FDP-Politiker spricht über Homosexualität

Westerwelle: "Bevor ich den Löffel abgebe, ..."

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"Ich sage Ihnen: Bevor ich den Löffel abgebe, ist Schwulsein eine Selbstverständlichkeit", so der Ex-Außenminister zum stern.

Hamburg - Ex-Außenminister Guido Westerwelle hat in einem Interview über das Outing von Ex-Fußballer Thomas Hitzlsperger und seine eigene Homosexualität gesprochen.

Westerwelle erwartet von Kanzlerin Angela Merkel, dass sie die Gleichstellung von homosexuellen Lebenspartnerschaften mit der Ehe weiter vorantreibt.

In einem Interview mit dem Hamburger Magazin stern sagte der 52-Jährige, er habe "mit Aufmerksamkeit die sensible Einlassung" des Regierungssprechers zum Coming-out des früheren Fußball-Nationalspielers Thomas Hitzlsperger verfolgt. Aber das seien ja zunächst mal nur Worte gewesen. Westerwelle zum stern: "Mir wäre es lieber, wenn das, was in unserer Regierungszeit so gut vorangekommen ist, jetzt auch vollendet würde, nämlich die völlige rechtliche Gleichstellung von gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften mit der Ehe."

Auf die Frage, ob die vollständige Gleichstellung bislang am Unwillen der Kanzlerin gescheitert sei, sagte der Ex-Außenminister: "Ja. Aber nun hat sie es in der Hand." Er würde es begrüßen, sie würde den Worten ihres Regierungssprechers nun politische Taten folgen lassen.

Deutschland ist in den Augen des einstigen FDP-Chefs trotz allem noch immer keine ausreichend aufgeklärte Gesellschaft. In dem stern-Gespräch erinnerte er daran, dass noch am Samstag vor dem Hitzlsperger-Bekenntnis der frühere Arbeitsminister Norbert Blüm (CDU) gesagt habe, die Gleichstellung homosexueller Partnerschaften sei eine Art Zeitgeistphänomen, dem das Bundesverfassungsgericht nicht erliegen dürfe. Trotzdem sei die CDU immer sein erklärter Wunschpartner gewesen sei. Westerwelle: "Die SPD war doch meist nicht besser. Wenn es um Spießigkeit geht, gab es in Deutschland von jeher eine wirklich ganz große Koalition."

Westerwelle wies in dem stern-Interview Vorwürfe zurück, er habe in seiner Zeit als Vizekanzler und Außenminister nicht laut genug auf die Diskriminierung von Homosexuellen in arabischen und osteuropäischen Ländern hingewiesen. "Das habe ich stets, wo es nötig war. Ich war aber zunächst Außenminister und erst in zweiter Linie ein schwuler Außenminister." Auch in Saudi-Arabien, wo Homosexuellen die Todesstrafe droht, habe er ausführlich über Bürgerrechte und innere Liberalität gesprochen - "in angemessener und diplomatischer Weise, wie es bei Kontroversen international üblich ist."

Im Gegensatz zu Bundespräsident Joachim Gauck, der die Olympischen Winterspiele im russischen Sotschi nicht besuchen will, würde Westerwelle eine solche Reise antreten. Wäre er noch Außenminister, so würde er hinfahren, "und zwar nicht allein", sagte er dem stern.

