"Ganz starke Saison"

Löw baut angeschlagene Bayern auf

Bundestrainer Joachim Löw
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Bundestrainer Joachim Löw.

München - Für Bundestrainer Joachim Löw hat das Halbfinal-Debakel von Bayern München in der Champions League auch einen positiven Aspekt. Grundsätzlich werden seine Sorgen vor der WM aber nicht kleiner.

Joachim Löw begann seine Aufbauarbeit gleich nach dem Debakel. Anstatt sich nach dem krachenden 0:4 von Bayern München im Halbfinale der Champions League gegen Real Madrid auch noch in die Schar der Kritiker einzureihen, war der Bundestrainer bemüht, seine schwer angeschlagenen Nationalspieler sofort wieder aufzurichten und ihnen Mut zuzusprechen. „Es bleibt dabei, dass die Bayern bislang insgesamt eine ganz starke Saison gespielt haben, die ja noch nicht zu Ende ist“, betonte Löw bei DFB.de.

Die Bayern würden nun „den Blick nach vorn richten“, glaubt der 54-Jährige, der in München Augenzeuge der historischen Münchner Klatsche war. Löw ergänzte: „Wir alle können uns auf ein großes DFB-Pokalfinale zwischen Bayern und Dortmund freuen. Danach starten wir die WM-Vorbereitung, gemeinsam haben wir ja noch große Ziele.“

Allerdings zeigte die Pleite dem Bundestrainer eine Woche vor der Nominierung seines Kaders für die WM in Brasilien (12. Juni bis 13. Juli) einige Probleme auf. Anstatt auf dem Weg zum lange ersehnten Titel auf einen selbstbewussten und starken Bayern-Block bauen zu können, befinden sich Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger und Co. derzeit in einem Abwärtstrend, der Löw so kurz vor der WM nicht gefallen dürfte. Zumal die Sorgen ohnehin schon groß genug sind.

Zwar haben die angeschlagenen Miroslav Klose, Mario Gomez und Sami Khedira schon wieder das Training aufgenommen, die nötige Spielpraxis haben sie aber weiterhin nicht. Real-Star Khedira darf aber immerhin durch die Sperre von Xabi Alonso auf einen Einsatz im Finale der Königsklasse am 24. Mai in Lissabon hoffen. So oder so wird er verspätet zur DFB-Auswahl stoßen. Immerhin ist Andre Schürrle nach dem Halbfinal-Aus des FC Chelsea davon nicht betroffen.

Die Bayern und Schürrle kann Löw schon zum Start des Trainingslagers in St. Leonhard in Südirol am 21. Mai begrüßen. Für den 54-Jährigen ist dies durchaus ein Vorteil, von Beginn an den Großteil seines Kaders zur Verfügung zu haben, um sich noch gezielter auf die WM vorbereiten zu können.

„Kaiser“ Franz Beckenbauer ist zumindest sicher, dass die Bayern durch das Aus keinen mentalen Ballast mitbringen. „Ich kann mir vorstellen, dass die Spieler in ein kleines Loch fallen und erst einmal Leere verspüren. Aber nein, an einen tiefer gehenden Knacks glaube ich nicht“, sagte Beckenbauer der Bild.

Auch Ex-Teamchef Rudi Völler ist überzeugt, „dass dieses Spiel unsere WM-Chancen überhaupt nicht gefährdet“. BamS-Kolumnist Günter Netzer hält es ebenfalls für „undenkbar, dass dieses Spiel Einfluss auf die WM hat. So etwas wäre konstruiert. Wenn es ein Spieler in sechs Wochen bis zum Turnier nicht schafft, so eine Enttäuschung zu verarbeiten, sollte ihn Löw gleich zu Hause lassen.“

Trotzdem: Löw ist gefordert, Vize-Kapitän Schweinsteiger, Toni Kroos, Thomas Müller, Mario Götze und Jerome Boateng aus ihrem Tief zu führen. Nur Torwart Manuel Neuer und Lahm scheinen derzeit einigermaßen stabil zu sein - auch wenn sich Neuer gegen Real einige ungewohnte Schnitzer leistete und selbst Lahm zuletzt ab und an schwächelte.

