sie in sich stimmig ist. Heißt konkret: Wenn sie das, was sie predigt, auch lebt. Wenn sie das, was sie verkündet, auch glaubt. Und wenn sie in den Bedrängnissen des Alltags den Menschen Trost und Hoffnung geben kann. Vielleicht wäre eine zahlenmäßig kleinere Kirche eine spirituell gesündere. Bei uns boomen zwar die Verwaltungsstrukturen und die Kirchensteuereinnahmen – aber das Glaubenswissen kollabiert. Wenn diese Entwicklung in Deutschland so weiter geht, haben wir irgendwann nur noch hauptamtliche Kirchenvertreter, aber keine Gläubigen mehr. Benedikt kritisierte in Freiburg durchaus zurecht "kirchliche Routiniers, die in ihr nur noch den Apparat sehen".

Schätzten andere Kontinente und Länder den deutschen Papst mehr als die eigenen Landsleute?

Ja, das muss man sagen. Großer Respekt für das Pontifikat Benedikts XVI. kommt aus zahlreichen afrikanischen Ländern. Viel Lob hören wir auch aus Polen oder aus den Vereinigten Staaten, wo der Katholizismus boomt. Der deutschsprachige Raum tut sich besonders schwer mit dem Heiligen Vater. 

Sind die Deutschen an Benedikt gescheitert? Oder Benedikt an den Deutschen?

Von Scheitern möchte ich nicht sprechen. Aber man muss beim Theologen-Papst Benedikt schon eine Lust am Denken mitbringen. Diese Lust haben viele leider nicht. Wir haben in Deutschland zudem an vielen Stellen eine Zeitgeist-Kirche, die auf den Säulen Umweltschutz, Sozialpartnerschaft und Gleichberechtigung ruht. Alles ehrenwerte Ziele. Aber der Papst ist nicht der Chef eines Sozialunternehmens oder ein Vermögensverwalter, sondern ein geistlicher Hirte. Er gilt als Stellvertreter Christi auf Erden. Aufgabe der Kirche ist es, so hat es Benedikt XVI. etwa 2011 in der Ostermesse betont, den Menschen in Berührung mit Gott und so mit dem Ursprung aller Dinge zu bringen. Diese Botschaft ist bei uns leider hie und da versandet. Gleiches gilt von Benedikts ernster Mahnung, dass es "ohne Heilung des Menschen von innen her kein Heil für die Menschheit geben kann".

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In Deutschland wird mit dem Pontifikat Benedikts XVI. auch der Missbrauchsskandal verbunden blieben. Hat der Papst hart genug durchgegriffen?

Benedikt XVI. hat schon als Präfekt der Glaubenskonkgregation – und sogar in Auseinandersetzung mit Johannes Paul II. - auf eine rückhaltlose Aufklärung der Missbrauchsfälle gedrängt. Schon damals wurden die kirchenrechtlichen Bestimmungen verschärft. Als Papst hat er die Missbrauchsfälle früh zur Chefsache gemacht. So lässt sein Brief an die Kirche Irlands, die ebenfalls von einem Missbrauchsskandal erschüttert wurde, nicht den Hauch eines Zweifels, dass er sowohl die weltliche als auch die kirchliche Justiz in der Pflicht sieht, solche Fälle aufzuklären.

Was schrieb er darin?

Benedikt hat klargestellt: Es darf nie wieder das Ansehen der Kirche höher eingeschätzt werden als die Aufklärung der Straftaten. Den kriminellen Priestern stellte er die Rechtfertigung „vor dem allmächtigen Gott und vor den zuständigen Gerichten“ in Aussicht. „Schande und Unehre“ hätten sie auf ihre Mitbrüder gebracht und die „Achtung der Menschen Irlands verspielt“. 

Reicht diese Botschaft auch bis in die hintersten Winkel der Kirche hinein?

Leider gab es bis zuletzt auch Strukturen der Sünde in der Kirche, in die Benedikts energischer Aufruf und das Drohen mit dem weltlichen und kirchlichen Recht nicht durchgedrungen sind. Insofern kann ich nicht ausschließen, dass auch heute noch irgendwo in der Weltkirche Missbrauch vertuscht und weggeschaut wird. Von Beginn seines Pontifikats an hat Benedikt aber klar gestellt: Wer meint, der Kirche durch Täterschutz zu dienen, der hat das Oberhaupt der Kirche, den Papst, gegen sich.

Ist es nach dem Pontifikat Benedikts XVI. in der katholischen Kirche schwieriger geworden, Missbrauchsfälle zu vertuschen?

Defintiv!

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Trauen Sie sich eine Prognose zu, wer Benedikts Nachfolger auf dem Stuhl Petri wird?

(Lacht) Ich habe ja bereits nach dem Tod von Johannes Paul II. schrecklich versagt, als ich mutmaßte, dass sein Nachfolger wohl aus Indien kommen würde. Und dann wurde es Joseph Ratzinger aus Marktl am Inn. Dieses Mal halte ich mich mit Prognosen zurück.

Werden Sie Benedikt XVI. ein Exemplar Ihres Buches schicken?

Das habe ich natürlich vor. Ich bin ihm während seiner Zeit als Papst einige Male begegnet, also kennt er mich vielleicht noch. Ich hoffe jedenfalls, dass er in seinem neuen, ruhigeren Leben im Kloster die Zeit und die Muße findet, einmal hineinzuschauen.

Fragen: Franz Rohleder

Übrigens: Am Sonntag, 17. März, wird Alexander Kissler sein Buch ab 14.30 Uhr bei einer Domspatz-Matinée im Hansa-Haus (Brienner Straße 39) in München vorstellen. 

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