In Osteuropa

Studie: Ein Viertel der jüdischen Holocaust-Opfer wurde innerhalb von drei Monaten getötet

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Einer der Täter-Gehilfen: John Demjanjuk im Münchner Prozess 2011.

Sie wurden mit Zügen deportiert, vergast oder von Mitgliedern der Einsatzgruppen erschossen: Allein in dem engen Zeitraum von August bis Oktober 1942 töteten die Nationalsozialisten in Osteuropa ein Viertel aller jüdischen Holocaust-Opfer, zeigt eine neue Studie.

Tel Aviv – In den Vernichtungslagern Belzec, Sobibor, Treblinka und Auschwitz sowie durch Massenerschießungen von Einsatzgruppen der SS seien in den drei Monaten etwa 1,47 Millionen Juden ermordet worden, schreibt der Forscher Lewi Stone von der Universität Tel Aviv im Fachblatt „Science Advances“. Etwa 25 Prozent „der im Zweiten Weltkrieg innerhalb von sechs Jahren getöteten Juden wurden in einem intensiven 100 Tage-Schub von den Nazis ermordet“. Dabei zeigten sich „Tötungsraten mit extremen Ausschlägen, die (...) ungefähr zehn Mal höher sind als üblicherweise angenommen“.

Innerhalb von 100 Tagen seien rund 1,1 Millionen Menschen allein in Belzec, Sobibor und Treblinka ermordet worden, schreibt Stone. Die Lager waren Teil der sogenannten „Aktion Reinhardt“ – eine Vernichtungsaktion, die nach dem getöteten SS-Schergen Reinhard (ohne t) Heydrich benannt war.

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302.000 Menschen seien durch Einsatzgruppen in der Ukraine und Südrussland erschossen worden. Etwa 91.400 Juden seien in dieser Zeit in Auschwitz getötet worden. In dem Zeitraum von 100 Tagen seien pro Monat letztlich rund 445.700 Menschen ermordet worden. Damit sei die Tötungsrate auch etwa viel höher als die, die üblicherweise für den Genozid in Ruanda 1994 angenommen wird, schreibt Stone. Dort gehe man von 243.300 Morden pro Monat aus. Für seine Untersuchung hatte der Professor für mathematische Biologie, der bisher vor allem über die Verbreitung von ansteckenden Krankheiten publiziert hat, nach eigenen Angaben vor allem Zahlen des Holocaust-Forschers Yitzhak Arad zu Deportationszügen ausgewertet. Danach seien mehr als 480 Züge der Deutschen Reichsbahn von 393 polnischen Städten und Ghettos zu den drei zentralen Todeslagern Belzec, Sobibor und Treblinka gefahren.

Die Lager der „Aktion Reinhardt“ hätten in den vergangenen Jahren wenig Beachtung gefunden, schreibt Stone. Dies liege vor allem daran, dass es im Gegensatz zum Konzentrationslager Auschwitz fast keine Überlebenden gegeben habe. „Detaillierte Aufzeichnungen der Tötungen existieren fast nicht aufgrund der strikten Geheimhaltung der Nazis rund um die Operation Reinhardt.“ Ganz stimmt das nicht: Vor zwei Jahren hat der deutsche Holocaust-Forscher Stephan Lehnstaedt unter dem Titel „Der Kern des Holocaust“ eine Studie zu den Todeslagern der „Aktion Reinhardt“ veröffentlicht. Er kam zu ähnlichen Zahlen wie jetzt Stone: Die Gesamtopferzahl der „Aktion Reinhardt“ von März 1942 bis November 1943 liege bei mindestens 1,8 Millionen Toten, schrieb Lehnstaedt. Zudem ist das Lager Sobibor 2011 durch den Münchner Prozess gegen den SS-Gehilfen John Demjanjuk einer breiten Öffentlichkeit bekannt geworden.

Die Studie von Stone dürfte in Fachkreisen breiter diskutiert werden, weil der Autor von einem „durchdachten Plan“ der NS-Behörden ausgeht, innerhalb einer kurzen Zeitspanne möglichst viele Menschen zu töten, um so Widerstandshandlungen erst gar nicht aufkommen zu lassen. Erste Reaktionen sind aber zurückhaltend. Efraim Zuroff, Leiter des Simon-Wiesenthal-Zentrums in Jerusalem, erklärte: „Es ist ein interessanter Fakt, aber es ist keine große Entdeckung, die unser bisheriges Verständnis oder unsere Wahrnehmung des ganzen Prozesses verändern würde.“ Der NS-Forscher Jens-Christian Wagner, Leiter der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten, bezweifelt, dass das „mathematische Berechnen von Mordraten“ und der Vergleich mit Ruanda „erkenntnisfördernd“ ist. Wichtiger sei die Frage, warum der Massenmord 1942 „eine derartige Dynamik entfaltete“.

STEFANIE JÄRKEL/DIRK WALTER

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