Isis-Vormarsch:

Kerry dringt in Bagdad auf Einheitsregierung

John Kerry
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US-Außenminister John Kerry

Bagdad  - Die Isis-Milizen erobern im Irak weitere Orte. US-Außenminister Kerry reist deshalb überraschend nach Bagdad und redet Regierungschef Al-Maliki ins Gewissen. Kerry will eine irakische Einheitsregierung.

Bei einem überraschenden Besuch in Bagdad hat US-Außenminister John Kerry die politische Führung des Landes zur Bildung einer Einheitsregierung gedrängt. Damit reagierte Kerry auf den Vormarsch der extremistischen Isis-Milizen, die auch am Montag weitere Orte im Irak erobern konnten. Der US-Außenminister traf in der irakischen Hauptstadt mit Regierungschef Nuri al-Maliki und anderen führenden Politikern zusammen. Kerry wollte nach Angaben des US-Außenministeriums seine Gesprächspartner dazu bringen, eine Regierung zu bilden, die die Interessen aller Iraker vertrete.

Die Kämpfer der sunnitischen Terror-Gruppe Islamischer Staat im Irak und in Syrien (Isis) hissten am Montag ihre schwarze Flagge in dem Ort Al-Alam südöstlich der Stadt Tikrit. Zusammen mit einheimischen Verbündeten hätten sie Polizei und Militär aus dem Gebiet vertrieben, hieß es aus irakischen Sicherheitskreisen. Der Nachrichtensender Al-Arabija berichtete, Isis-Einheiten hätten nach langen Kämpfen auch den Ort Tal Afar im Nordwesten unter Kontrolle gebracht.

Al-Maliki steht seit langem in der Kritik, weil seine von Schiiten dominierte Regierung die Sunniten im Irak diskriminiert. Nach dem Vormarsch der sunnitischen Islamistenmiliz Isis im Norden und Westen des Landes steigt im In- und Ausland der Druck auf den schiitischen Ministerpräsidenten, sein Amt aufzugeben.

Der Regierungschef lehnt einen Rücktritt jedoch ab. Laut dem Nachrichtenportal „Al-Sumaria“ sagte er am Montag beim Treffen mit Kerry, die stärkste politische Kraft im Land müsse die nächste Regierung bilden. Al-Maliki war aus den Parlamentswahlen im Mai mit seiner Rechtsstaats-Allianz als Sieger hervorgegangen. Der Regierungschef ist seit 2006 im Amt. Irakische Medien zitierten Kerry mit den Worten, die USA würden den Irak im Kampf gegen den Terrorismus unterstützen.

Bereits am Wochenende hatten die Isis-Milizen weitere Orte im Norden und Westen des Iraks eingenommen und ihre Machtposition ausgebaut. Sie wollen Medienberichten zufolge auch den zweitgrößten Staudamm im Land mit einem strategisch wichtigen Wasserkraftwerk erobern. Damit hätten sie die Kontrolle über wichtige Quellen für die Wasser- und Stromversorgung. Isis hat im Norden des Iraks bereits die Millionenstadt Mossul eingenommen, in deren Nähe ebenfalls eine große Talsperre liegt.

Laut Medienberichten brachte Isis zudem mehrere Ortschaften an der Grenze zu Syrien und Jordanien unter ihre Kontrolle. Jordanien verstärkte am Montag weiter die Streitkräfte an der rund 180 Kilometer langen Grenze mit dem Nachbarland.

Kerry hatte vor seiner Ankunft in Bagdad Ägypten und Jordanien besucht. In Kairo verwies er auf die Unzufriedenheit der Sunniten, Kurden und auch einiger Schiiten mit der Regierung Al-Malikis. Zur Lösung der Krise müssten konfessionelle Interessen in den Hintergrund rücken, mahnte Kerry.

Die USA hatten angekündigt, das irakische Militär im Kampf gegen die Terrormiliz zu unterstützen. Washington setzt dabei unter anderem auf einen möglichst kurzen Einsatz von rund 300 Soldaten, die als Militärberater in den Irak geschickt werden sollen.

Bei einem Angriff Bewaffneter auf einen Gefangenentransport in der Nähe der irakischen Stadt Hilla wurden laut einheimischen Medien mehr als 50 Insassen getötet. „Sumaria News“ berichtete unter Berufung auf die irakische Polizei sogar von 70 Toten und mehreren Dutzend Verletzten. Bei den Gefangenen soll es sich überwiegend um Kämpfer von Isis und des Terrornetzwerkes Al-Kaida gehandelt haben. Hilla liegt rund 125 Kilometer südlich von Bagdad.

