US-Außenminister

Im Vatikan: Kerry auf Syrien-Friedensmission

+
US-Außenminister John Kerry (links) trifft am Dienstag im Vatikan die Nummer Zwei nach Papst Franziskus, Staatssekretär Pietro Parolin.

Vatikanstadt - Neun Tage vor der internationalen Friedenskonferenz für Syrien ist US-Außenminister John Kerry am Dienstag in den Vatikan gekommen - und traf sich mit der Nummer Zwei nach Papst Franziskus.

Hauptgesprächspartner war der frisch zum Kardinal designierte Staatssekretär Pietro Parolin - er bekleidet das nach dem Papst zweitwichtigste Amt an der Kurie . Im Mittelpunkt standen insbesondere der Nahost-Friedensprozess, aber auch der Konflikt im Südsudan sowie humanitäre Belange, wie der Vatikan nach dem fast zweistündigen Gespräch betonte: Themen, bei denen der Vatikan international offenkundig wieder stärker als diplomatischer Akteur auftreten will.

Der Nahost-Konflikt gehört seit Jahrzehnten zu den Topthemen der vatikanischen Diplomatie. Mit Kerry dürfte Parolin das Thema auch mit Blick auf die bevorstehende Reise von Papst Franziskus Ende Mai ins Heilige Land erörtert haben. Vor allem aber dürfte es um die Gewalt in Syrien gegangen sein, die zunehmend in den Libanon ausstrahlt.

Syrienkonflikt: Die Standpunkte der großen Mächte

Syrienkonflikt: Die Standpunkte der großen Mächte

USA: Ein völlig außer Kontrolle geratenes Regime in Damaskus, das Giftgas einsetzt, wäre nicht nur eine besondere Bedrohung für den engen Verbündeten Israel. Es würde auch die Gefahr erhöhen, dass Chemiewaffen in die Hände des Terrornetzwerks Al-Kaida oder anderer militanter Kräfte gelangen. Das zu verhindern, liegt ganz klar im direkten Interesse der USA. Generell ist die Eindämmung von Massenvernichtungswaffen ein Hauptanliegen von Präsident Barack Obama. Einem syrischen Giftgasangriff tatenlos zuzusehen, würde seine Glaubwürdigkeit international aufs Spiel setzen. © dpa
RUSSLAND: Mit dem Regime in Damaskus unterhält Moskau seit Sowjetzeiten enge Kontakte. Die Geheimdienste arbeiten zusammen, zudem ist Syrien ein treuer Waffenkunde Russlands. Immer wieder betont der Kreml, dass das Riesenreich sich grundsätzlich nicht in die Belange anderer Staaten einmische. Die Syrer müssten den Konflikt allein lösen. Die UN-Vetomacht lehnt ein militärisches Engagement aber auch ab, um wirtschaftliche und geostrategische Vorteile in der Region nicht aufs Spiel zu setzen. So unterhält Russland im syrischen Hafen Tartus seine einzige Marinebasis im Mittelmeer. © dpa
CHINA: Peking beruft sich im Syrienkonflikt immer wieder auf das Prinzip der Nichteinmischung und hat sich lediglich allgemein gegen den Einsatz von Chemiewaffen ausgesprochen. Unter internationalem Druck teilte das Außenministerium am Freitag mit, dass es auf einen reibungslosen Einsatz der UN-Inspekteure hoffe. „Die derzeitige Situation unterstreicht die Bedeutung und Dringlichkeit einer politischen Lösung für das Syrien-Problem“, sagte ein Sprecher. © picture alliance / dpa
FRANKREICH: Die Regierung von Präsident François Hollande gilt seit langem als offensiver Unterstützer der syrischen Opposition. Schon früh setzte sich Paris für eine Anerkennung der Oppositionskoalition durch den Westen ein. Gemeinsam mit London stellte Paris auch das Waffenembargo der Europäischen Union infrage. Nach den jüngsten Giftgas-Vorwürfen hat Frankreich rasch eine „Reaktion der Stärke“ gegen das Regime in Damaskus gefordert. Dabei ließ die Regierung kaum Zweifel daran, dass dies eine militärische Aktion sein sollte. © dpa
GROSSBRITANNIEN: Wie kaum ein anderes Land macht Großbritannien Druck für ein militärisches Eingreifen in Syrien. Außenminister William Hague sagt offen, dafür sei ein einhelliges Votum des Weltsicherheitsrates nicht mehr notwendig. Londons offensive Haltung hat wohl auch innenpolitische Gründe. Premierminister David Cameron will ähnlich wie 2011 in Libyen zeigen, dass sein Land trotz klammer Kassen und erheblicher Kürzungen auch bei den Militärausgaben noch handlungsfähig ist. Das Eingreifen Tony Blairs im Irak aufgrund lückenhafter Informationen über Chemiewaffen bei Saddam Hussein klingt aber noch bitter nach. Auch der politische Erfolg des Libyen-Bombardements steht infrage. © picture alliance / dpa
DEUTSCHLAND: Berlin gehört bislang zu den strikten Gegnern eines internationalen Militäreinsatzes in Syrien - zu groß die Sorge vor einem Flächenbrand in der gesamten Region, zu schlecht die Erfahrungen nach dem Krieg in Libyen, zu klein das Vertrauen in die zerstrittene Opposition. Stattdessen hofft die Bundesregierung darauf, Russland doch noch davon überzeugen zu können, Assad fallen zu lassen. Mittlerweile keimt allerdings die Sorge, dass man - wie vor zweieinhalb Jahren beim Libyen-Einsatz - wieder einmal im Abseits stehen könnte. Das will Berlin auf jeden Fall verhindern. © dpa

