Stresstest: S21-Gegner nehmen doch Präsentation teil

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Schlichter Heiner Geißler teilte am Sonntagabend mit, dass die Stuttgart-21-Gegner doch an der Stresstest-Präsentation teilnehmen

Stuttgart - Das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 nimmt nun doch an der Präsentation des Stresstests für den umstrittenen Tiefbahnhof teil. Aber nur, weil eine Bedingung der Gegener erfüllt wurde.

Das Gutachten zum “Stuttgart 21“-Stresstest wird nun doch im Beisein der Gegner des Bahnprojekts präsentiert. Die Sprecherin des Aktionsbündnisses, Brigitte Dahlbender, begründete die Entscheidung damit, dass viele Menschen um die Teilnahme der Gegner gebeten hätten. Sie sagte am Montag auf dapd-Anfrage zudem, dass der Termin der Präsentation auf den kommenden Freitag (29. Juli, 10.00 Uhr) verlegt worden sei. Eine Sprecherin von Schlichter Heiner Geißler, der die Vorstellung moderieren wird, bestätigte den Termin.

Stuttgart 21: Argumente Pro und Contra

Das Bahnprojekt Stuttgart 21 (Foto: Modellzeichnung) gilt als größtes Infrastrukturprojekt Europas. Seit Monaten laufen Bürger Sturm gegen das Projekt. Wir zeigen die Argumente der "S21"-Befürworter und die der Gegner. © dpa
DAS IST STUTTGART 21: Der Stuttgarter Hauptbahnhof soll vom Kopf- zum Durchgangsbahnhof umgebaut und "tiefergelegt" werden. Die Gleise werden unterirdisch verlegt. Der Flughafen Stuttgart bekommt eine ICE-Haltestelle. Außerdem wird ein neuer Bahnhof Flughafen/Messe gebaut. Dieser soll die Stuttgarter Innenstadt, den Flughafen und das Messegelände besser miteinander verbinden. Auch wird ein Tunnelnetz gebaut, um den gesamte Stuttgarter Raum an das Schienennetz anzubinden. © dpa
PRO: Stuttgart 21 bringt Baden-Württemberg näher zusammen: So wird die Fahrzeit von Stuttgart nach Ulm fast halbiert (von 54 auf 28 Minuten). Auch die Fahrtzeit zwischen Hauptbahnhof und Flughafen von derzeit 27 auf 8 Minuten verkürzt. © dpa
PRO: Ohne Stuttgart 21 wird Baden-Württemberg vom internationalen Bahnverkehr abgehängt. Das Projekt ermöglicht den Lückenschluss in der europäischen Magistrale Paris-Budapest. Außerdem werden Flughafen und Landesmesse an die Schnellbahnstrecke nach Ulm angebunden. © dpa
PRO: Stuttgart 21 bildet einen Anreiz für Autofahrer, auf dieser Strecke vom Auto auf den Zug umzusteigen. © dpa
PRO: Auch der Schienenregionalverkehr profitiert von Stuttgart 21. © dpa
PRO: Stuttgart schafft auf Dauer 10.000 neue Arbeitsplätze und zusätzlich 7000 während der Bauzeit. © dpa
PRO: Im neuen Durchgangsbahnhof können mit halb so vielen Gleisen deutlich mehr Züge in den Bahnhof ein- und ausfahren, weil sie sich nicht mehr gegenseitig blockieren. © dpa
PRO: Bei einem Aus für Stuttgart 21 gehen Millionenzuschüsse von Bund und Bahn für das Land Baden-Württemberg verloren. Die Gelder fließen dann in die Infrastruktur eines anderen Bundeslandes. © dpa
PRO: Auf den Flächen, die derzeit noch mit Gleisen bedeckt sind, werden Parkanlagen erweitert. Außerdem wird neuer Wohn- und Arbeitsraum im Stadtzentrum geschaffen. © dpa
PRO: Die Kosten für Stuttgart 21 werden nicht aus dem Ruder laufen. In der aktuellen Kalkulation von 4,088 Milliarden Euro sind bereits 323 Millionen Euro für weitere Baupreissteigerungen eingerechnet. Für alle Fälle steht zudem ein Risikofonds von 438 Millionen Euro bereit. © dpa
PRO: Der Bau des unterirdischen Bahnhofs bringt deutlich weniger Probleme für die Fahrgäste mit sich als die Modernisierung des Kopfbahnhofes während des laufenden Zugbetriebs. © dpa
PRO: Stuttgart 21 ist sorgfältig geplant. Damit sind Risiken beim Bau weitgehend ausgeschlossen. © dpa
PRO: Die historische Bausubstanz des Stuttgarter Bahnhofsgebäudes bleibt trotz des Abrisses der Seitenflügel erhalten. © dpa
CONTRA: Eine jahrelang bestehende Großbaustelle im Zentrum Stuttgarts führt zu Verkehrsbehinderungen und Belästigungen durch Abgase der Baustellenfahrzeuge. © dpa
CONTRA: Die Kosten für Stuttgart 21 laufen aus dem Ruder. Das Geld könnte besser in Bildung, sowie das Gesundheits- und Sozialwesen gesteckt werden. © dpa
CONTRA: Die Modernisierung des Kopfbahnhofes (K21) ist mehrere Milliarden Euro billiger - in erster Linie, weil weniger Tunnelkilometer gebaut werden müssen. © dpa
CONTRA: Die Bauarbeiten für Stuttgart 21 gefährden die Mineralwasserquellen der Stadt. © dpa
CONTRA: Im Stuttgarter Schlossgarten werden hunderte alte Bäume abgeholzt. Der Park wird durch die hohen Lichtaugen des unterirdischen Bahnhofs verschandelt. © dpa
CONTRA: Weil es bei Stuttgart 21 nur noch vier Bahnsteige gibt, wird es für die Reisenden eng. Vor allem, weil die Anzahl der haltenden Züge pro Bahnsteig ansteigt. © dpa
CONTRA: Ein integrierter Taktungsplan lässt sich nicht realisieren. Somit werden die Umsteigezeiten länger. © dpa
CONTRA: Die Zahl der Gleise sinkt von 17 auf 8. Auch einige Zubringergleise werden verschwinden. Deswegen werden sich Züge vor dem Bahnhof stauen. © dpa
CONTRA: Das Klima im Stuttgarter Kessel heizt sich künftig auf. Bislang kühlen sich die unbebauten Flächen des Gleisvorfeldes nachts stark ab. Dadurch halten sie die Temperaturen in Grenzen. © dpa
CONTRA: Dem Ausbau und der Verbesserung des Regionalverkehrs wird durch das Mammutprojekt Stuttgart 21 Geld entzogen. © dpa
CONTRA: Auch bei einer Modernisierung des Kopfbahnhofes kann der Bahnhof an die Schnellbahntrasse angeschlossen werden - und zwar über das Neckartal und einen Tunnel auf die Filder. © dpa
CONTRA: Teile des denkmalgeschützten Stuttgarter Bahnhofsgebäudes von Paul Bonatz werden abgerissen. © dpa
CONTRA: Auf dem Stuttgart-21-Gelände müssen alte Bäume gefällt werden. Darin leben aber seltene Tiere, zum Beispiel der vom Aussterben bedrohte Juchtenkäfer. © dpa

