Stundenlanges Händeschütteln

Seehofer begrüßt mehr als 1000 Gäste bei Neujahrsempfang

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Der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) und seine Frau Karin in der Residenz in München beim traditionellen Neujahrsempfang.

München - Es ist einer der gesellschaftlichen Höhepunkte des Jahres in München: Der Ministerpräsident lädt in die Residenz zum Neujahrsempfang. Er selbst mag solche Termine nicht. Heuer gilt das noch mehr: Gefeiert wird nur sehr zurückhaltend.

Auf den ersten Blick wirkt es wie immer: der rote Teppich, die Samttapeten, der Prunk in Zimmern und Gängen der Residenz. Doch die Hauptperson lächelt diesmal wenig, nickt nur huldvoll, getragen, zurückgenommen. Horst Seehofer macht aus dem Neujahrsempfang 2015 kein Spektakel, sondern einen Akt in Moll. „Kammerton“, pflegt er so etwas zu nennen. Der Empfang ist nicht abgesagt angesichts der Tragödie und des Terrors in Frankreich, aber er ist gedämpft.

Als Joachim Herrmann dem Gastgeber die Hand schüttelt, sprechen die beiden ungewöhnlich lange. In der Schlange des Defilees wird schon ein wenig unruhig. „Wir haben uns nochmal kurz über die Entwicklungen vom Nachmittag ausgetauscht“, sagt Herrmann hinterher. „Und was wir am Dienstag im Kabinett beschließen wollen.“ Schon vormittags saß man mit Bundesminister Thomas de Maizière beisammen. Aber eine solche Weltlage erfordert auch mal ein kleines Dienstgespräch unter den Kronleuchtern der Residenz.

Intensiv berieten die Beamten in der Staatskanzlei zuvor, ob der Termin nicht aus Respekt auf die Opfer abgesagt werden solle. Seehofer entschied sich dagegen. „Hier ist eine sehr ernsthafte Stimmung“, sagt sein Finanzminister Markus Söder. Aber man zeige „Gemeinsamkeit der Demokraten und der Religionen. Das ist gut so.“ Immer wieder hört man auf den Fluren das Wort „Paris“. Bis hin zu den Leibwächtern, die sich eher über die fachlichen Details der Anschläge beraten.

Entsprechend lautet das geänderte Protokoll des Abends: Keine großen Gruppenfotos wie sonst immer vom ganzen Kabinett, keine Strahle-Bilder („Smiley-Fotos“, sagen die Beamten), die Musik auf leise Stücke reduziert, lieber ein besonders dezenter Ablauf auch des Defilees.

Dazu passt, dass Seehofer die Gästeliste kräftig ausgemistet hat, schon lang vor den furchtbaren Nachrichten aus Paris. Früher sah man hier auch Schauspieler, Künstler und Adabeis. Inzwischen beschränkt sich die Gästeschar auf Menschen, über die sich ein Ministerpräsident regelmäßig ärgern muss – also Behördenleiter, Minister und Politjournalisten. Es spricht für sie, dass sich diese Menschen mehr als eine Stunde lang klaglos ins Defilee einreihen. Dann kommen sie irgendwann beim neuen Protokollchef Alfred Rührmair an, der Seehofer dann ein Namenskärtchen vorliest. Meist weiß der Ministerpräsident aber, wer da vor ihm steht – und begrüßt den Gast mit mehr oder weniger ausgeprägter Freundlichkeit.

Zwei Stunden lang geht das so, weshalb der Ministerpräsident ziemlich erleichtert wirkt, als er schließlich um kurz nach neun im Saal seine kurze Rede halten darf. „Dieses Attentat ist ein Angriff auf die freiheitliche Demokratie und trifft uns alle“, sagt Seehofer ernst und kündigt – ohne Zahlen zu nennen – zusätzliche Stellen für die Sicherheitsbehörden an. Dann gibt es eine Schweigeminute für die Opfer von Paris.

In den Sälen der Residenz kommt dieser Stil gut an, auch der Beschluss, nicht abzusagen. „Der Ton, der angeschlagen werden muss, ist der Kammerton“, pflichtet Oppositionsführer Markus Rinderspacher (SPD) bei. „Es nützt nichts, sich in sein Schneckenhaus zurückzuziehen“, sagt Beamtenbund-Chef Rolf Habermann: „Man darf grundsätzlich vor Gewalt nicht in die Knie gehen.“

Von Mike Schier und Christian Deutschländer

Händeschütteln beim Neujahrsempfang

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