30 Jahre "Die Grünen": Als die Republik grün wurde

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Hessens Ministerpräsident Holger Börner (links, SPD) vereidigt am 12. Dezember 1985 den grünen Umweltminister Joschka Fischer, der in Turnschuhen erschien, im hessischen Landtag in Wiesbaden. Am 13. Januar 2010 wird die Partei 30 Jahre alt.

Berlin - Vor 30 Jahren wurden die Grünen gegründet. Otto Schily, Joschka Fischer, Petra Kelly und andere haben die Partei groß gemacht. Wir zeigen, was aus den Gründungsmitgliedern geworden ist.

Es ist ein Geburtstag mit gemischten Gefühlen: 30 Jahre nach ihrer Gründung schwanken die Grünen zwischen Genugtuung über das Erreichte und grüblerischen Gedanken über die Zukunft: Die einstigen Alternativen haben zwar mit 10,7 Prozent gerade das beste Bundestagswahlergebnis ihrer Geschichte eingefahren, doch in der Führung sieht man nicht ohne Sorge, wie das einstige Alleinstellungsmerkmal „grün“ von der politischen Konkurrenz geklont wird. Die Grünen stehen vor einem paradoxen Problem: Macht zu viel Erfolg überflüssig?

Das wurde aus den Grünen-Gründungsmitgliedern

Die Grünen: Das wurde aus den Gründungsmitgliedern

„Aufgepasst!“, mahnt Parteichefin Renate Künast deshalb ihre Partei. Das Öko-Feld wird längst von allen Seiten beackert, die Grünen müssen um Profil und ihre politischen Patente fürchten.

Vor 30 Jahren bestand diese Gefahr wahrlich nicht. Was sich am 12./13. Januar 1980 in der viel zu kleinen Stadthalle in Karlsruhe tummelte, um eine Satzung für eine grüne Partei auf Bundesebene zu erarbeiten, hob sich schon rein äußerlich vom gewohnten, geschniegelten Erscheinungsbild der Etablierten ab: Lange Haare waren in, Männer trugen vorwiegend Bart, teilten sich das Strickzeug mit den Frauen, trugen selbstgehäkelte Pullover und Latzhosen als alternatives Standard-Outfit. Auf den Tischen grüner Parteitage leuchteten Sonnenblumen, darunter krabbelte der Nachwuchs um die Beine, daneben wurde mit Yoga-Übungen lustvoll entspannt – ein Anfangs-Image, das den Grünen auch dann noch anhaftete, als es längst zum überholten Klischee verkommen war.

Politisch präsentierte sich die Versammlung noch bunter: Alle Strömungen des Spektrums wie der gesellschaftlichen Schichten waren repräsentiert: Kommunisten, Wertkonservative, Ökopaxe, Friedensbewegte, Frauenrechtlerinnen, Schwule und Lesben, DDR-Dissidenten, Ex-CDU-ler, Wehrdienstverweigerer und vor allem: Anti-Atomkraft-Kämpfer. Sie einte die Erkenntnis, dass jeder für sich im politischen System der Bundesrepublik ohne Chance war, man gemeinsam aber sehr wohl die Fünf-Prozent-Hürde überwinden und das starre Drei-Parteien-System aufbrechen könnte, in dem Reformtempo wie -richtung bis dato vor allem vom Koalitionsentscheid des Mehrheitsbeschaffers FDP abhingen. Mit dem Slogan „basisdemokratisch, sozial, ökologisch und gewaltfrei“ zogen die Grünen schließlich in den Kampf um den Einzug in die Parlamente. Von der politischen Konkurrenz zunächst als „vorübergehendes Phänomen“ belächelt, startete die Partei eine bemerkenswerte Erfolgsgeschichte: Bereits 1983 zog sie in den Bundestag ein.

Aus heutiger Sicht kann man über die Bilder von damals lächeln: an den Gesichtern der arrivierten Abgeordneten konnte man den Kulturschock ablesen, den diese empfanden, als die Ringelpulli-Mandatare mit Blumen ins Parlament einzogen und gleich mit frechen Reden und Zwischenrufen Leben in die Bude brachten.

Dabei starteten sie – rückwirkend betrachtet – alles andere als erfolgreich in die parlamentarische Karriere: Ihr erbitterter Widerstand gegen den von SPD-Kanzler Schmidt initiierten und von CDU-Bundeskanzler Kohl 1983 schließlich umgesetzten Nato-Doppelbeschluss erwies sich historisch als falsch: Dieser Beschluss, so wissen wir heute, war der Anfang vom Ende des Wettrüstens zwischen Ost und West und ein wichtiger Wegstein für den Zusammenbruch des kommunistischen Sowjetreiches in Osteuropa. Doch das schadete den Grünen nicht. Spätestens seit der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl im April 1986 sahen sich die Grünen in ihrem Kampf gegen die Nutzung der Atomkraft bestätigt, jeder Chemie-Unfall entlang des Rheins spülte Wasser auf ihre Mühlen und verankerte den Umweltschutzgedanken in den Köpfen immer breiterer Schichten jenseits des grünen Wählerbiotops.

Selbst die geradezu masochistische Lust von Realos und Fundis an gegenseitiger Blockade und innerparteilicher Selbstzerfleischung oder die an politische Selbstverstümmelung grenzende Rotations-Ideologie der Anfangsjahre konnten den Erfolg der Grünen nicht aufhalten.

Nur 1990, als die westdeutschen Grünen die Quittung der Bürger für ihre ablehnende Haltung – vor allem des linken Flügels – gegenüber der Deutschen Einheit bekamen und bei der Bundestagswahl an der Fünf-Prozent-Hürde scheiterten, hörten manche – voreilig – bereits das Totenglöcklein für Fischer, Kelly & Co läuten.

Das Jahr 1998 brachte mit der rotgrünen Koalition und dem Eintritt in die Bundesregierung den endgültigen Durchbruch und die Chance, wesentliche Kapitel des grünen Programm-Katalogs – Atomausstieg, gleichgeschlechtliche Partnerschaften, Öko-Steuer, Anti-Diskriminierungs-Gesetz – in rechtliche Realität umzusetzen. Und, nicht zuletzt, man hat gezeigt, dass auch ungewöhnliche Biographien den Aufstieg in höchste Staatsämter nicht verhindern. Joschka Fischer: Vom steinewerfenden Straßenkämpfer zum Außenminister der Republik – alles scheint möglich.

Doch nun? Der „Gottvater“ der Grünen hat sich ins Private zurückgezogen, die linke Position im politischen Spektrum wird durch Gysi & Co besetzt, und die CDU stellt die „Klimakanzlerin“. Werden die Grünen ihren 40. Geburtstag noch erleben?

Von Alexander Weber

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