Schon im September hatte der Papst angesichts der drohenden US-Militärintervention gegen das Assad-Regime einen weltweiten „Friedensgebetstag für Syrien“ angesetzt, der überraschend breite und positive Resonanz fand. Zwei Tage danach eröffnete Kerry in London mit seinem berühmten „Versprecher“ über die Chemiewaffen den Weg für eine diplomatische Lösung, die freilich bis heute nicht von Erfolg gekrönt ist.

Der Syrien-Konflikt war denn auch Hauptthema der weltweiten Weihnachtsbotschaft des Papstes. Und auch beim Neujahrsempfang für die Diplomaten am Montag forderte Franziskus einen gemeinsamen politischen Willen, um diesem Konflikt ein Ende zu setzen. Diese Rede, in der Franziskus die Gefährdungen des Friedens durch Waffengewalt, Umweltzerstörung und Menschenrechtsverletzungen anprangerte und Abtreibung geißelte, ließ neue Akzente erkennen. Mit Nachdruck rief der Papst die Staatengemeinschaft zur Konfliktlösung durch den „diplomatischen Weg des Dialogs“ auf.

Auffallend war, dass er dabei auf Benedikt XV. (1914-1922) verwies, der sich im Ersten Weltkrieg mit einer spektakulären, wenn auch erfolglosen Friedensinitiative an die Konfliktparteien gewandt hatte. Die Kirche sei zur Zusammenarbeit mit allen bereit, denen das Wohl des Einzelnen wie auch das Gemeinwohl am Herzen liege, versicherte nun Franziskus den Vertretern der Staaten.

Vatikan in Syrien-Frage sehr aktiv

Gerade mit Blick auf Syrien war der Vatikan in den vergangenen Monaten sehr aktiv und offensichtlich gefragt - karitativ wie diplomatisch. Soeben kam Kurienkardinal Leonardo Sandri aus dem Libanon zurück, wo er sich einen Überblick über die kirchliche Hilfe für Syrien-Flüchtlinge verschaffte. Im Dezember richtete Syriens Präsident Baschar al-Assad eine Botschaft an den Papst, übergeben von einer ranghohen syrischen Delegation im Rahmen eines ausführlichen Gesprächs mit Parolin. Und zuvor hatte der Papst bereits Anfang September den russischen Präsidenten Wladimir Putin ausdrücklich zu Friedensinitiativen in Syrien ermutigt. Russland war es dann auch, das im September Kerrys „Versprecher“ nutzten, um einen Ausweg für ihren Verbündeten Assad zu finden.

An diesem Montag beriet die Päpstliche Akademie der Wissenschaften über Wege zu einem Ende der Gewalt. An dem Treffen mahm auch Friedensnobelpreisträger Mohamed el-Baradei teil. Die Runde sollte beraten, was der Papst und seine Diplomaten zu einem Friedensprozess beitragen können.

Botschaft von Papst Franziskus an Konferenz?

Offen ist, ob der Vatikan bei der Konferenz in der Schweiz durch einen Beobachter vertreten sein wird. Möglicherweise spielte das Thema bei Kerrys Besuch eine Rolle. Vielleicht wird der Papst eine Botschaft an die Konferenz richten. Federführend könnte dabei Kurienkardinal Jean-Louis Tauran vom Rat für den interreligiösen Dialog sein, der am Montag ebenfalls an dem Workshop teilnahm.

Mit der Diplomaten-Rede des Papstes und dem neuen Staatssekretär Parolin hat sich der Vatikan endgültig für den Kontakt mit der internationalen Staatengemeinschaft neu aufgestellt. Nun muss sich zeigen, wie er als Player auf diesem Feld wahrgenommen wird. Kerrys Besuch im Vatikan war für dieses Bemühen zweifellos eine prominente Unterstützung.

kna

Kommentare