Hauptverdächtiger wieder frei

Ticket-Skandal überschattet WM-Endspurt

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Raymond „Ray“ Whelan ist der Hauptverdächtige im Ticketskandal.

Rio de Janeiro - Die Ermittlungen um groß angelegte WM-Ticket-Schiebereien ziehen immer weitere Kreise. Die Polizei nahm den Top-Funktionär eines FIFA- Vertragspartners vorübergehend fest.

Die WM in Brasilien wird auf der Zielgeraden von einem handfesten Skandal um illegale Ticket-Verkäufe überschattet. Auch das Umfeld der FIFA gerät dabei ins Zwielicht. Die Polizei nahm am Montag einen Top-Funktionär des FIFA-Vertragspartners Match Services fest. Der 64 Jahre alte Brite Raymond „Ray“ Whelan wurde fast die ganze Nacht verhört und erst am frühen Morgen des Dienstags auf Antrag seiner Anwälte wieder auf freien Fuß gesetzt. Seinen Reisepass musste er abgeben. Er soll ein Drahtzieher eines Ticket-Schiebersystems sein, bei dem pro Spiel sechsstellige Euro-Beträge für massiv überteuerte Tickets kassiert wurden.

Haftstrafe bis zu vier Jahren droht

Bereits in den Tagen zuvor hatte die Polizei im Rahmen der Operation „Jules Rimet“ elf Personen festgenommen, darunter auch den mutmaßlichen Kopf der Bande, den Algerier Lamine Fofana. Er telefonierte mehrmals mit Whelan, wie aus einer gerichtlich genehmigten Abhöraktion hervorgeht. Medienberichten zufolge sollen seit WM-Beginn auf Whelans Handy 900 Anrufe von Fofana eingegangen sein. Sollten sich die Vorwürfe bestätigen, drohen den Beschuldigten Haftstrafen von bis zu vier Jahren. Grundlage ist Artikel 41-G der brasilianischen Fan-Statuten. Der ahndet den Weiterverkauf von WM-Tickets zu einem höheren Preis als dem aufgedruckten.

Die Match AG teilte am Dienstag in einer Stellungnahme mit, dass Whelan weiter die Ermittlungen der Polizei unterstützen werde. „Match vertraut völlig darauf, dass die Tatsachen ergeben, dass er (Whelan) gegen kein Gesetz verstoßen hat.“ Zur Match AG gehören Match Services und der Vertriebspartner Match Hospitality, die im FIFA-Auftrag Ticket-Pakete mit Exklusiv-Leistungen verkaufte, die - je nach Preis und Angebot - Catering, Unterkunft, Parkplätze und Privatlogen beinhalten. Hinter der Match AG steht die „Byrom plc“ mit Sitz in Manchester (Großbritannien). „Match wird weiter die polizeilichen Ermittlungen voll unterstützen, von denen wir fest glauben, dass sie Ray (Whelan) entlasten werden“, hieß es in dem Statement.

WM-Tickets in Whelans Zimmer gefunden

Whelan war am Montag in einer Suite im Luxus-Hotel Copacabana Palace festgenommen worden. In dem Hotel sind Top-Funktionäre, darunter auch FIFA-Chef Joseph Blatter, untergebracht. Auch Match Services arbeitet im Auftrag der FIFA. Der Vertrag mit dem Weltverband läuft aber Ende 2014 aus. FIFA-Sprecherin Delia Fischer erklärte am Montagabend (Ortszeit), die FIFA werde weiterhin voll mit den lokalen Behörden kooperieren und alle Details zur Verfügung stellen, um die laufenden Ermittlungen zu unterstützen. Whelan sei Direktor der für die Unterkünfte zuständigen Abteilung bei Match Services.

In Whelans Zimmer wurden den Polizei-Angaben zufolge 82 Tickets für WM-Spiele sowie ein Computer, ein Handy und Dokumente beschlagnahmt. Whelan hielt sich nach Medienangaben schon seit 2011 für Match Services in Brasilien auf und war unter anderem für die Suche und Auswahl von Hotels zuständig, die dann im Rahmen der Ticket-Pakete mitangeboten wurden. Als eines seiner Hauptziele beschreibt Match Services auf seiner Homepage eine „effiziente und service-orientierte“ Organisation zur „Umsetzung eines transparenten, fairen und gleichberechtigten Ticket-Verkaufsprozesses“.

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Nach Polizeiangaben sollen durch das illegale Ticket-Schiebersystem pro Spiel bis zu zwei Millionen Reais (666 000 Euro) umgesetzt worden sein. Die FIFA kontrollierte schon rund 140 Tickets, die ihr von der Polizei zur Verfügung gestellt wurden. Match Hospitality hatte am Montag mitgeteilt, dass Tickets der Agentur Atlanta Sportif gesperrt worden seien, deren Geschäftsführer Fofana ist. Die Firma hatte 105 exklusive Ticket-Pakete für sieben Spiele im Wert von 121 000 Dollar erworben. Atlanta Sportif habe gegen vertragliche Bedingungen verstoßen. Alle Pakete für die Rest-WM seien gecancelt worden.

dpa

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