Gerade das Mittelfeld-Duo Schweinsteiger/Kroos stieß gegen die Königlichen an Grenzen. Anstatt wie auch vom Bundestrainer gewünscht, das Spiel zu beschleunigen, verschleppten beide mit Schlafwagen-Fußball das Tempo. Ideen? Fehlanzeige!

Wenigstens befinden sich derzeit die Dortmunder um Marco Reus, die den Münchnern am 17. Mai im Pokalfinale einen weiteren Rückschlag versetzen wollen, im Aufwind. Noch vor Wochen waren die BVB-Stars die Sorgenkinder von Löw gewesen. Dazu zählte auch Mesut Özil vom FC Arsenal. Der zeigte nach längerer Verletzungspause und Formschwäche bei seinem Comeback aber durchaus positive Ansätze.

Löw wird sein Aufgebot für die WM am kommenden Donnerstag (8. Mai) in der DFB-Zentrale in Frankfurt/Main berufen. Bei diesem Anlass wird er auch den Kader für das Länderspiel am 13. Mai (20.45 Uhr/ZDF) in Hamburg gegen Polen benennen. Bei dieser Partie, eigentlich als Aufgalopp in die WM-Vorbereitung gedacht, werden etliche WM-Kandidaten fehlen.

sid

Die Eckdaten der Bundestrainer-Ära Jogi Löw

Die Eckdaten der Bundestrainer-Ära Jogi Löw

30.07.2004: Zum 40. Geburtstag schenkt der DFB Bundestrainer Jürgen Klinsmann die Verpflichtung seines Favoriten Joachim Löw als Co-Trainer. Die “Schwaben-Connection“ ist perfekt. “Er ist für mich alles andere als ein Hütchenaufsteller“, sagt Klinsmann über Löw. © Getty
12.07.2006: Nach dem Rücktritt des “ausgebrannten“ Klinsmann wird Löw zum Chef der Nationalelf befördert. Der 46-Jährige bekommt einen Zweijahresvertrag und sagt: “Wir wollen Europameister 2008 werden.“ © Getty
16.08.2006: Löws Bundestrainer-Premiere wird in Gelsenkirchen zum rauschenden Fest - 3:0-Sieg beim Test gegen Schweden. © Getty
06.09.2006: Der höchste Sieg in der Amtszeit von Löw: 13:0 gegen Fußball-Zwerg San Marino vor nur 5019 Zuschauern in Serravalle. © Getty
28.03.2007: Erste, unbedeutende Niederlage im 9. Spiel: 0:1 gegen Dänemark beim Debütanten-Ball mit sechs DFB-Neulingen in Duisburg. © Getty
13.10.2007: Schon im viertletzten Qualifikationsspiel löst Löw mit einem 0:0 in Irland das Ticket für die EM 2008. © Getty
16.05.2008: Bei der Nominierung des EM-Kaders auf der Zugspitze sorgt Löw für Paukenschläge. Er bootet im Tor Timo Hildebrand aus, holt dafür René Adler und beruft 26 Akteure. Marko Marin, Jermaine Jones und Patrick Helmes schickt er nach der Vorbereitung nach Hause. © Getty
16.06.2008: Beim 1:0 im Vorrunden-Finale gegen Österreich wird Löw auf die Tribüne verwiesen. Ballacks Freistoß-Tor bejubelt er dort. © Getty
29.06.2008: Geplatzter Titeltraum. Spanien gewinnt durch ein Tor von Torres das EM-Finale in Wien mit 1:0. “Man muss die Qualität der Spanier anerkennen“, erklärt Löw als fairer Verlierer. © Getty
08.08.2009: Löw startet den Umbruch. 40 Tage nach dem verlorenen EM-Finale beendet Torhüter Jens Lehmann seine Länderspiel-Karriere. © Getty
11.10.2008: Deutschland siegt 2:1 im WM-Quali-Gipfel gegen Russland. Reservist Kevin Kuranyi flüchtet zur Halbzeit aus dem Stadion in Dortmund. Am Tag danach verbannt Löw den Schalker aus dem DFB-Team. © Getty
