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100. Liebesfrage: Dorothea Perkusic beantwortet Fragen rund um die Liebe

Soll ich mich auf eine polyamouröse Beziehung einlassen?  Was spricht dafür und was dagegen?

100 mal wurde die „Liebesfrage“ bisher gestellt, 100 mal hatte unsere Einzel- und Paartherapeutin Dorothea Perkusic die passende Antwort. Doch die erfolgreiche Rubrik leistet noch viel mehr, denn jeder kann unserer Expertin Fragen rund um die Themen „Leben“ und „Liebe“ stellen und jeder Ratsuchende bekommt von der Einzel- und Paartherapeutin auch eine persönliche Antwort. Ausgewählte Fragen werden immer montags hier anonymisiert veröffentlicht.

Frage einer Frau: 

Ich bin 34 Jahre alt und habe einen Mann kennengelernt, in den ich mich sehr verliebt habe. Wir haben uns schon öfter getroffen. Es fühlt sich für mich so gut an wie nie zuvor mit einem Mann. Es ist unkompliziert, schnörkellos, ohne missverständliche Spielchen und dadurch irgendwie total spannend und interessant. Wir haben sehr ähnliche Interessen, er ist lebenslustig, sehr respektvoll und intelligent, der Sex ist fantastisch, wir lachen viel, es ist einfach schön. Der Haken ist, er lebt polyamourös. Ich habe ihn dazu bisher nicht viel gefragt, denn ich habe in diesem Bereich keine Ahnung. Einerseits finde ich das interessant, andererseits ängstigt es mich. Ich wüsste nicht, ob ich mir eine Beziehung vorstellen könnte mit dem Wissen, dass mein Partner auch mit anderen Frauen Sex hat und die auch liebt. 
Ich weiß, dass es mittlerweile viele Menschen gibt, die offene Beziehungen führen. Was genau würde es bedeuten, polyamourös zu leben, was spricht dafür und was dagegen und wie kann ich mit dieser Situation nun am besten umgehen?

Antwort von Dorothea Perkusic:

„Amore“ bedeutet Liebe, die Vorsilbe „Poly“ heißt mehrere. Polyamorie bedeutet Liebe ohne Exklusivität, also Liebesbeziehungen zu mehreren Menschen gleichzeitig zu pflegen, inklusive Sex, ohne Lügen, Betrug, Fremdgehen. Bei einer „offenen Beziehung“ hingegen ist es so, dass sich  die Partner einer Zweierbeziehung nur den Sex mit anderen gestatten unter individuell abgesprochenen Vereinbarungen. Polyamorie geht in die Tiefe, schließt liebevolle Gefühle und eventuell auch ein gemeinsames Leben mit ein. Nun kann man sich die Frage stellen, ob es überhaupt möglich ist, Sex und Liebe so radikal voneinander zu trennen und ob die Grenzen dabei nicht sowieso fließend sind. 

Für Menschen, die sich durch ein Treue-Versprechen eingeengt fühlen, ist die Polyamorie als Gegenentwurf zur Monogamie ein eigener Lebensstil, der verantwortungsbewusst, ehrlich, mutig und rücksichtsvoll gelebt werden muss. Denn leicht oder leichter zu leben ist dieser Gegensatz zum allgemein gesellschaftlich anerkannten Modell sicher nicht, für andere ist es jedoch vielleicht der aufrichtigere Weg und damit auch mutig. 

Was dafür und dagegen spricht oder glücklicher macht, ist nicht pauschal zu beantworten, sondern Gegenstand der individuellen Bedürfnisse, Wünsche und Überzeugungen. 

Ihr habt eine Frage rund um die Liebe und Beziehungen? Stellt sie unserer Expertin Dorothea Perkusic

Die meisten Menschen, die polyamourös leben, haben eine Kernbeziehung, oder anders gesagt, einen favorisierten Partner und dazu Nebenbeziehungen. Bei anderen gibt es keine „Rangordnung“. Wie auch immer, braucht es dafür Liebespartner, die nicht nur gut damit umgehen können, eine/r von vielen zu sein. Darüber hinaus müssen alle Seiten dieser Liebes- und Lebensform freiwillig und relativ kompromisslos zustimmen können, aus einem eigenen und echten Bedürfnis beziehungsweise einer Überzeugung heraus. Andernfalls sind ständiger Schmerz, Verlustängste, Wut und ein im-Ungleichgewicht-sein vorprogrammiert und daraus resultierend erhebliche Konflikte. Denn Eifersucht ist ein Bestandteil unserer emotionalen Welt und lässt sich auch bei aller Offenheit nicht einfach so ausknipsen. 

Für Menschen in polyamourösen Beziehungen ist eine gute, vertrauensvolle und offene Kommunikationskultur besonders wichtig. Denn daraus entsteht Vertrauen und Sicherheit, was grundlegende Zutaten für Nähe und Intimität sind. Zumal in einer polyamourösen Beziehung die Bedürfnisse, Wünsche und Eigenarten von mehreren Menschen im Raum stehen. Dies muss für jeden einigermaßen verständlich sein und zugelassen werden, es müssen Grenzen gesetzt, Spielregeln bestimmt und Vereinbarungen ausgehandelt werden. In diesen Beziehungen ist eigenes Reflektieren und die (gemeinsame) Auseinandersetzung damit absolut unerlässlich. Die Beziehungspartner benötigen viel Ethik und Moral, da vollkommene Ehrlichkeit notwendig ist.

