Fußball scheibchenweise - Fluch oder Segen?

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Die neuen Anstoßzeiten sind für viele Fans mehr als nur gewöhnungsbedürftig. Besonders Amateurvereine leiden darunter, da viele Fans keine Zeit mehr für die kleinen Clubs haben.

München - Schweinebraten oder Stadion, Sofa oder Stehplatz -die Debatte um zerstückelte Spieltage, ungewohnte Anstoß-Zeiten und Bundesliga non stop im Fernsehen spaltet Fußball-Deutschland.

Kritiker befürchten, dass das in vier Gängen servierte Spieltags-Menü die Fans vergrault. "Die Salami-Spieltage sind schädlich fürs Produkt", sagt Geschäftsführer Manfred Stoffers vom TSV 1860 München. Fußball total im TV könne "verheerende Folgen für das Miteinander in den Familien" haben, warnen Kirchenvertreter. Die Vereine selbst verstehen die Sorgen und Nöte von Fans und Amateurclubs - ihr Hauptargument für den Fußball in Häppchen ist aber unschlagbar.


Löwen-Trainer Lienen warnt vor Fan-Entfremdung

"Es gibt keine Alternative. Wir können auf das Geld vom Fernsehen nicht verzichten", sagte Andreas Rettig, Manager des FC Augsburg und Vorstandsmitglied bei der Deutschen Fußball Liga (DFL). Der bis 2013 gültige Fernsehvertrag garantiert den 36 Clubs der 1. und 2. Liga durchschnittlich 412 Millionen Euro pro Saison - das Oberhaus bekommt 79 Prozent von diesem Kuchen. Die Anstoß-Zeiten seien gewöhnungsbedürftig, meint Hansa Rostocks Manager René Rydlewicz, "aber dahinter stehen die Interessen des Fernsehens, von dessen Geldern wir leben". 1860-Trainer Ewald Lienen warnt davor, sich von den Fans zu entfernen, "aber ohne das Geld vom Pay-TV wird der deutsche Fußball nicht konkurrenzfähig bleiben. Wollen wir das?"

Weniger Zuschauer bei Amateuren

1860-Geschäftsführer Manfred Stoffers: "Die Salami-Spieltage sind schädlich fürs Produkt."

Präsident Theo Zwanziger vom Deutschen Fußball-Bund ( DFB ) hatte nach Abschluss des TV-Vertrages im vorigen Winter den Amateuren Ausgleichszahlungen für mögliche Einnahmeeinbußen in Aussicht gestellt und damit auf den Protest der kleinen Verein reagiert. Mittlerweile hält sich der Aufstand an der Basis in Grenzen , obwohl dort weniger Zuschauer an die Fußballplätze strömen als vorher. "Der Fan geht nicht mehr unbedingt zu den Amateuren, wenn er Fußball satt zu Hause am Bildschirm haben kann", sagte Präsident Andreas Hobmeier vom fünftklassigen Bayern-Ligisten FC Ismaning.


Manager Matthis Nehls vom Hamburger Landesligaclub FC Süderelbe glaubt, dass der zerstückelte Spieltag "den Amateurfußball kaputt macht, aber wir können das Rad nicht mehr zurückdrehen". Die Empörung der Fans hat sich noch nicht gelegt. In einschlägigen Internetforen wird auf "die fetten Sesselfurzer aus Frankfurt " geschimpft. Die Bilderflut auf dem Bildschirm ist für viele nicht mehr zu schaffen: "So viel Fußball braucht kein Mensch. Ich komm' mir vor wie jeden Tag Erbsensuppe essen."

„Frühe Anstoß-Zeit nervt"

Trainer Holger Stanislawski vom FC St. Pauli kann die Fans verstehen, "denn die frühe Anstoß-Zeit nervt". Dass am Samstag schon um 13.00 Uhr und sonntags um 13.30 Uhr angepfiffen wird, hat der 2. Liga nicht geschadet. Im Gegenteil: Nach fünf Runden strömten im Schnitt mehr Besucher in die Stadien als im vergleichbaren Zeitraum der Vorsaison. Eine Klasse höher ist von einer "Katastrophe", wie sie Oberhausens Manager Hans-Günter Bruns befürchtet, schon gar nichts zu spüren - Rekord beim Dauerkartenverkauf und fast überall volle Stadien.

Stoffers: „Löwen-Schmaus oder Schweinebraten“

Auf strikte Ablehnung trifft der Fußball in Häppchen beim Geschäftsführer der Münchner "Löwen". Stoffers schimpft über das Termin-Wirrwarr und befürchtet sogar Beziehungskrisen: "Wenn wir sonntags spielen, gibt"s in den Familien oft das Duell Löwen-Schmaus oder Schweinebraten." Kirchenrat Rolf Krebs von der evangelischen Kirche Rheinland macht sich Sorgen um den Familienfrieden, "wenn fußballbegeisterte Väter fast das komplette Wochenende vor dem Fernseher sitzen". Augsburgs Rettig sieht dagegen keinen Grund, Alarm zu schlagen, und rät dazu, die weitere Entwicklung abzuwarten: "Es ist noch zu früh, sich kritisch zu äußern."

Von Gerd Münster, dpa

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