"Respekt!" Stimmen zum Hitzlsperger-Outing

"Respekt!" Stimmen zum Hitzlsperger-Outing

Großbritanniens Premierminister David Cameron schrieb bei Twitter: „Ich habe immer bewundert, was Thomas Hitzlsperger auf dem Feld geleistet hat - aber heute bewundere ich ihn noch mehr.“ © AFP
Wolfgang Niersbach (DFB-Präsident): „Thomas Hitzlsperger war zur seiner Zeit als Nationalspieler immer ein Vorbild, vor dem ich den höchsten Respekt hatte - und dieser Respekt ist jetzt noch weiter gewachsen. Er hat sich entschieden, den Schritt in die Öffentlichkeit zu gehen, und ich stehe zu unserem Wort, dass er von uns jede erdenkliche Unterstützung bekommt.“ © dpa
Oliver Bierhoff (Manager Nationalmannschaft): „Als Thomas noch aktiver Nationalspieler war, hatten wir von seiner Homosexualität keine Kenntnis. Er hat sich erst nach seinem Karriereende an uns gewandt und uns darüber informiert. Dass er sich nun auch öffentlich bekennt, verdient Anerkennung und Respekt. Ich begrüße diesen Schritt, wir werden ihm alle Unterstützung zukommen lassen, damit er seinen mutigen Weg weitergehen kann.“ © dpa
Reinhard Rauball (Ligapräsident): „Die Entscheidung ist auch nach seiner aktiven Karriere ein großer und mutiger Schritt und im Kampf gegen Homophobie sicherlich wegweisend. Mit Blick auf die enorme Öffentlichkeit im Profifußball wären die Reaktionen im Falle des Outings eines aktiven Profis jedoch weiterhin nur schwer kalkulierbar. In dieser Hinsicht tragen die Klubs als Arbeitgeber eine außerordentliche Verantwortung. Auch vor diesem Hintergrund würde ich einem Betroffenen raten, im ersten Schritt die Vereinsverantwortlichen wie Vorstand und Trainer sowie Mannschaftskollegen ins Vertrauen zu ziehen.“ © dpa
Guido Westerwelle (ehemaliger Außenminister; bei Zeit Online): „Dieser Mut verdient größten Respekt. Der Schritt in die breite Öffentlichkeit liest sich viel leichter, als er tatsächlich ist. Ich erhoffe mir Ermutigung, Respekt und Anerkennung für die vielen, die im Hinblick auf ihre gleichgeschlechtliche Orientierung noch mit sich, ihrem Umfeld und der Gesellschaft ringen.“ © dpa
Theo Zwanziger (ehemaliger DFB-Präsident und Mitglied im FIFA-Exekutivkomitee; bei Zeit Online): „Endlich hat ein Fußballer den Mut, seine Homosexualität öffentlich zu machen - zumindest in engem Zeitabstand zu seiner Karriere. Das hat hoffentlich eine positive Wirkung auf die Gesellschaft und den Profifußball der Männer. Der ist nämlich nach wie vor ein hartes Geschäft, ein offener Umgang mit Homosexualität ist leider immer noch nicht selbstverständlich. Aber ich bin zuversichtlich, dass sexuelle Neigungen im Fußball bald kein Thema mehr sind.“ © dpa
Dieter Hecking (Trainer VfL Wolfsburg): „Das ist ein sehr mutiger Schritt, ich kann Thomas nur gratulieren, dass er ihn gegangen ist. Den hat er für seinen inneren Frieden sicher gebraucht. Es ist gut, dass das Thema Homosexualität im Fußball jetzt öffentlich gemacht wird, das ist für unsere heutige Zeit auch normal. Ob das auch eine Ermutigung für andere homosexuelle Fußballer, wird man sehen.“ © dpa
Imke Duplitzer (homosexuelle Fecht-Europameisterin): „Give him a big hand!Respekt!“ © dpa
Annike Krahn (Fußball-Nationalspielerin): „RESPEKT!!!“ © dpa
Lukas Podolski (Nationalspieler und ehemaliger Mitspieler von Hitzlsperger): „Mutig - und richtig. Respekt, Thomas Hitzlsperger! Ein wichtiges Zeichen in der heutigen Zeit.“ © dpa
