Verband teilt mit

Ex-Radprofi Niermann gesteht EPO-Doping

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Grischa Niermann.

München - Der ehemalige Hannoveraner Radprofi Grischa Niermann hat laut einer Mitteilung des niederländischen Radsport-Verbandes KNWU den Gebrauch von EPO-Doping in den Jahren 2000 bis 2003 gestanden.

Durch die Hölle und zurück: Ex-Profi Grischa Niermann hat für einen weiteren prominenten deutschen Dopingfall im Radsport gesorgt. Laut einer Mitteilung des niederländischen Radsport-Verbandes KNWU hat Niermann den Gebrauch von EPO-Doping in den Jahren 2000 bis 2003 gestanden. „Alle weiteren relevanten Informationen werde ich den Anti-Doping-Autoritäten und Kommissionen mitteilen“, wird Niermann zitiert. Der 37-Jährige fuhr zwischen 2000 und 2012 für den niederländischen Radrennstall Rabobank und nahm neunmal an der Tour de France teil. Mit Wirkung vom 15. Februar wird Niermann, der seit 1. Januar beim KNWU als Nachwuchstrainer angestellt ist, sechs Monate gesperrt.


„Dank der Leute in meiner Umgebung habe ich 2003 gemerkt, dass die Nutzung illegaler Substanzen nicht der Weg ist, den ich gehen möchte“, erklärte Niermann. Deswegen habe er damit aufgehört. In den zehn Jahren danach habe Niermann versucht, für die jungen Rabobank-Fahrer „ein Vorbild“ zu sein, als ein „hart arbeitender und ehrlicher Profi. Dass diese dunkle Phase nun zurückkommt, schmerzt mich sehr, aber bestärkt mich in meiner Entscheidung von 2003“, gab Niermann bekannt.

Die Absicht zu beichten, hat Niermann offenbar bereits seit einiger Zeit umgetrieben. In den vergangenen Wochen sei er „durch die Hölle und zurück gegangen“, twitterte der Hannoveraner. Letztlich habe er beschlossen, dass eine Doping-Geständnis „der einzig mögliche Weg“ für ihn gewesen sei. Vor einer Woche war Niermann davon noch nicht überzeugt. „Ich habe niemals Doping genommen, und mir ist auch kein Doping angeboten worden“, hatte er der Hannoveraner Tageszeitung „Neue Presse“ gesagt.


