Besuch bei Untergrund-Station

Viele Syrer hören diesen Radiosender heimlich

  • schließen
  • Weitere
    schließen
+
Zwei Mitarbeiter des syrischen Untergrund-Radiosenders sitzen am 30.03.2013 in einer Wohnung in der türkischen Stadt Gaziantep

Gaziantep - „Brise aus Syrien“ ist ein Radiosender aus dem Untergrund, der in Aleppo empfangen wird. Viele können diesen nur heimlich hören: ein Redaktionsbesuch.

Kein Schild an der Tür verrät, dass in den Räumen der Wohnung in einem Neubauviertel der türkischen Stadt Gaziantep ein subversives syrisches Radioprogramm entsteht. Doch, weil den Anwohnern irgendwann vielleicht auffallen könnte, dass hier täglich sieben junge Syrer ein und aus gehen, plant das Team des Untergrundsenders „Brise aus Syrien“ nach nur einem Monat im neuen Domizil schon den nächsten Umzug.

Das Programm, das in mehr als der Hälfte der Haushalte der benachbarten syrischen Provinz Aleppo empfangen werden kann, bietet Informationen, Musik und praktische Lebenshilfe in Zeiten des Bürgerkrieges. Rim, die den Sender Anfang des Jahres gegründet hatte, ist 22 Jahre alt. Mazen, der Tontechniker, ist mit seinen 35 Jahren mit Abstand der Älteste in dem kleinen Team. Mit ihren sechs Kollegen im Studio Aleppo kommunizieren die Radiomacher meist via Internet, weil es billiger ist und weil Mobiltelefone in vielen Vierteln von Aleppo nicht mehr funktionieren. Da ihre Familien zum Teil in Vierteln wohnen, die das Regime von Präsident Baschar al-Assad kontrolliert, benutzen sie bei der Arbeit Künstlernamen.

Ahmed, der die Trailer für die Sendungen mixt, konnte den Sender, als er noch in Aleppo wohnte, nur heimlich hören. „Da in unserem Viertel hauptsächlich Anhänger des Regimes wohnen, habe ich „Brise aus Syrien“ immer nur mit Kopfhörern angehört.

Obwohl das Team auf seine Unabhängigkeit pocht und keine Spenden von Organisationen annimmt, die den Inhalt des Programms beeinflussen wollen, wird schon im Flur klar, aus welcher Richtung der Wind hier weht. Auf dem Boden liegt als Fußabtreter ein arg ramponierter kleiner Wandteppich mit dem Konterfei von Hafis al-Assad, dem im Jahr 2000 gestorbenen Präsidenten Syriens. Dieser hatte seinen Sohn schon auf die Rolle als Nachfolger vorbereitet.

Die Symbolik ist unverkennbar: Sie erinnert an den Irak, wo Ex-Diktator Saddam Hussein einst im Eingangsbereich des staatlichen Al-Raschid-Hotels ein Bodenmosaik mit der Abbildung seines Widersachers, US-Präsident George H.W. Bush, auslegen ließ, damit jeder Besucher - ob er wollte oder nicht - auf dessen Gesicht treten musste. Eine besonders perfide Beleidigung in der arabischen Welt.

Rim ist das Herz der Operation. Die Studentin aus Aleppo wirbt Spenden ein, plant neue Sendungen und spricht in einem schwindelerregenden Tempo. Mit Turnschuhen, Jeans, Mantel und Kopftuch ist sie praktisch angezogen. „Ich bin beschimpft worden, dass wir zu neutral seien, nicht revolutionär im eigentlichen Sinne, doch das ist mir egal“, sagt sie mit einem Schulterzucken. „Ich glaube, dass wir genau so ein Programm, das vor allem informativ ist, im Moment brauchen.“

In der Sendung „Etwas Verbotenes“ waren kürzlich ein Oppositioneller zu hören, der wie Assad zur alawitischen Minderheit gehört, und ein sunnitischer Islamist. In der Frühsendung erklärt ein Fachmann, wie man sich vor der Leishmaniose schützen kann, einer Infektionskrankheit, die sich derzeit in Aleppo ausbreitet.

Feedback bekommen die Radiomacher fast nur von denjenigen Hörern, die ihre Sendung via Internet verfolgen. Die Hörer, die zum Teil tagelang keinen Strom in ihren Häusern haben und ihr Radio mit Batterien betreiben, melden sich nur selten.

Rim hat, wie viele junge Syrer, 2011 als Bürgerjournalistin angefangen, mit Berichten und Fotos, die sie auf einer Seite im sozialen Netzwerk “Facebook„ verbreitete. Seither hat sie einige Kurse für Nachwuchsjournalisten und internationale Konferenzen von Aktivisten in Schweden und Ägypten besucht. Fremdsprachen spricht sie nicht.

Als Rim im April 2012 angeschossen und schwer verletzt wurde, während sie in Aleppo über das Begräbnis eines Revolutionsaktivisten berichtete, rieten ihr die meisten Freunde, sich ins Privatleben zurückzuziehen. „Sie sagten mir, "Du hast Deinen Preis für unsere Revolution jetzt bezahlt". Doch ich sehe das anders. Ich bin heute noch entschlossener als früher, für ein neues Syrien zu kämpfen.“

dpa

Der "arabische Frühling": In diesen Ländern wird rebelliert

Der „arabische Frühling“: In diesen Ländern wurde rebelliert

Zurück zur Übersicht: Politik

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser