Parteienforscher: Darum sind die Piraten so erfolgreich

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Die zukünftigen Abgeordneten der Piratenpartei im saarländischen Landtag, Michael Hilberer (v.l.), Michael Neyses, Jasmin Maurer und Andreas Augustin, posieren am Montagvor dem Landtagsgebäude in Saarbrücken.

München - Nach ihrem Erfolg in Berlin haben die Piraten jetzt auch im Saarland aus dem Stand 7,4 Prozent geschafft. Über den Aufstieg der neuen Partei sprachen der Mainzer Politikwissenschaftler Jürgen Falter mit dem Münchner Merkur.

Was treibt so viele Wähler zu den Piraten?

Ich denke, vor allem die Unzufriedenheit mit den Austragungsformen der etablierten Politik. Da kommt eine neue Partei, die frisch und jung ist und ein völlig neues Politikangebot macht. Nicht inhaltlich – da haben die Piraten ja bisher wenig zu sagen –, sondern stilistisch.

Sind mehr Transparenz und mehr Demokratie durchs Internet ein neuer Weg?

Technischer Fortschritt bietet neue Möglichkeiten – wenn auch zunächst nur für im Internet Fortgeschrittene. „Totale Transparenz“ ist eine schöne Forderung, aber absolut nicht erstrebenswert – schließlich muss es noch vertrauliche Gespräche geben dürfen. Mehr Transparenz braucht es hingegen bei politischen Entscheidungen und Verträgen. Wenn der Bürger zahlen muss, sollte er wissen wofür.

Sind die Piraten die „neuen Grünen“? Oder ersetzen sie die wegschrumpfenden Liberalen?

Beides trifft zu. Die Piraten erinnern an die Grünen der frühen 80er Jahre. Auch die haben damals einen völlig neuen Politikstil versprochen, allerdings verbunden mit klaren inhaltlichen Zielen. Die Piraten hingegen werden inhaltlich derzeit nur als Internet-Partei wahrgenommen.

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Können sie denn auf dieser schmalen Schiene dauerhaft bestehen, oder werden die Piraten bald wieder verschwinden?

Sie versuchen schon, sich programmatisch zu erweitern. Ihr heutiger Charme resultiert ja auch aus der Strategie, nicht sofort für alles eine Lösung zu haben. Stattdessen heißt es: „Wir erarbeiten uns die Antworten.“ Rechtspolitisch erinnern die Piraten zum Teil an Altliberale des 19. Jahrhunderts. Zumindest mit der Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen weichen sie von den anderen Parteien ab – selbst wenn das ein sehr utopisches Element enthält.

Warum wählen junge Leute immer weniger die großen Parteien?

Große Parteien haben es bei Jungen immer schwer gehabt. Je mehr Normalität einzieht, umso verkrusteter erscheinen sie. Eine neue Partei, die verspricht, alles anders, also alles besser zu machen, ist da attraktiver.

Viele Stimmen für die Piraten kommen von Nichtwählern. Was hat die mobilisiert?

Viele sind nicht mehr zur Wahl gegangen, weil sie sich von keiner Partei mehr vertreten fühlen. Oder weil sie von ihrer bisher gewählten Partei enttäuscht sind. Möglicherweise auch, weil sie die normale Parteipolitik abstößt, also die gegenseitigen Beschimpfungen im Wahlkampf mit nachfolgenden Kompromissen, ohne die es in der Demokratie nun mal nicht geht. Diese Wahlverweigerer sehen im Angebot der Piraten eine Alternative.

Wie akzeptiert sind die Piraten in anderen Ländern?

In Schweden, wo sie ursprünglich herkommen, läuft es gut. Bei uns sind sie derzeit erfolgreicher als anderswo. Genau wie die Grünen bei uns erfolgreicher sind als anderswo. 

Gibt es dafür eine Erklärung?

Bei den Grünen kann man mit der deutschen Naturromantik und dem Streben nach intakter Umwelt argumentieren. Auch bei den Piraten ist es vielleicht das idealistische Element. Das hat auch etwas mit der deutschen Philosophie des 19. Jahrhunderts zu tun – mit Fichte, Hegel, Schelling. Oder denken wir an die Sturm-und-Drang- Dramen von Schiller.

Ist „Piraten“ ein guter Begriff für eine Partei?

Wenn Sie an den Film „Fluch der Karibik“ mit Johnny Depp denken – warum nicht. Der hat ja auch etwas Romantisches.

Interview: Monika Reuter

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