Verfassungsschutzbericht

Islam-Experte kritisiert "Dramatisierung"

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Der Screenshot aus einem Video deutscher Islamisten, das 2009 im Internet aufgetaucht ist, zeigt Dschihadisten aus Deutschland bei der Ausbildung in Terrorlagern im pakistanischen Grenzgebiet.

Berlin - Die deutschen Sicherheitsbehörden stellen nach Ansicht eines Experten die Bedrohung durch Islamisten zu drastisch dar.

„Ich sehe die Gefahr, aber die Lage ist aus meiner Sicht dramatisiert“, sagte der Kulturwissenschaftler und Islam-Experte Werner Schiffauer der Nachrichtenagentur dpa. „Auch wenn man vereitelte Anschläge mit einbezieht, kann keine Rede davon sein, dass davon die größte Gefahr ausgeht.“

Der aktuelle Verfassungsschutzbericht der Bundesregierung nennt den internationalen Terrorismus als eine der größten Bedrohungen für die innere Sicherheit in Deutschland.

Das Phänomen des Salafismus werde zu undifferenziert betrachtet, sagte Schiffauer. „Der Verfassungsschutz kennt nur die Unterscheidung zwischen gewaltbereiten und politischen Salafisten“, sagte der Wissenschaftler der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder. „Völlig vernachlässigt wird ein großer Teil, der zwar religiös sehr streng lebt, aber sich von jeglicher Politik fernhält und Gewalt ablehnt.“

Auch im Bezug auf die sogenannten Syrien-Rückkehrer müsse klarer unterschieden werden. Zwar gebe es radikale Islamisten aus Deutschland, die im syrischen Bürgerkrieg im Namen der Terrororganisation Isis ihre Gewaltfantasien auslebten. „Viele, die dort hinreisen, sind aber nicht an Gewalt beteiligt, sondern versorgen vom Libanon oder der Türkei aus die notleidende Bevölkerung.“

Schiffauer stellt die Zahlen im Verfassungsschutzbericht infrage. Darin wird das „islamistische Personenpotenzial“ in Deutschland aktuell mit gut 43 000 angegeben. „31 000 entfallen dabei auf die islamische Gemeinschaft Milli Görüs, der auch vom Verfassungsschutz bescheinigt wird, nie gewalttätig gewesen zu sein“, sagte Schiffauer.

Vier von zehn Bürgern befürchten Terroranschläge in Deutschland

Angesichts der Konflikte in Syrien und im Irak sind rund vierzig Prozent der Bundesbürger besorgt, dass es auch in Deutschland zu terroristischen Anschlägen kommen könnte. Eine Umfrage von infratest dimap im Auftrag des ARD-„Morgenmagazins“ ergab, dass sich mehr als vier von zehn Deutschen sehr große (9 Prozent) beziehungsweise große Sorgen (34 Prozent) machen, dass es auch hierzulande Terroranschläge geben könnte. Die Mehrheit von 56 Prozent geht jedoch nicht von einer erhöhten Anschlagsgefahr aus und macht sich daher wenige (43 Prozent) oder gar keine Sorgen (13 Prozent).

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) hatte bei der Vorstellung des Verfassungsschutzberichts 2013 am Mittwoch vor einer konkreten Gefahr für Deutschland gewarnt. „Aus einer abstrakten Gefahr ist eine konkrete tödliche Gefahr geworden in Europa, mit Deutschland-Bezug“, sagte der CDU-Politiker. Deutschland liege nach wie vor im Zielspektrum des islamistischen Terrorismus.

Große Sorgen bereiten danach die sogenannten Rückkehrer. Von mehr als 320 Dschihadisten, die nach Erkenntnissen des Verfassungsschutzes seit Beginn des Bürgerkriegs 2011 aus Deutschland nach Syrien gereist sind, sollen etwa hundert wieder zurück sein.

dpa

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