Skandale und Erfolge

Daum wird 60: Koks, Köln und Königsklasse

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Christoph Daum hat in seiner Trainerkarriere viel erlebt

Leverkusen - Christoph Daum wird 60. Champions League, DM-Titel, Fast-Bundestrainer, Pressekonferenz im Kölner Krankenhaus, Kokainskandal - der Buraspor-Coach hat viel erlebt.

Dass Christoph Daum bereits 60 wird, mag so recht niemand glauben. Dieser „Hansdampf in allen Gassen“, dieser „Mister 100.000 Volt“? Andererseits hat Daum, der am Donnerstag in seiner zweiten Heimat Türkei seinen Ehrentag feiert, auch so viele Geschichten des deutschen Fußballs geschrieben, dass sein Alter doch glaubwürdig wird.

1986 rockt dieser wilde, unangepasste Trainer die Liga. Vom ersten Tag an fällt er durch Motivationskunst, innovative Ideen und Provokationen auf. 1989 legt sich der damalige Kölner in einer denkwürdigen Sportstudio-Diskussion mit den Bayern Jupp Heynckes („Die Wetterkarte ist interessanter als ein Gespräch mit Heynckes“) und Uli Hoeneß an („Um dein Maß an Selbstüberschätzung zu erreichen, muss ich 100 Jahre alt werden“).

Mehr Aufsehen erregt nur noch die Kokain-Affäre im Jahr 2000, als Daum nach Vorwürfen von Hoeneß freiwillig eine Haarprobe abgibt, weil er meint, „ein absolut reines Gewissen“ zu haben. Die Probe ist positiv, Daum taucht kurzzeitig in den USA unter und verliert den sicheren Traumjob als Bundestrainer. Heute will er über die Geschichte nicht mehr reden. Als Studiogast von Sky90 darauf angesprochen, poltert er 2012: „Ich finde die Diskussion absolut beschissen hier. Hätte ich das gewusst, wäre ich nicht gekommen.“

Man braucht diese Posse aber auch nicht, um über Christoph Daum zu erzählen. Denn für Schlagzeilen sorgt er im Laufe der Jahre immer wieder. So in Stuttgart 1993, als er nach der deutschen Meisterschaft durch einen Wechselfehler das Weiterkommen in der Champions League verspielt. In Leverkusen Mitte der 90er, als er Spieler über Scherben laufen lässt. Oder auch in Köln vor wenigen Jahren. Zunächst sagt er dem FC bei einer Pressekonferenz im Krankenhaus ab, dann kehrt er als gefeierter „Messias“ zurück und heiratet im September 2007 sogar seine Lebensgefährtin Angelika Camm in einer standesamtlichen Zeremonie im Anstoßkreis des Kölner Stadions.

Daum ist schon immer anders. Unangepasst, unberechenbar, stets zur Konfrontation bereit. Sich durchzusetzen, hat er als kleiner Junge in Duisburg gelernt. Er wird zum Bierholen geschickt, auf dem Nachhauseweg lauern ihm Kinderbanden auf. „Entweder du hast den Jungs Wegzoll bezahlt, oder es gab einen Tritt und die Bierpullen waren kaputt“, berichtet er später.

Daum lässt sich nicht unterkriegen. Der Fußball ist seine große Leidenschaft („andere erziehen ihre Kinder zweisprachig, ich erziehe sie beidfüßig“), doch es reicht als Spieler nur für die Oberliga. Doch Daum schlägt früh die zweite Karriere ein. Er studiert Sportwissenschaft, macht mit 27 seinen Fußball-Lehrer. Als solcher lebt er Leidenschaft vor. Er kann motivieren wie kaum ein anderer und überdreht auch gerne mal.

Seine Kokain-Affäre wird ihm von der Branche mit Verzögerung verziehen. Bei den Fans geht es nach seiner eigenen Überzeugung schneller. Hätte es nach der EM 2004 einen Volksentscheid über den Bundestrainer gegeben, „dann hätte ich es gemacht“, sagt er im Brustton der Überzeugung.

Irgendwann noch mal Nationaltrainer werden, das ist sein großer Wunsch. Aber nicht irgendwo. Anfragen aus Nordafrika oder dem Mittleren Osten hat er abgelehnt. Sein zweiter großer Wunsch mit 60 ist die Premier League, „aber da komme ich im Moment nicht rein“. Dafür in der Türkei, wo er gerade bei Bursaspor sein insgesamt fünftes Engagement eingegangen ist.

Eine erneute Rückkehr nach Köln hält er „bei passender Konstellation für denkbar“. Ob die Gegenseite das nach seinem Blitz-Abschied 2009 so sieht, ist fraglich. Dem Kölner Stadtanzeiger erzählt er, dass er das Alter schon spüre, aber noch Träume habe. Und wenn es um das geht, was noch kommt, ist der Träumer Daum plötzlich Realist. „Jeder geht irgendwann“, sagt er leise: „Wenn am Ende abgerechnet wird, bleibt nur die Familie.“

SID

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