dpa

Das ist die Terrorgruppe ISIS

Terrorgruppe in Syrien: Das will der Islamische Staat

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Die Kontrolle über die irakischen Großstädte Mossul und Tikrit sowie über Teile der nordirakischen Provinzen bringt die Dschihadisten der Terrororganisation ISIS ihrem Ziel der Gründung eines grenzübergreifenden islamischen Staates in der Region näher. © AFP
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Der Name ISIS ist eine Abkürzung und steht für "Islamischer Staat im Irak und Syrien". © AFP
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Die ISIS ist ein Kind des Irakkriegs (2003-2011) und wurde im syrischen Bürgerkrieg groß. Dass die ISIS nun wieder in den Irak zurückkehrt, ist auch ein Ergebnis gescheiterter Bemühungen um mehr Demokratie. © AFP
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Etwas mehr als zehn Jahre nach dem Sturz von Saddam Hussein und den darauf folgenden Jahren des Aufstands und Terrors droht dem Irak ein Bürgerkrieg wie im benachbarten Syrien. © AFP
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ISIS traue sich inzwischen "ambitionierte Operationen" wie die Verteidigung eingenommener Gebiete zu, sagt Michael Knights vom Institute for Near East Policy in Washington. © AFP
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Die ISIS wolle einen "islamischen Staat", der Mossul, die Provinzen Salaheddin, Dijala und Anbar sowie Deir Essor und Rakka in Syrien einschließe, erläutert Asis Dschabr, Politikwissenschaftler von der Mustansirijah Universität in Bagdad. In Syrien erprobten die Dschihadisten ihre Kampfkraft. © AFP
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Die ISIS entstand aus dem seit 2010 von Abu Bakr al-Bagdadi (Foto) geführten Islamischen Staat im Irak (ISI). Mitte 2012 entsandte al-Bagdadi Mitglieder in das Nachbarland Syrien, um dort die islamistische Al-Nusra-Front aufzubauen. Das gemeinsame Ziel war der Sturz von Machthaber Assad. © AFP
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Politisch gab es Verwerfungen. Im April 2013 gab al-Bagdadi die Fusion von ISI und Al-Nusra-Front zur ISIS bekannt. © AFP
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Doch die Al-Nusra-Front lehnte den Zusammenschluss ab. Beide Gruppen treten in Syrien weiter eigenständig auf. © AFP
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Inzwischen rechnen Experten damit, dass die ISIL gefährlicher werden könne als das Terrornetzwerk Al-Kaida. © AFP
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Die Emanzipierung wurde deutlich, als al-Bagdadi 2013 die Aufforderung von Al-Kaida-Chef Aiman al-Zawahiri ignorierte, dass sich ISIS auf den Irak konzentrieren und Al-Nusra Syrien überlassen solle. © AFP
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Zur Verwirklichung ihres grenzüberschreitenden islamischen Emirats rekrutiert ISIS Kämpfer auch im Ausland. © AFP
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ISIS zufolge kämpfen in ihren Reihen auch Deutsche, Briten, Franzosen und Dschihadisten aus anderen europäischen Ländern. © AFP
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Charles Lister, Gaststipendiat am Brookings Doha Center in Katar, schätzt die Zahl der ISIS-Kämpfer auf 6000 bis 7000 in Syrien und 5000 bis 6000 im Irak. © AFP
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Von allen ausländischen Kämpfern in Syrien seien etwa 80 Prozent im Dienste der ISIS, sagte Peter Neumann vom King's College in London. © AFP
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Europäische und US-Sicherheitsexperten verfolgen die Vorgänge im Irak und in Syrien daher auch mit Sorge, weil sie einen Export des ISIL-Extremismus nach Europa oder die USA befürchten. © AFP
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Die Arroganz, mit der die irakischen Truppen geführt werden, ebnete den Weg für die ISIS-Kämpfer. © AFP
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800 000 irakische Soldaten versagenbeim ISIS-Vormarsch  vor vielleicht 10 000 Extremisten: Die sunnitischen Soldaten wollten laut Sicherheitsexperten ihren Kopf nicht für Ministerpräsident Nuri Al-Maliki hinhalten, die schiitischen Soldaten wurden in Bagdad zusammengezogen. © AFP
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Auch Teile der sunnitischen Bevölkerung schauten dem Isis-Durchmarsch schweigend zu. © AFP
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Die USA haben nach Einschätzung von Experten zwei Fehler gemacht: Sie marschierten wegen vermeintlicher Beweise für die Produktion von Massenvernichtungswaffen in den Irak ein - und zogen dann zu früh wieder ab. © AFP
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So klar das Ziel war, Saddam Hussein zu stürzen - übrig blieb eine ethnisch und religiös zersplitterte Bevölkerung. © AFP
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Auf die „Operation Iraqi Freedom“ folgte blutige Gewalt zwischen Sunniten und Schiiten. Den erbte die hoffnungslos überforderte irakische Armee nach dem Abzug der US-Truppen 2011. © AFP
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UN-Menschenrechtskommissarin Navi Pillay hat sich besorgt über Berichte von willkürlichen Hinrichtungen im Zusammenhang mit dem Vorstoß der Dschihadisten im Irak gezeigt. © AFP
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Pillay sei "extrem beuhruhigt" über die "dramatische Verschlechterung der Situation" in dem Land, sagte sein Sprecher in Genf. Es gebe Berichte über willkürliche Hinrichtungen und "außergerichtliche Tötungen". © AFP

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