31.10.2008: Löw und Ballack schließen nach einem Streit Frieden. Der Kapitän hatte den Führungsstil des Bundestrainers kritisiert und sich für seinen Kumpel Frings stark gemacht. “Dafür habe ich mich bei Joachim Löw entschuldigt“, sagt Ballack. Der Kapitän darf bleiben. © Getty
10.10.2009: Trotz Platzverweis für Debütant Jérome Boateng gewinnt die DFB-Elf das “Endspiel“ in Moskau gegen Russland dank Klose 1:0. Das WM-Ticket ist gelöst, Löw lobt das “Sieger-Gen“ der Spieler. © Getty
10.11.2009: Der Selbstmord von Torhüter Robert Enke versetzt die Nationalelf in einen Schockzustand. Das geplante Länderspiel gegen Chile in Köln wird abgesagt. “Ich denke, wir hätten Robert nicht von seinem Vorhaben abbringen können“, sagt Löw nach Tagen der Trauer. © Getty
17.12.2009: Auf einer Israel-Reise verkündet DFB-Chef Zwanziger einen Handschlag-Vertrag mit Löw bis zur Europameisterschaft 2012 - selbst der Bundestrainer wird davon überrascht. © Getty
04.02.2010: Der Handschlag-Vertrag ist null und nichtig. Der DFB lehnt Löws und Bierhoffs Forderungen ab. Es kommt zum Zerwürfnis. © Getty
09.02.2010: Eiszeit beendet - in Frankfurt schließen Löw, Zwanziger & Co. WM-Frieden. “Was sind wir Hornochsen“, sagt Generalsekretär Wolfgang Niersbach nach dem schädlichen öffentlichen Streit. © Getty
06.05.2010: Löw beruft 27 Akteure in den vorläufigen WM-Kader und überrascht mit den beiden Länderspiel-Neulingen Badstuber und Aogo. Als dritter Torwart darf nach Adlers Verletzung Jörg Butt mit. © Getty
17.05.2010: Das Ballack-Aus für die WM. “Wir waren geschockt, keine Frage“, sagt Löw. Der Kapitän fällt wegen einer Fußverletzung aus. © Getty
28.05.2010: Löw ernennt Philipp Lahm zum WM-Kapitän und Manuel Neuer zur Nummer 1. Tim Wiese ist der Verlierer im Torhüter-Duell. © Getty
13.06.2010: 4:0 - ein WM-Traumstart gegen Australien. Es folgen ein 0:1 gegen Serbien und ein 1:0 gegen Ghana. Dann die Höhepunkte: Im Achtelfinale 4:1 gegen England, danach 4:0 gegen Argentinien. © Getty
07.07.2010: Löw ist “traurig und enttäuscht“. Wieder ein 0:1 gegen Spanien, im Halbfinale platzt der Traum vom 4. deutschen WM-Titel. © Getty
10.07.2010: Bronzenes Ende: 3:2 im Spiel um Platz 3 gegen Uruguay. © Getty
20.07.2010: Neun Tage nach dem WM-Abpfiff verlängern Löw, Manager Bierhoff, Co-Trainer Flick und Torwart-Coach Köpke ihre Verträge. © Getty
03.09.2010: Mit einem 1:0-Sieg in Belgien gelingt der Start in die Qualifikation für die EM 2012. Es folgen drei weitere Siege gegen Aserbaidschan (6:1), Türkei (3:0) und in Kasachstan (3:0). Damit liegt Deutschland als Tabellenführer klar auf EM-Kurs. © Getty
15.03.2011: Der DFB verlängert vorzeitig die Verträge mit Cheftrainer Löw, Manager Bierhoff, Co-Trainer Flick und Torwartcoach Köpke vorzeitig um zwei Jahre bis zur WM 2014 in Brasilien. © Getty
11.10.2011: Die deutsche Nationalmannschaft qualifiziert sich unter Bundestrainer Jogi Löw mit zehn Siegen in zehn Spielen für die EM 2012 in Polen und der Ukraine. So etwas hatte zuvor noch kein deutsches Team geschafft. © dpa
18.10.2013: Die Verlängerung von Joachim Löws Vertrag bis 2016 wird bekanntgegeben. © dpa

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