"Hände mit Blut besudelt"

Palästinenser vergießen für Scharon keine Träne

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Ariel Scharon starb am Samstag.

Tel Aviv - Der Tod von Ariel Scharon hat nahezu in der ganzen Welt Trauer und Mitgefühl ausgelöst - viele Palästinenser aber zeigten sich erfreut über die Nachricht vom Tod des früheren israelischen Regierungschefs.

 In Chan Junis, im Süden des Gazastreifens, brachen am Samstag gleich nach Bekanntwerden von Scharons Tod Jubelfeiern aus. Rund hundert Aktivisten der Extremistengruppe "Islamischer Dschihad" verbrannten Bilder des Verstorbenen und boten wie bei freudigen Anlässen üblich, Passanten und Autofahrern süßes Gebäck an.

Von offizieller Seite folgten geharnischte Erklärungen über die "kriminellen Taten" des Armeegenerals und Politikers. Für die radikalislamische Hamas, die in Gaza nach dem von Scharon angeordneten Abzug der israelischen Armee die Macht eroberte, ist der Tod des früheren Erzfeindes "eine Lehre für alle Tyrannen". Hamas-Sprecher Sami Abu Suhri fügte hinzu: "Die Hände dieses Verbrechers sind besudelt mit dem Blut von Palästinensern und ihrer Führer." In die Amtszeit Scharons fällt unter anderem der israelische Luftangriff in Gaza-Stadt, bei dem 2004 der Geistliche Hamas-Führer Scheich Ahmed Jassin in seinem Rollstuhl getötet wurde.

Ähnliche Stimmen wurden auch im von der Fatah von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas kontrollierten Westjordanland laut: "Scharon war ein Verbrecher, der für die Ermordung von (Palästinenserpräsident Jassir) Arafat verantwortlich ist. Und wir hatten gehofft, ihn dafür eines Tages vor den Internationalen Strafgerichtshof zu bringen", sagte Dschibril Radschub. Er leitete den palästinensischen Sicherheitsdienst, als Scharon 2002 mit der Operation "Bollwerk" massive Truppenverbände ins Westjordanland schickte, um dort auf dem Höhepunkt der zweiten Intifada gewaltbereite Gruppen zu zerschlagen.

