Heikle Runde in Dresden

„Sie haben die Freiheit, abzuschalten!“ ZDF-Chef debattiert mit AfD - an einer Stelle bekommt er zu viel

+
AfD-Podiumsdiskussion mit ZDF-Chefredakteur Peter Frey und ARD-Aktuell-Chef Kai Gniffke in Dresden
  • schließen

Das Interesse ist groß, mehr als 200 AfD-Anhänger verfolgen ein Streitgespräch mit den Chefredakteuren von ZDF und ARD-Aktuell. Vorsichtshalber durften Glasflaschen nicht in den Saal.

Dresden/München - Jede Partei hat so ihre Themen. Manche mehr und manche weniger verschiedene. Image und Programm der AfD werden recht klar vom Thema Migration dominiert. Wenn es dahinter noch ein Konsens-Thema in der Partei gibt, dann womöglich: Medienschelte, vor allem für die öffentlich-rechtlichen Sender.

Umso bemerkenswerter schien das Zusammentreffen, das sich am Donnerstagabend in Dresden ereignete: Da saßen in einem Messesaal die Chefredakteure des ZDF und der ARD-Nachrichtenredaktion ARD-Aktuell, Peter Frey und Kai Gniffke, auf dem Podium - und um sie herum, auf der Bühne und im Publikum, einige ihrer schärfsten Kritiker. Mitglieder und Gäste der AfD nämlich. Geladen hatte der AfD-Kreisverband Dresden.

AfD-Debatte: Öffentlich-rechtliche nähern sich auch den „Beitragszahlern mit Faust in der Tasche“

War da eine Annäherung möglich? Zumindest schienen sich alle Beteiligten zu bemühen. "Ich bin gern gekommen", sagte Frey laut einem Bericht der Zeit. "Weil Sie Beitragszahler sind, manchmal vielleicht mit der Faust in der Tasche. Ich möchte mir Ihre Kritik anhören." 

Frey hatte allerdings auch ein Anliegen mitgebracht: „Ich hoffe, wenn wir hier grundsätzlich reden, dann können wir uns darauf verständigen, dass in einem freien Land eine freie und kritische Presse notwendig ist und nicht eine Presse, die eingeschüchtert wird“, betonte er. Man müsse auch über den Ton sprechen, den „Teile Ihrer Partei der Presse gegenüber anschlagen“: „Das gehört zu den Problemen dazu.“

Kritik beim AfD-Abend: “Nichtberichterstattung“ - und die Familienstruktur im Tatort

Vor allem durften sich Frey und Gniffke aber Kritik anhören. Der AfD-Politiker und Journalist Nicolaus Fest sowie Michael Klonovsky, früher unter anderem Chef vom Dienst beim Nachrichtenmagazin Focus übten als Teilnehmer auf dem Podium harsche Kritik. Beide rügten unter anderem die Berichterstattung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks über die jüngsten Ereignisse in Chemnitz, über US-Präsident Donald Trump oder die Silvesternacht 2015 in Köln. 

Auch interessant: Chemnitz-Berichte im TV - Maaßen schreibt Beschwerdebrief an Chef der Tagesschau

Fest warf den Medien unter anderem „Nichtberichterstattung“, „Falschberichterstattung“ und „voreingenommene Berichterstattung“ vor. Auch ausgefallenere Punkte kamen auf die Tagesordnung: Einer der Moderatoren des Abends, Andreas Lombard - Chefredakteur des rechtskonservativen Magazins Cato - vermisste klassische Familienstrukturen in den Ermittler-Biografien des Tatorts. Der sächsische AfD-Chef Jörg Urban fragte forsch nach einem rechtskonservativen Gesprächsformat im öffentlich-rechtlichen Fernsehen.

AfD: Bestimmte Fälle ausgeklammert? - „Wir können nicht nur über Mord und Totschlag berichten“

Frey und Gniffke versuchten, die Kritikpunkte zu entkräften, oder zumindest ihre Sicht der Dinge klarzustellen. "Wir versuchen, die ‚Tagesschau‘ darauf abzuklopfen, welche Themen wichtig sind für das ganze Land", sagte Gniffke mit Blick auf Vorwürfe, über bestimmte Kriminalfälle nicht berichtet zu haben. "Wir können nicht nur über Mord und Totschlag berichten“, betonte er. 

