Wer wählt eigentlich die Grünen?

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Winfried Kretschmann wird wohl der erste Ministerpräsident der Grünen

Stuttgart - Die grüne Revolution in Stuttgart hat die Parteienlandschaft ordentlich durcheinandergewirbelt. Doch wer sind die Grünen-Wähler überhaupt?

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat langfristige Daten aus dem Sozio-ökonomischen Panel analysiert und so ein genaues Profil der Grünen-Anhänger erstellen können:

Großstädter: In den Großstädten und Metropolen sind die Grünen besonders stark. In Städten mit über 500 000 Einwohnern geben 18 Prozent der Menschen an, seit Längerem mit der Partei verbunden zu sein. Die Wahlergebnisse in Baden-Württemberg belegen den Trend. Dort konnten die Grünen acht Direktmandate gewinnen – drei in Stuttgart, zwei in Freiburg und je eins in Tübingen, Mannheim und Heidelberg. In Karlsruhe scheiterten sie nur knapp. Bei den Wahlen in Berlin im Herbst könnte Renate Künast als zweite grüne Länderchefin gewählt werden. In München erreichten die Grünen bei der letzten Bundestagswahl 17,5 Prozent. In zentralen Bezirken sogar noch mehr, in der Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt 28,3 Prozent und im Westend 27,1 Prozent.

Jung: Die Grünen können seit ihrem Bestehen immer wieder etwa ein Fünftel der Menschen im Alter zwischen 17 und 20 Jahren für sich begeistern. Es wachsen also immer wieder neue Grünen-Wähler nach.

"Grüne im Strahlenglanz": Das schreibt die Presse

"Grüne im Strahlenglanz": Das schreibt die Presse

"Neue Zürcher Zeitung": Grüne im Strahlenglanz - Es ist die Kernkraft-Debatte, die den Wechsel zu Grün und Rot herbeigeführt hat. Sie wurde weitgehend vom Wunsch nach einem möglichst sofortigen Ausstieg aus der seit Jahrzehnten in Deutschland umstrittenen Energieform angezeigt. © dpa
"Basler Zeitung": Die Zeitenwende in Stuttgart wird unseren nördlichen Nachbarn bleibend verändern. (...) Der Wahlausgang weckt Erinnerungen an das Jahr 2005, als die Sozialdemokraten das mächtige Bundesland Nordrhein-Westfalen an die bürgerliche Konkurrenz verloren und dies in Berlin den Anfang vom Ende der rot-grünen Regierung von Kanzler Schröder (SPD) einläutete. © dpa
"Der Standard": Die atomare Kehrtwende ist ja nicht die einzige, die Merkel hinlegte. Im schwarz-gelben Koalitionsvertrag hieß es noch, man wolle an der Wehrpflicht festhalten. Mittlerweile wurde sie “ausgesetzt“, also de facto abgeschafft. Viele Wählerinnen und Wähler, aber auch Parteifunktionäre, sind damit überfordert. Dazu kommt, dass die schwarz-gelbe Koalition in Berlin eigentlich bis heute nicht richtig Tritt gefasst hat. © dpa
"Corriere della Sera": “Nach dem Desaster von Fukushima hatte (Angela) Merkel in den vergangenen Tagen entschieden, die deutsche Atompolitik zu ändern. Im Oktober hatte sie noch beschlossen, die Laufzeit der 17 Atommeiler zu verlängern, vor einer Woche hat sie unvermittelt ihre Meinung geändert. Die Wähler jedoch haben ihr nicht geglaubt. © dpa
"de Volkskrant": Die Wahlen im dem wichtigen Bundesland wurden zu einer Stellungnahme gegen die nationale Atompolitik. Die Regierung aus Christdemokraten und Liberalen - Verteidiger der Kernenergie - hat verloren. Die Grünen sind die großen Gewinner. Bundeskanzlerin Angela Merkel verliert einen der wichtigsten regionalen Stützpfeiler ihrer Regierung... © dpa
"La Repubblica": Europa, das Angela Merkel als Anführerin ertragen hat, ohne sie jemals dazu ernannt zu haben, hat sie bereits durchfallen lassen. Nun hat die Bundeskanzlerin auch in Deutschland eine lautstarke und spektakuläre Niederlage erlitten. © dpa
"El Mundo": Angela Merkel muss ihre wahltaktisch motivierten Schwenks teuer bezahlen. (...) Vor sechs Monaten hatte Merkel zugestimmt, die Laufzeiten von Atomkraftwerken zu verlängern. Nach der Katastrophe in Fukushima leitete sie einen Prozess eines 'kontrollierten Ausstiegs' ein. © dpa

Parteitreu: Die Anhänger der Grünen sind treu – deshalb ist der demografische Wandel der große Verbündete der Grünen! Denn die Grünen-Anhänger der ersten Stunde halten der Partei auch 30 Jahre nach ihrer Gründung die Stange. In den 80er-Jahren unterstützten 19 Prozent der damals unter 20-Jährigen die Grünen. Sie sind heute über 40 Jahre alt – und immer noch sind 16 Prozent dieser Jahrgänge Grünen-Wähler. Gleichzeitig geht der Anteil der vor 1950 geborenen Wähler immer weiter zurück – eine Altersgruppe, die die Grünen ohnehin kaum unterstützt.

Gebildet: Die Grünen rekrutieren ihre Anhänger fast ausschließlich unter Menschen mit Abitur. Der Wert liegt seit 1984 relativ stabil bei etwa 18 Prozent. Unter Menschen mit einem Volks- oder Hauptschulabschluss finden die Grünen kaum Unterstützung. Dieser Zusammenhang hat sich seit 30 Jahren nicht verändert.

Wohlhabend: Die früheren Abiturienten sind inzwischen in gut bezahlte Berufe hineingewachsen – ihre politische Orientierung haben sie behalten. In den 80er-Jahren gehörten die meisten Grünen-Anhänger zu den 20 Prozent der Bevölkerung mit den geringsten verfügbaren Einkommen. Heute ist der höchste Anteil Grünen-Wähler bei Personen mit dem höchsten Einkommen anzutreffen. „Damit untergräbt die Partei den bürgerlichen Alleinvertretungsanspruch von CDU und FDP“, so das DIW. Der Anteil unter den Beamten, Selbstständigen und Angestellten ist hoch, Arbeiter und Arbeitslose unterstützen die Partei dagegen kaum. Grüne Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik muss auf die klassische „linke“ Klientel also weniger Rücksicht nehmen als die der SPD.

Weiblich: Die Grünen stehen seit ihrer Gründung für eine starke Gleichstellungspolitik – dementsprechend hoch ist der Anteil der Frauen, die die Partei unterstützen. 13 Prozent der deutschen Frauen sind Anhänger der Grünen, bei den Männern liegt dieser Anteil bei zehn Prozent.

Mk.

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