„Grass ist unser geringstes Problem“

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Ofer Aderet ist Journalist bei der israelischen Zeitung Haaretz.

Tel Aviv - Ofer Aderet ist Journalist bei der israelischen Zeitung Haaretz. Er erlebt die Affäre "Günter Grass" hautnah mit. Aderet erklärt, wie die Menschen in Israel über die Diskussion denken und warum sie zu einem schlechten Zeitpunkt losgetreten wurde.

Wie denken die Menschen in Israel über die Affäre Grass?

Ofer Aderet: Einige Israelis haben vielleicht mal seinen Namen gehört, aber wer Günter Grass ist, wissen die wenigsten. Folglich scheren sie sich auch nicht besonders um die Diskussion. Die meisten Israelis sprechen nicht Deutsch. Keiner hat das ganze Gedicht gelesen. Grass ist unser kleinstes Problem. Ich persönlich finde: Günter Grass schreibt Unsinn, es ist lächerlich.

In der israelischen Politik schlägt das Gedicht hohe Wellen.

Aderet: Ja, die Liberalen diskutieren Grass’ Beitrag kritisch, aber die Ultraorthodoxen benutzen das Gedicht geradezu dankbar als Steilvorlage für ihre Zwecke. Sie prangern es als weiteres Beispiel der Scheinheiligkeit Europas und des Westens an, die uns ständig vorschreiben wollen, was wir tun sollen, aber keine Ahnung haben, wovon sie reden. Innenminister Jischai von der strengreligiösen Schas-Partei Partei hat Grass sogar als Persona non grata eingestuft!

Ist das gerechtfertigt?

Aderet: Ein Sprecher des Innenministeriums hat erklärt, diese Entscheidung gehe darauf zurück, dass Grass einmal eine SS-Uniform getragen hat. Da muss man allerdings fragen, warum er erst jetzt auf die schwarze Liste gesetzt wird. Grass hat sich doch schon 2006 geoutet. Zum jetzigen Zeitpunkt ist die Entscheidung des Innenministers blanker Populismus.

Fühlt sich das israelische Volk wirklich bedroht vom iranischen Atomprogramm?

Aderet: Auf jeden Fall. Wir kennen die Raketenangriffe von den Grenzen zum Gazastreifen, zum Libanon und aus dem Irak. Wir wissen, wie es sich anfühlt, wenn man sich in Bunker flüchten muss. Wir wissen, wie es ist, wenn man um sein Leben fürchtet. Es ist nicht etwas, das man sich in der Fantasie vorstellen muss. Ja, wir haben Angst vor Angriffen aus dem Iran – das müssen ja nicht unbedingt Atomwaffen sein. Israel will jeden Angriff vom Iran verhindern. Wir hören seit fünf Jahren – oder sind es schon zehn? – so viel über den Iran und die Bedrohung Israels, wir wollen wirklich nicht von Leuten außerhalb des Landes hören, was besser für uns ist und wie wir uns verhalten sollen.

Hat die Grass-Affäre Auswirkungen auf die deutsch-israelischen Beziehungen?

Aderet: Keine negativen, denke ich. Grass’ Worte werden ja auch in Deutschland zu 99 Prozent kritisch aufgenommen, zum Beispiel auch von Außenminister Guido Westerwelle. Nur die NPD und die Linke sagen ein paar unterstützende Worte.

Wie lange wird die Diskussion noch andauern?

Aderet: Grass hat sie zu einem Zeitpunkt losgetreten, in der es viel Platz in den Zeitungen gibt, viel Zeit im Fernsehen. So kann die Geschichte wieder und wieder rauf- und runterdiskutiert werden. Während des Pessachfests läuft nichts in der Knesset, nichts in den Gerichten. Also stürzen sich die Medien auf diese Geschichte. Unsere Feiertage dauern noch bis Ende der Woche. Bis dahin könnte es Schlagzeilen geben.

INTERVIEW: Barbara Wimmer

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