Julius Brink und Jonas Reckermann (Beachvolleyball-Olympiasieger): „Wir möchten Herrn Hitzlsperger unseren Respekt und Glückwünsche für diesen Schritt aussprechen!“ © dpa
Startschuss SLSV Hamburg (einer der ältesten schwul-lesbischen Sportvereine Deutschlands): „Hoffentlich wird allmählich auch dem Letzten klar, dass die sexuelle Orientierung nichts mit Leistungsfähigkeit zu tun hat. Für junge Fußball-Talente, die zufällig schwul sind, ist das ein ganz starkes Signal, dass auch für sie Platz im Profigeschäft ist. Wir sollten aber auch darüber nachdenken, was der Zeitpunkt des Coming Outs verrät: Was muss im Profi-Fußball für eine Atmosphäre vorherrschen, dass Thomas Hitzlsperger diesen Schritt erst nach seinem Karriereende für möglich gehalten hat? Wenn wir in die Amateurvereine schauen, hat sich in den letzten Jahren vieles gebessert. Es ist dort aber immer noch zu sehr Glückssache, ob man im Verein als homosexueller Mitspieler willkommen ist oder gemobbt wird.“ © dpa
Volker Beck (Grünen-Politiker und einer der ersten bekennenen homosexuellen Bundestags-Abgeordneten): „Ich habe großen Respekt vor dem Outing. Schade ist zugleich, dass dieser Schritt erst nach Beendigung seiner aktiven Fußballerkarriere möglich war. Es ist jetzt Aufgabe des DFB, aktiven Spielern Mut zu machen.“ © dpa
Gary Lineker (englische Fußball-Legende): „Herzlichen Glückwunsch! Er ist sehr mutig, dass er als erster Spieler, der in der Premier League gespielt hat, sein Coming-Out hat.“ © AFP
Michael Vesper (Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes): "Das ist ein gutes Signal. Jeder weiß, dass es auch im Spitzensport Schwule und Lesben gibt. Von daher verdient Thomas Hitzlspergers Coming Out unseren großen Respekt. Es ist für ihn sicher keine leichte Entscheidung gewesen. [...] Das Coming Out ist vor allem auch deshalb bedeutungsvoll, weil wir aus dem Umgang mit anderen Tabu-Themen wissen, dass Vorbilder zur Aufklärung, also zum Abbau von Unsicherheiten und Unwissenheit beitragen können.“ © dpa
Markus Hörwick (Mediendirektor FC Bayern): „Die Gesellschaft nimmt für sich in Anspruch, dass so etwas Normalität ist, und so sollten wir auch damit umgehen.  [...] Ich glaube, dass es im Fußball schwieriger ist, sich zu outen, denn man geht alle zwei Wochen in ein fremdes Stadion und kämpft gegeneinander. Da wird es schwierig sein, die Toleranz der Gesellschaft, die wir auch einfordern, zu behalten. Deshalb ist der Schritt umso bemerkenswerter“. © dpa
Arne Friedrich (früherer Fußball-Nationalspieler): „Bin stolz auf dich. Gute Entscheidung und aus meiner Sicht richtiger Zeitpunkt.“ © dpa
Stefan Kretzschmar (ehemaliger Handball-Nationalspieler): „Respekt !!! Leider erst nach der Karriere.“ © dpa
Regierungssprecher Steffen Seibert: „Es ist gut, dass er über etwas spricht, das ihm wichtig ist und was ihn möglicherweise auch befreit. Wir leben in einem Land, in dem niemand Angst haben sollte, seine Sexualität zu bekennen, nur aus Angst vor Intoleranz. Wir haben als Land, als Gesellschaft im vergangenen Jahrzehnt gerade auf diesem Gebiet doch enorme Fortschritte gemacht. Fußballer beurteilen wir danach, ob sie sich auf dem Platz und abseits des Platzes gut und würdig verhalten, und ich glaube, das trifft beides für Herrn Hitzlsperger zu.“ © dpa