AfD-Podiumsdiskussion in Dresden

Als ein Beispiel für eine heikle Abwägung nannte er den Fall des neunjährigen Mitja aus Leipzig, der 2007 missbraucht und ermordet worden war - die „Tagesschau“ thematisierte den Fall nicht. "Es gefällt mir auch nicht, so einen Fall auf Relevanz abzuklopfen", sagte Gniffke. Aber die Nachrichtensendung müsse abwägen, was für das ganze Land von Bedeutung sei.

Die Forderung nach einer AfD-nahen Talkshow wies Frey ab: „Das würde ich mir sehr langweilig vorstellen“, erklärte er - das gelte auch für jede andere Partei. Auch Vorwürfe, die AfD komme im ZDF zu wenig zu Wort, entkräftete der Chefredakteur mithilfe von Zahlen. 170 Mal sei die Partei zwischen Bundestagswahl und Sommerpause im O-Ton zu hören gewesen - gegenüber 120 O-Tönen der FDP, 160 der Linken und 220 der Grünen. Für einzelne Fehler in der Berichterstattung habe man sich stets entschuldigt, erklärte Frey - im Gegensatz zur AfD, die zu Fehltritten gegenüber Journalisten geschwiegen habe.

AfD: An dieser Stelle wies Frey die Zuschauer auf die „Freiheit, abzuschalten“ hin

An das Ende seiner Geduld gelangte der eigentlich ruhig auftretende Frey, als das Gespräch auf das „heute journal“ und Moderatorin Marietta Slomka kam - die offenbar einige Zuschauer aus Ostdeutschland als „belehrend“ und an DDR-Zeiten erinnernd kritisiert hatten.

Auch interessant: Slomka: Seehofer beschwerte sich bei meinem Chef über mich

Auf die Versicherung hin, man wolle die Zuseher weder „belehren“ noch „erziehen“ raunte das Publikum auf - und Frey fiel kurz aus der Rolle: „Sie haben die Freiheit, abzuschalten!“, rief der ZDF-Chefredakteur. "Aber zahlen müssen wir!", hörte die Süddeutsche Zeitung einen Besucher zurück rufen.

ZDF-Chefredakteur bei der AfD: „Wir haben uns nicht gekloppt, insofern war es ein Anfang“

Frey nannte die Stimmung im Saal dann auch „bedrückend“. Und bemühte sich dennoch um ein positives Fazit. "Ich weiß nicht, ob ich dieses Gespräch jede Woche führen möchte", sagte er. "Aber wir haben uns nicht gekloppt, insofern war es ein Anfang“, zitierte ihn die Zeit.

Tatsächlich scheint gerade diese banale Feststellung gar nicht so selbstverständlich: Einige Sätze in der Einladung zu der Veranstaltung lasen sich so, als wolle die AfD Anhänger schon vorher um Zurückhaltung bitten: „Unterschiedliche Positionen sollen daher in sachlicher und nüchterner Atmosphäre diskutiert werden. Wir sind der Überzeugung, dass nur unter diesen Bedingungen die unterschiedlichen Positionen verstanden werden können und Kritik in beide Richtungen angenommen werden kann“, hieß es.

Neben Einlasskontrollen achteten die Organisatoren auch darauf, dass keine Glasflaschen mit in den Saal genommen wurden - aus Sicherheitsgründen. Auch wenn es drinnen bei einigen Antworten von Frey und Gniffke gelegentlich etwas lauter wurde, verlief der Abend aber eben tatsächlich friedlich. Auch die beiden Chefredakteure bekamen mehrmals Applaus. Am Ende bewerteten beide Seiten das Streitgespräch als Beginn eines Dialoges.

Lesen Sie auch: Wiederholt sich Geschichte? ARD-Magazin vergleicht 1929 mit 2018 - und AfD mit NSDAP

Landtagswahl 2018 in Hessen: Prognosen, Ergebnisse, Reaktionen - Live-Ticker

fn/dpa

Zurück zur Übersicht: Politik

Auch interessant

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser

MEHR AUS DEM RESSORT