Pressespiegel Wulff: "Bürgermeister statt Bundespräsident"

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Berlin - Christian Wulff wollte anscheinend Einfluss auf die Presse ausüben und soll sogar dem "Bild"-Chefredakteur gedroht haben. Die Kommentare in der Presse sind vernichtend.

Die Münchner "tz" kommentiert:

Stefan Aust, der frühere Chefredakteur des "Spiegel", sagte in einem Interview mit WDR 2:

"Das macht einen ja wirklich fassungslos. Das klingt ja fast,  wie ein sagen wir mal, wie ein politisches Selbstmordkommando. Natürlich habe ich auch in meiner Zeit als "Spiegel"-Chefredakteur häufig Anrufe von Leuten gehabt, auch von Politikern, Wirtschaftsleuten, über die wir berichtet haben. Entweder, dass sie sich nachträglich beschwert haben oder dass sie vorher mal angerufen haben. Aber dass jemand Drohungen, für die er sich dann ja auch anschließend offenbar entschuldigt hat, auf Mailbox, also auf den Anrufbeantworter, auf Tonband reinspricht - das habe ich noch nie erlebt. So etwas Irres ist mir, ehrlich gesagt, noch nie vorgekommen."

„Frankfurter Allgemeine Zeitung“:

Auch für Bundespräsident Wulff stellt die Pressefreiheit ein so „hohes Gut“ dar, dass er in den vergangenen drei Wochen dreimal davon sprach. Das erste Mal tat er es in Qatar; zum zweiten Mal, als er kurz vor Weihnachten eine Erklärung in eigener Sache abgab; zuletzt gestern, nachdem Berichte über eine ausführliche Nachricht erschienen waren, die Wulff auf der Mailbox des „Bild“-Chefredakteurs Diekmann hinterlassen hat, kurz nachdem er am Golf über die Bedeutung der Pressefreiheit gesprochen hatte. Was über Wulffs Äußerungen in diesem Anruf kursiert, passt zu den öffentlichen Bekenntnissen freilich so wenig wie die Finanzierung eines Hauskaufs mittels eines rollierenden Geldmarktdarlehens zur schwäbischen Hausfrau. Es passte nur zu einem Staatsoberhaupt, das von allen guten Geistern verlassen worden ist.

„Süddeutsche Zeitung“:

Jeder Lokaljournalist weiß, dass Abgeordnete oder Bürgermeister gerne anrufen oder anrufen lassen, um unliebsame Berichterstattung zu verhindern. Doch die Mischung aus Naivität und Dreistigkeit, mit der Wulff agiert hat, bestürzt. Er ist nicht der Landrat von Osnabrück und auch nicht mehr Ministerpräsident von Niedersachsen, sondern das Oberhaupt des Staates. Dieses Amt aber ist für Wulff offenbar zu groß. Die Sicherungen, die bei einem Präsidenten im Falle einer - politischen wie privaten - Krise funktionieren sollten, funktionieren bei ihm nicht.

Die Wulffs im Oman - Bilder von einer Reise wie in 1001

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„Stuttgarter Zeitung“:

Mit jedem neuen Detail, das über die Amigo-Affäre des Bundespräsidenten ans Tageslicht kommt, wird es schwerer, Christian Wulff zu verstehen und was diesen Mann eigentlich umtreibt. Wulffs Verteidigungsstrategie erweckte von Anfang an den Verdacht, er bedauere und räume nur gerade das ein, was ohnehin nicht mehr zu leugnen ist. Sein Krisenmanagement ist stümperhaft, ja geradezu katastrophal. Es offenbart zudem ein höchst problematisches Amtsverständnis.

„Frankfurter Rundschau“:

Es war dumm von ihm, seine Drohungen, mit denen er im letzten Augenblick die Veröffentlichung über seine ominösen Darlehensverträge verhindern wollte, auf die Mailbox des Bild-Chefredakteurs zu sprechen. Das wäre ihm zu verzeihen. Aber die Drohungen selbst, sein Versuch, die Arbeit einer Zeitung durch Druck auf die Führung des Hauses zu unterbinden, ist unentschuldbar. Rechtlichkeit meint Redlichkeit. Von der aber versteht Wulff nichts.