Ariel Scharon - Stationen seines Lebens

Ariel Scharon - Stationen seines Lebens

Ariel Scharon kommt 1928 unter dem Geburtsnamen Ariel Scheinermann als Sohn osteuropäischer Juden in der Landgenossenschaft Moschaw Kfar Malal zur Welt. Bereits mit 14 Jahren tritt er in die Untergrundmiliz Hagana, den Vorläufer des israelischen Heeres, ein. © dpa
Scharon kämpft im Unabhängigkeitskrieg und macht danach in der Armee des neuen Staates Israel schnell Karriere: Im Sechstagekrieg und im Jom-Kippur-Krieg (Foto mit dem damaligen Verteidigungsminister Mosche Dajan, links) missachtet er zwar häufig die Anweisungen seiner Vorgesetzten, kann jedoch durch seine Alleingänge die Lage für Israel mehrmals zum Guten wenden. © dpa
Ariel Scharon heiratet zwei Mal: Als seine erste Frau Margalit, genannt "Gali", 1962 bei einem Autounfall stirbt, heiratet er später ihre jüngere Schwester Lily. © AFP
Lily und Ariel Scharon haben zwei gemeinsame Söhne, Omri und Gilad. Sie verstirbt im Jahr 2000. © AFP
Nachdem er die drohende Niederlage im Jom-Kippur-Krieg abgewendet hat, gilt der Kommandeur Scharon in Israel als Held. Er wechselt in die Politik und bekleidet wechselnde Ministerämter - das Bild zeigt ihn 1983 als Verteidigungsminister (rechts) beim Einmarsch in den Libanon. © dpa
Unter Ministerpräsident Benjamin Netanjahu treibt er um die Jahrtausendwende als Außenminister den Ausbau der israelischen Siedlungen voran. Als Netanjahu 1999 wegen einer Finanzaffäre als Parteichef des "Likud" zurücktritt, übernimmt Scharon seinen Posten. © dpa
Scharon verspricht den Israelis mehr Sicherheit vor palästinensischen Anschlägen und setzt gezielt auf politische Provokationen gegen Palästinenserführer Jassir Arafat. © dpa
Unter anderem besucht er mit Journalisten, Polizisten und Militärs den als heilig angesehenden Tempelberg in Jerusalem und signalisiert damit Hoheitsansprüche auf die Stadt. Der Besuch wird begleitet von gewaltsamen Unruhen, die in die Zweite Intifada münden. © dpa
Ein Jahr später gewinnt Scharon die Sonderwahl zum Premierminister. Er beginnt mit dem Bau der Israelischen Sperranlage um das Westjordanland und setzt den Rückzug Israels aus dem Gazastreifen durch. Sein Sohn Omri (links im Bild) rückt durch einen Spendenskandal in den Blickpunkt, mit dem er den Wahlkampf seines Vaters finanziert haben soll. © AFP
Im November 2005 kündigt Ariel Scharon seinen Rücktritt an. Er tritt aus dem Likud aus und gründet die Partei "Kadima". Wenige Wochen später erleidet er kurz hintereinander zwei Schlaganfälle mit Einblutungen ins Gehirn und wird für amtsunfähig erklärt. © dpa/dpaweb
Seine Ärzte versetzen Scharon ins künstliche Koma, ein späterer Aufweck-Versuch misslingt. 2010 setzen seine Söhne durch, dass der Komapatient für einige Tage auf seinen heimatlichen Bauernhof gebracht wird (Bild). Doch auch die zeitweise Verlegung bringt keine Besserung. © dpa
Der israelische Künstler Noam Braslavsky fertigt 2010 eine lebensechte Wachsfigur des Patienten Scharon an, um an dessen Zustand zu erinnern. Tatsächlich scheint es Hoffnung zu geben: Laut seinem persönlichen Arzt reagiert Scharon auf Kniffe mit abwehrenden Bewegungen und öffnet die Augen, wenn man ihn anspricht. Sein Zustand bleibt bis 2014 konstant, bis er sich dramatisch verschlechtert: Im Januar versagen mehrere lebenswichtige Organe, er ringt mit dem Tode. © dpa
Am Samstag, 11. Januar 2014, berichteten israelische Medien, dass Ariel Scharon im Alter von 85 Jahren gestorben ist. © dpa

Arafat war Scharons Erzfeind. Oft hat der Israeli öffentlich bedauert, dass es während der Libanon-Invasion 1982 nicht gelungen war, den dort residierenden historischen Palästinenserführer zu töten. Seit Arafat 2004 in der von israelischen Soldaten dauerbelagerten Mukata, seinem Amtssitz in Ramallah, schwer erkrankte und einige Wochen später in Paris verstarb, halten sich hartnäckig Gerüchte, Scharon habe ihn vergiften lassen. Stichhaltige Belege gibt es für diese von Israel energisch dementierte Beschuldigung nicht.

"Die Lebensgeschichte Scharons ist durch seine Verbrechen dunkel gefärbt und mit dem Blut der Palästinenser geschrieben", erklärt Dschamal Huweil, ein früheres Mitglied der Al-Aksa-Brigaden, einer bewaffneten Untergruppe der Fatah. "Der Fluch unseres Blutes wird ihn bis ins Grab verfolgen", sagt Huweil, der während der Operation "Bollwerk" bei einem blutigen Gefecht um das Flüchtlingslager Dschenin gefangengenommen wurde und heute Angeordneter im palästinensischen Parlament ist.

Auf die indirekte, aber persönliche Verantwortung Scharons für das Massaker an mehreren hundert Palästinensern in den Beiruter Flüchtlingslagern Sabra und Schatila im September 1982, wurde am Wochenende in den Palästinensergebieten ebenfalls immer wieder hingewiesen. Auch die global tätige Organisation "Human Rights Watch" bedauerte, dass sich Scharon dafür nicht vor der internationalen Gerichtsbarkeit hatte verantworten müssen. "Für die vielen Opfer der Rechtsverstöße verstärkt diese Tatsache ihre Tragödie", erklärte die HRW-Nahostdirektorin Leah Whitson.

afp

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