Fredi Bobic (Sportvorstand Fredi Bobic) hat Thomas Hitzlsperger „größten Respekt“ gezollt. Dessen Coming-Out sei ein „sehr mutiger Schritt“, sagte Bobic am Mittwoch der Nachrichtenagentur dpa. „In der heutigen Zeit sollte es eigentlich zur Normalität werden, aber ich weiß, dass es jetzt vor allem in der Fußball-Community viele Diskussionen darüber geben wird.“ Hitzlsperger werde sich über diesen Schritt sehr viele Gedanken gemacht haben, glaubt Bobic. „Es ist seine Entscheidung und die gilt es zu respektieren.“ © dpa
Christine Lüders (Leiterin der Bundes-Antidiskriminierungsstelle): „Thomas Hitzlsperger hat großen Mut bewiesen - und er ist ein Vorbild für Tausende andere Sportlerinnen und Sportler, die sich bislang nicht getraut haben, mit ihrer sexuellen Orientierung offen umzugehen. Menschen in ganz Deutschland identifizieren sich mit dem Fußball und insbesondere mit der DFB-Nationalmannschaft. Vor allem Schwulsein ist leider immer noch ein Tabu im Fußball, Diskriminierung ist immer noch an der Tagesordnung. Alle, die Thomas Hitzlsperger jetzt gratulieren, sollten nun mithelfen, ein Klima der Akzeptanz und Offenheit zu schaffen.“ © dpa
Axel Hochrein (Sprecher des Lesben- und Schwulenverbandes LSVD): „Für uns das Tor des Monats! Das öffentliche Bekenntnis zu seiner Homosexualität rüttelt an einem der größten Tabus im Profifußball. Es ist ein sehr wichtiger Schritt, um die Diskussion zu beleben und wird für die nächste Generation von Fußballern von großer Bedeutung sein.“ © dpa
Martin Gerster (Sportpolitischer Sprecher der SPD im Deutschen Bundestag): „Ich finde den Schritt enorm mutig. Er will die Diskussion über dieses Thema vorantreiben - das is gut. Der Sport tat sich bislang mit diesem Thema ja etwas schwer. Doch jetzt ist neuer Schwung in der Debatte. Ich hoffe, dass der ein oder andere noch aus der Deckung kommt.“ © dpa
Claudia Roth (Vize-Präsidentin des Bundestags): „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Das gilt für Fußballer genauso wie für jeden anderen Menschen. Wenn sich Thomas Hitzlsperger jetzt öffentlich zu seiner Homosexualität bekennt, gebührt dieser Entscheidung größter Respekt. Sie ist mutig, weitsichtig und in jeder Hinsicht vorbildhaft für tausende Amateur- und Profisportler in Deutschland.“ © dpa
Joachim Löw (Bundestrainer): „Thomas hat für sich persönlich entschieden, diesen Schritt zu gehen, und er sollte in einer toleranten Gesellschaft von allen respektiert werden. Für mich als Trainer sind alleine die sportlichen Leistungen und das soziale Verhalten eines Spielers entscheidend, und ich habe Thomas immer als ehrgeizigen, zuverlässigen Profi kennengelernt. Ich wünsche mir, dass sein Bekenntnis bei uns allen zu einem entspannteren Umgang mit dieser Thematik beiträgt.“ © dpa

Westerwelle, der seit September 2010 mit dem Veranstaltungs-Manager Michael Mronz in eingetragener Partnerschaft lebt, ging in dem Gespräch auch auf das Thema Kinder ein: "Wäre ich zehn Jahre jünger, wäre das ein Thema, ja." Traurig mache ihn dies aber nicht, sondern eher "nachdenklich". Schließlich würde die Diskriminierung gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften oft damit begründet, dass daraus keine Kinder entstehen könnten. Er frage sich, was dann an jenen heterosexuellen Ehen besser sei, in denen es auch keine Kinder gebe.

Nach Westerwelles Auffassung werde es noch dauern, bis das Thema Homosexualität zu einer allgemein akzeptierten Tatsache geworden sei. Doch er zeigte sich zuversichtlich: "Ich sage Ihnen: Bevor ich den Löffel abgebe, ist Schwulsein eine Selbstverständlichkeit", so der Ex-Außenminister zum stern.

mm

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