Zu den Vor- und Nachteilen: 

Die Vorteile sind zum Beispiel die Möglichkeiten, ein völlig anderes Maß an emotionaler und sexueller Freiheit genießen und leben zu können, sich nicht einschränken zu müssen. Dies ist für manche der „ehrlichere“ Weg, Beziehungen zu leben, da mehr oder alles zugelassen werden kann und man sich nicht reglementieren und weniger anpassen muss. Die Sehnsüchte bekommen einen größeren Raum. Denn, wie wir alle wissen, ist es einfach so, dass wir mehrere Menschen lieben können. Vielleicht auf unterschiedliche Art und Weise, jedoch nicht selten so, dass über Anziehung auch sexuelle Bedürfnisse zum Austausch von Nähe und Lust entstehen, die in der Polyamorie nicht um der körperlichen Treue willen unterdrückt werden, sondern einen gelebten Ausdruck finden dürfen. Es ist absolut nichts schlechtes daran, in mehrere Personen gleichzeitig verliebt zu sein und diese Lieben auch zu leben. Nur: die traditionelle Vorstellung von einem Paar,  bestehend aus zwei Menschen, ist so tief in uns verwurzelt, dass dieser Gedanke bei den meisten erstmal Schuldgefühle und Vorurteile weckt. 

Die 100. Liebesfrage - ein voller Erfolg!

Seit zwei Jahren beantwortet Paar- und Einzeltherapeutin Dorothea Perkusic die „Liebesfragen“ unserer Leser rund um Liebe und Beziehung. Immer Montag um 15 Uhr können unsere Plus-Abonnenten die spannenden Antworten auf diese Fragen lesen. Doch die erfolgreiche Rubrik ist auch für alle Nicht-Abonnenten ein echter Service, denn jeder kann seine ganz persönliche Liebesfrage an die Expertin schicken und bekommt auch eine Antwort. Ausgewählte Fragen werden immer montags hier anonymisiert veröffentlicht.

Die Nachteile können sein, dass es dadurch durchaus auf eine zunächst ungewohnte Weise kompliziert, anspruchsvoll und herausfordernd werden kann. 

Die Eifersucht ist unvermeidbar und menschlich und in einer polyamourösen Beziehung müssen wir lernen damit umzugehen und uns mit ihrem Ursprung auseinanderzusetzen. Denn wir neigen dazu, uns zu vergleichen, in Hinsicht auf Schönheit, Intelligenz, usw. Dies ist absurd und destruktiv zermürbend. Dennoch tun die meisten es. Jeder Mensch ist einzigartig und Liebesbeziehungen sind mit jeder Person unterschiedlich. Ein anderer ist einfach anders als man selbst und dies macht uns am meisten Angst. 

Außerdem können Schwierigkeiten auftreten mit dem näheren Umfeld. Freunden und Familie zu erklären, wie die eigene persönliche Vorstellung von Beziehung aussieht, wird vielleicht nicht unbedingt auf Verständnis stoßen. Manchmal ist es unmöglich, deren Akzeptanz zu erwarten. Es eine Frage der persönlichen Lebensziele. Die meisten streben eher nach monogamer Verbindlichkeit und damit verbundener (unter Umständen nur vermeintlicher) Sicherheit. Kinder zu haben und Familie zu sein ist für viele nicht kompatibel mit offen gelebter Polyamorie. Es ist ein völlig anderes und offeneres Konzept von Familie, zu dem man bereit sein muss. 

Dorothea Perkusic auf Instagram

Wie Sie mit dieser Situation am besten umgehen können? Genießen Sie das Glück, das Sie erleben. Sprechen Sie mit Ihrem Partner offen über Ihre Fragen, Ängste, Gedanken und das, was Sie fasziniert oder anzieht. Sie müssen nicht gleich eine Lebensentscheidung treffen. Sie dürfen sich auch einfach mal darauf einlassen und gucken, wie es Ihnen damit geht. Wenn Sie gut auf sich aufpassen, Ihre Grenzen im Blick bewahren und gegebenenfalls neu anpassen, dann kann Ihnen nicht mehr passieren, als zu Beginn jeder anderen neuen Beziehung. Alles Gute und viel Genuss! 

Das ist meine Antwort auf die heute 100ste Liebesfrage und ich sage nach diesen spannenden zwei Jahren von ganzem Herzen DANKE! Ich kann kaum fassen, wie schnell die Zeit vergangen ist und wieviele Eurer Fragen mich bis jetzt erreicht haben. Dass Ihr diese Möglichkeit nutzt und mir vertraut rührt mich sehr, macht mich glücklich, sehr dankbar und stolz! 

Rubriklistenbild: © Franziska Kraufmann

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