„Kieler Nachrichten“:

Der Präsident soll Hüter der Verfassung sein, mithin auch für die Freiheit der Presse einstehen. Sollte der erste Mann im Staate tatsächlich auf diese dreiste Weise interveniert haben, wäre die Entgleisung unverzeihlich und ein Abtritt unausweichlich. Sein allgemeines Bekenntnis zur Bedeutung der vierten Gewalt hilft da nicht weiter. Wer mag Wulff das noch abnehmen? Ein Bundespräsident muss auch in schwieriger Lage Haltung bewahren. Dass er gegenüber dem Hause Springer derart die Contenance verlor, ist nur Beleg dafür, wie viel Sprengstoff Wulff selbst in der Affäre um seinen Hauskredit sieht.

Christian Wulff und seine Vorgänger

Das waren die deutschen Bundespräsidenten

„Hamburger Abendblatt“:

Es ist schlichtweg eine Ungeheuerlichkeit, wenn ein Staatsoberhaupt bei einem Chefredakteur eine missliebige Berichterstattung verhindern will. Dass er dabei noch Drohungen in den Raum stellt und gar strafrechtliche Konsequenzen für den verantwortlichen Redakteur in Aussicht stellt, ist ein Unding. Dies auch noch auf eine Mailbox zu sprechen ist eine bizarre Unbedarftheit. Man darf von einem Bundespräsidenten nicht nur etwas mehr diplomatisches Geschick und politisches Gespür verlangen, man muss es auch. Was bleibt, ist der fatale Eindruck, dass der Präsident, der gerade wegen seiner Glaubwürdigkeit in das Amt gewählt wurde, nicht mehr glaubwürdig ist. Längst ist die Grenze überschritten, wo Wulff nicht nur sich als Politiker schadet, sondern auch dem höchsten Amt der Bundesrepublik. 

„Westfälische Nachrichten“ (Münster):

Die Chance, in Demut Fehler einzuräumen, zu bereuen und damit letztendlich auch Schaden vom Amt des Staatsoberhauptes abzuwenden, hat Wulff verpasst. Er wird deshalb über seine Fehler stolpern -- und nicht über deren Aufdeckung und mediale Verbreitung.

 „Leipziger Volkszeitung“:

Von einem Bundespräsidenten wird auch in scheinbaren Privatangelegenheiten ein gewisses Maß an Souveränität, Seriosität und ein Mindestgrad an Selbstdisziplin erwartet. Vielleicht hat Christian Wulff auch mit noch Schlimmerem bei Bild gerechnet - und es wurde dann zunächst doch nur eine lästige Kreditaffäre publik? Es hat sich gezeigt, dass die Popularität des Amtes, der Glanz seiner Gattin, die Sehnsucht vieler Bundesbürger nach einem erklärenden ruhenden Pol, ein Präsidenten-Paar nicht immunisiert. Dabei kann es ganz einfach sein: Manches macht man nicht. Wir brauchen einen Bundespräsidenten, der weiß, was wichtig ist und der relativ instinktsicher agiert. So wie jetzt geht es nicht weiter.

„Die Presse“ aus Wien:

Die Rolle des deutschen Bundespräsidenten ist klar umrissen: Sie dürfen langweilig, müssen aber unter allen Umständen untadelig sein. Sonst taugen sie nicht zur moralischen Instanz, zum Hohepriester der Republik.

Christian Wulff ist zwar langweilig, aber trotzdem keine gute Wahl. Im Vergleich zu seinem Gegenkandidaten, dem ehemaligen DDR-Dissidenten Joachim Gauck, fehlte dem streberhaften CDU-Parteisoldaten von Anfang an das Format. Dieser Eindruck bestätigt sich nun. Wulff ist nicht ins Amt gewachsen, sondern darin weiter geschrumpft.

„Luxemburger Wort“:

„Wenn Christian Wulff tatsächlich versucht hat, auf die „Bild“-Zeitung Druck zu machen, dann müssen die Alarmglocken klingeln. Nicht weil die Pressefreiheit in Gefahr wäre, sondern weil der Bundespräsident und sein Amt wackeln. Denn Wulff hat in der Sache höchst ungeschickt agiert. Zuerst hat er die Kredite verschwiegen und nun versucht er die Berichterstattung abzuwürgen. Der Umgang des Ersten Bürger im Staat mit der „Affäre“ wird somit zu einem Lehrstück, wie man es nicht machen sollte. Es könnte ihm sogar sein Amt kosten. Dabei gibt es im nahen Ausland Affären von ganz anderer Tragweite.“

dpa

Rubriklistenbild: © dpa

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