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Am vergangenen Donnerstag hatte das Aktionsbündnis seine Teilnahme an der öffentlichen Präsentation des Stresstest-Gutachtens noch abgesagt. Insbesondere war bemängelt worden, dass die Bahn die Gegner bei der Ausarbeitung der Grundlagen des Leistungstests nicht ausreichend eingebunden habe. Ausschlaggebend für den Sinneswandel waren laut Dahlbender nun zahlreiche Rückmeldungen und Bitten von Menschen, die eine Teilnahme an der öffentlichen Präsentation wünschten. An der Kritik am Leistungstest für den Bahnhof wolle das Aktionsbündnis festhalten, sagte Dahlbender. Die Gegner kritisierten unter anderem die Doppelbelegungen der Gleise und die geringen Haltezeiten, die in dem Fahrplan angenommen wurden, der dem Stresstest zugrunde liegt.

Palmer: Kopfbahnhof hat Premiumqualität

Bei der öffentlichen Vorstellung am Freitag wird nach Angaben Dahlbenders auch der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer für die “Stuttgart 21“-Gegner am Tisch sitzen. In einem Interview der “Süddeutschen Zeitung“ (Montagausgabe) warf er der Bahn “Zermürbungstaktik“ vor. Die Gegner seien bei der Erstellung des Stresstests herausgehalten worden, die Bahn habe die Prämissen zu ihren Gunsten manipuliert, warf er dem Konzern vor.

Palmer sprach sich für eine Wiederholung des Stresstests aus. Wenn die Schwächen des Fahrplans korrigiert würden, könnte man den Streit um den Stresstest befrieden, sagte er. “Man würde sehen: Der Tunnelbahnhof kann bei gleicher Qualität nicht mehr Züge abwickeln als der bestehende Bahnhof. Dann ist er aber keine fünf Milliarden Euro wert.“

Streit gibt es auch darüber, ob das Urteil der Gutachter mit “wirtschaftlich optimal“ der in der Schlichtung geforderten “guten Betriebsqualität“ entspricht. Palmer bezeichnete das Urteil als “mittelmäßige Betriebsqualität“. Seiner Auffassung nach fällt der bestehende Kopfbahnhof unter die Kategorie “Premiumqualität“, die die Grünen auch für “Stuttgart 21“ einfordern. “Warum sollen wir den gegen einen mittelmäßigen eintauschen?“, fragte Palmer.

dapd

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