Warum sich Wulff hinter dem Wort "man" versteckt

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Christian Wulff hat die Hände gefaltet. Für Kommunikationswissenschaftler Dito ein Zeichen von Verkrampftheit.

München - Ein Befreiungsschlag war das TV-Interview von Bundespräsident Christian Wulff nicht. Auffällig war vor allem Wulffs Gebrauch der Formulierung „man“.

„Man ist Mensch und man macht Fehler.“ Oder diese Satzkaskade: „Man wird ein bisschen demütiger, man wird lebensklüger. Man muss aus eigenen ­Fehlern lernen. Und gerade die Glaubwürdigkeit, die man als Bundespräsident braucht, die wird man nur zurückerlangen, wenn man auch im Umgang mit seinen eigenen Fehlern Lernfortschritte unter Beweis stellt.“

„Man“ statt „ich“ – wa­rum? Wir befragten den Kommunikationswissenschaftler Peter H. Ditko (65), Leiter der Deutschen Rednerschule in Bonn.

Herr Ditko, der Bundespräsident verwendete sehr oft die Formulierung „man“ statt „ich“. Warum?

Kommunikationswissenschaftler Peter H. Ditko.

Peter H. Ditko: Er verwendete sehr wohl auch Ich-Formulierungen – aber immer nur bei positiven Aussagen über sich. Also etwa: „Ich möchte nach fünf Jahren eine Bilanz vorlegen, dass ich ein guter, erfolgreicher Bundespräsident war.“ Das zeigt: Ich fühle mich sicher. In Man-Formulierungen flüchtet sich Wulff, wenn er sich unsicher fühlt. Das ist ein typisches Phänomen, das man bei jedem beobachten kann, der sich unsicher fühlt: Wulff flüchtet dann ins Normative und versucht, sich aus der Argumentation herauszuziehen.

Und was bedeutet das?

Ditko: Unaufrichtigkeit. Der Augenkontakt ist weg zum Gesprächspartner. Das ist eine typische Reaktion, die unterbewusst abläuft: Man versucht, keine Beziehung zum Gesprächspartner aufzubauen. Jeder konnte den enormen Druck spüren, unter dem Herr Wulff stand – was ja durchaus verständlich ist. Ein guter Rhetoriker hätte dem Bundespräsidenten im Vorfeld des Gesprächs empfohlen: Verwende bloß keine Man-Formulierungen! Sage „ich“ statt „man“.

Was sagt die Körpersprache des Präsidenten aus?

Ditko: Der Körper reagiert wie das Wort, das kann man gar nicht trennen. Die Hände waren ineinander gelegt, wirkten verkrampft wie der ganze Körper.

Hat das Interview Christian Wulff eher genutzt oder geschadet?

Ditko: Die Reaktion der Öffentlichkeit ist nicht positiv, weil Wulffs Worte nicht aufrichtig waren. Er wollte sich als Gehetzter darstellen und die Schuld wegziehen. Natürlich wissen die meisten nicht, was das „man“ als Formulierung bedeutet – aber jeder hat ein Gefühl dafür, dass da was nicht stimmt.

Die Folgen der Rede?

Ditko: Die Politik ist wieder ein Stück unglaubwürdiger geworden. Fatal: Der Präsident ist nicht nur Aushängeschild, sondern auch Vorbild. Da fällt Wulff raus aus der Ära der Bundespräsidenten. Wie soll der kleine Mann denn verstehen, dass er bestraft wird, wenn er einen Apfel stiehlt?

Interview: Matthias Bieber

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