Erste Trans-Frau in einem deutschen Parlament

Vor wenigen Wochen war diese bayerische Abgeordnete noch ein Mann: So lief ihr erster Arbeitstag als Frau

Tessa (ehemals Markus) Ganserer im Landtag.
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Tessa (ehemals Markus) Ganserer im Landtag.

Aus Markus Ganserer wurde vor wenigen Wochen Tessa Ganserer. Als Frau hatte die Abgeordnete der Grünen jetzt ihren ersten Arbeitstag im Landtag.

München – Um 16.15 Uhr endet dieser Arbeitstag für Tessa Ganserer, 41. Erleichtert kommt sie die Treppe zum Steinernen Saal hinauf, enge schwarze Lederhose, hochhackige Schuhe, blonde Mähne. Sie betritt den imposanten Raum vor dem Plenarsaal im Hauptgeschoss des Maximilianeums. Hinter ihr liegen die erste Sitzung des Parlaments im neuen Jahr sowie zahlreiche Interviews. Das Medieninteresse an ihrer Person ist riesig.

So sah Markus Ganserer früher aus.

„Das war für mich ein sehr hektischer Tag, wenn auch politisch ein unspektakulärer“, sagt die Grünen-Politikerin. Einige Abgeordnete unterhalten sich, werfen verstohlene Blicke auf die Frau, die vor Kurzem noch ein Mann war. Das politische Parkett ist Ganserer vertraut, seit fünf Jahren sitzt sie für die Grünen im Parlament, Stimmkreis Nürnberg-Nord. Bis vor vier Wochen als Markus. Ihre neue Identität ist der Welt noch neu. Tessa Ganserer ist die erste Trans-Frau, die in einem deutschen Parlament sitzt.

„Transsexualität ist ein Tabuthema“

„Transsexualität ist ein Tabuthema“, sagt sie. Das ist auch im Landtag zu spüren. Niemand der anderen Abgeordneten traut sich, mit den sechs Transfrauen ins Gespräch zu kommen, die Tessa Ganserer zu dieser Premiere am Landtag begleitet haben. Große, breitschultrige Damen mit langen Haaren und sehr femininer Kleidung. Sie fallen auf in der sonst so zugeknöpften Anzug-und-Krawatten-Welt. „Wir sind zur moralischen Unterstützung und als Freundinnen von Tessa heute dabei“, sagt Simona Maier, ehemals Simon Maier.

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Dass es Unterstützung braucht, zeigt zwei Stunden zuvor auch die Äußerung der Landtagspräsidentin Ilse Aigner (CSU) zu Beginn der Plenarssitzung. „Tessa Ganserer hat mir in einem persönlichen Gespräch mitgeteilt, dass sie ab sofort als Frau in Erscheinung treten möchte. Ich darf Sie alle herzlich bitten, sich dieser Verantwortung bewusst zu sein.“ Persönliche Diffamierungen hätten in diesem hohen Haus keinen Platz, appelliert sie. Alle Fraktionen applaudieren, bis auf eine. In den Reihen der AfD bleiben die Mienen versteinert, die Hände im Schoß. Dabei gibt sich die Fraktionsvorsitzende Katrin Ebner-Steiner auf Nachfrage betont tolerant: „Das ist für uns gar kein Thema. Jeder soll nach seiner Facon glücklich werden.“

Viel Zuspruch

Tessa Ganserer hat in den vergangenen Wochen schon viel Zuspruch von Politikern aller Parteien bekommen. In den sozialen Medien gratulierten ihr Wildfremde zu ihrem Mut, sich zu outen. Aber sie musste auch hämische Bemerkungen lesen, darunter eine von einem AfD-Landtagsabgeordneten. „Das finde ich unanständig. Man kann unterschiedlicher Meinung sein, aber man sollte sich als Mensch respektieren.“

Mit Beleidigungen im Netz will sich Tessa Ganserer nicht lange aufhalten, die gemeinsam mit ihrer Ehefrau für eine Reform des Transsexuellengesetzes (TSG) kämpft. „Ich möchte schnell wieder in den politischen Alltag reinkommen“, sagt sie. Statt Sprecher für Verkehr ist sie queerpolitischen Sprecherin ihrer Partei geworden. „Das Thema ist mir sehr wichtig, ich will aber nicht darauf reduziert werden“, sagt sie.

Tessa (ehemals Markus) Ganserer im Landtag.

Vor 41 Jahren wurde sie als Markus in Zwiesel im Bayerischen Wald geboren. In eine Gegend, wo Anderssein schwierig ist. „Das hat es mir vielleicht auch nicht leicht gemacht“, sagt sie nachdenklich. Über den Naturschutz kommt Ganserer zu den Grünen. „Die Liebe zum Wald und zur Natur wurde mir von meinem Vater in die Wiege gelegt.“ Der Ausbildung zum Forstwirt folgt in Weihenstephan ein Studium der Wald- und Forstwirtschaft. Vordergründig ein sehr männlicher Lebenslauf. Doch schon vor zehn Jahren ist sich Ganserer sicher, eine Frau zu sein. Relativ spät, sagt sie. Die meisten Betroffenen finden schon in der Pubertät heraus, im falschen Körper zu stecken.

Zwei Söhne - acht Jahre dauerte das Coming-out

Markus Ganserer ist verheiratet mit der Grünen-Politikerin Ines Eichmüller, 39. Das Paar hat zwei Söhne, elf und sechs Jahre alt. Zwei Jahre lebte er mit der inneren Zerissenheit, bevor er sich seiner Frau anvertraute. Acht Jahre dauerte es noch bis zu seinem Coming-out im vergangenen November.

Heute ist Tessa Ganserer eine Frau. Vater oder Mutter? Zu ihrer familiären Situation möchte sie keine Fragen beantworten. Sie bezeichnet sich als transidente Person, was verdeutlichen soll, dass es sich nicht um eine sexuelle Vorliebe, sondern um eine Geschlechtsidentität handelt. Sie sagt nur: „Für die Familie ist es gar keine so große Umstellung.“ Sie sei schließlich der gleiche Mensch, egal ob Mann oder Frau.

Ganserer hat Verständnis für neugierige Fragen. „Es wird ja selten über Transgender-Themen gesprochen.“ Als Politikerin steht sie in der Öffentlichkeit und möchte sich für Toleranz und Akzeptanz und gegen Homophobie und Transphobie einsetzen. „Aber es ist anstrengend, wenn man täglich einen Seelenstriptease hinlegen muss.“

Weg vom Mann zur Frau ist kompliziert

Für sie ist es ein Spagat, politisch und privat. Sie kämpft mit den formaljuristischen Hürden, die man überwinden muss, bis im Personalausweis ein neuer Name steht und der Personenstand geändert ist. Zwei psychologische Gutachten muss sie über sich ergehen lassen. „Das ist ein Einschnitt in die Privat- und Intimsphäre.“

Der Weg vom Mann zur Frau ist kompliziert. Dem Coming-out folgt ein einjähriger „Alltagstest“. In der Probezeit ist der falsche Körper noch deutlich sichtbar, auch wenn die Hormontherapie beginnt. Die Krankenkassen sind zurückhaltend mit der Kostenübernahme von medizinischen Eingriffen. Nicht einmal eine Bart-Epilation werde ohne Weiteres gezahlt, sagt Ganserer: „Aber es ist schwierig, mit Bartschatten als Frau akzeptiert zu werden.“ Sie weiß, dass viele noch den Markus in ihr sehen. „Es ist ja nicht nur die Kleidung, sondern zum Beispiel auch die Stimme.“

Im Februar beginnt sie mit einem Stimmtraining. Nicht künstlich hoch, aber mehr Melodie in der Aussprache, ein femininerer Ausdruck. „Das braucht alles Zeit“, sagt sie. Zeit, die sie sich neben der parlamentarischen Arbeit und der Familie nehmen möchte. Für ein Leben, das sich endlich richtig anfühlt.

Aglaja Adam

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