Doping: Die merkwürdigsten Ausreden

Alberto Contador erklärte seine positive Doping-Probe mit verunreinigtem Essen. Er wurde daraufhin freigesprochen. Es ist nicht die erste merkwürdige Erklärung in der Geschichte des Dopings. © AP
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Ex-Sprinter Dennis Mitchell nutzte seinen positiven Dopingbefund, um sich als Sexprotz zu outen. Das viele Testosteron komme von einer wilden Partynacht, in der er seine Frau verwöhnt habe. „Fünf Flaschen Bier und mindestens vier Mal Sex mit seiner Frau. Es war ihr Geburtstag. Die Lady hatte es verdient“, so lautete sein Statement. © Getty
Der Klassiker: Wer hat die Dopingmittel in Dieter Baumanns Zahnpastatube deponiert? © ots/dpa/Getty
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Adrian Mutu: Der rumänische Fußballspieler sagte 2004 nach einer positiven Dopingprobe, er habe lediglich ein Mittel zur “Steigerung der sexuellen Leistungsfähigkeit“ genommen. Zuvor hatte er zugegeben, Kokain genommen zu haben, dieses Geständnis wenige Tage später jedoch widerrufen. © Getty
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Die Lebensmittelvergiftung der anderen Art: Ex-Sprinter Linford Christie beteuert: „Ich habe nicht gedopt, ich habe nur Avocados gegessen!“ © Getty
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Die wohl abgefahrenste Ausrede für Blutdoping hatte Radsportler Tyler Hamilton: “Ich bin ein Mischwesen. Die fremden Zellen in meinem Körper werden von den Stammzellen meines vor der Geburt gestorbenen Zwillingsbruders produziert." © Getty
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Gefährliche Mitbringsel: Die aus Südamerika importierten Bonbons sollen mit Koks verseucht gewesen sein, meint Straßenrad-Star Gilberto Simoni. © Getty
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Johann Mühlegg soll eine Spezial-Diät gemacht haben, wegen der in seinem Kreislauf eine EPO-ähnliche Substanz nachgewiesen wurde... © Getty
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Auf den Hund gekommen: Frank Vandenbroucke behauptete, als bei ihm Anabolika und EPO sichergestellt wurden, die Mittel seien für seinen asthmakranken Hund bestimmt gewesen. © Getty
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Justin Gatlin gab einem Masseur die Schuld. Der soll ihn nämlich mit einer testosteronhaltigen Salbe bearbeitet haben. Es soll sich sogar um eine fiese Retourkutsche des Profikneters gehandelt haben, meint Gatlin. © Getty
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Christian Henn, ehemals Radprofi, wollte eigentlich nur der eigenen Libido auf die Sprünge helfen. Ein Spezialtee wurde ihm zum Verhängnis. © Getty
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Ex-T-Mobile-Fahrer Matthias Kessler nahm angeblich Präparate zu sich, auf denen chinesische Schriftzeichen standen. Nur doof, dass er kein Chinesisch kann. © Getty
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Zu tief ins Glas geschaut und damit den Testosteronspiegel erhöht. Floyd Landis schiebt‘s auf den Whiskey  © Getty
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Erik Zabel sagte, er habe nur einmal EPO probiert. Die Substanz habe aber nicht mit seinem Körper und Geist harmoniert. © Getty
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Jan Ullrich ließ sich in einer Disco Ecstacy andrehen. „Ulle“ schluckte die Tabletten, ohne sich dabei etwas gedacht haben zu wollen. “Ich war den Abend ziemlich mies drauf. Das waren zwei Tabletten, wo mir bestätigt wurde, (...) und dass das eigentlich harmloses Zeug ist.“ Wer ihm die Tabletten gab, sagte er nicht. “Zu den Tabletten kann ich gar nichts sagen, ich kenn' kein Ecstasy. Ich weiß nicht wie das aussieht. Ich bin um die Ecken gezogen und war in verschiedenen Läden. Ich möchte keinen Unschuldigen da mit reinziehen.“ © Getty
400-Meter-Olympiasieger LaShawn Merritt wurde nach positiven Dopingproben gesperrt. Die positiven Tests ließen sich mit der Einnahme eines frei erhältlichen Produkts zur Vergrößerung des männlichen Geschlechtsteils erklären, sagte sein Berater. © dpa
Claudia Pechstein: “Ich weiß nun, dass ich eine Blutmacke habe, aber nicht krank bin“, sagte die Eisschnellläuferin. Die Sportlerin war 2009 wegen auffälliger Blutwerte gesperrt worden. Später erklärten Ärzte, ein von ihrem Vater vererbter Gen-Defekt sei für die hohen Retikulozyten-Werte verantwortlich. © dpa
Ivonne Kraft: Den positiven Test auf das Asthma-Mittel Fenoterol erklärte die Mountainbikerin 2007 mit einer explodierten Sprühflasche. Ihre Mutter habe Asthma-Spray benutzen wollen, dann sei die Flasche explodiert und sie habe die Substanz offenbar eingeatmet. © Getty

Niermanns Offenbarung folgt auf eine Reihe von Geständnissen aus dem früheren Team des seit 1996 engagierten Radsport-Großsponsors, der sich im vergangenen Oktober im Zuge der Enthüllungen um Lance Armstrong zurückgezogen hatte. Aufgrund laufender Verträge finanziert die Rabobank allerdings noch immer die jetzt unter dem Namen Blanco antretende Equipe.

Für Blanco, das derzeit auch eine mögliche Verwicklung des spanischen Teammitglieds Luis-Leon Sanchez in die Operacion Puerto untersucht, fahren unter anderem der Magdeburger Robert Wagner und Paul Martens aus Rostock. Erik Zabels Sohn Rick steht im Nachwuchsteam.

Zuletzt hatte der Niederländer Thomas Dekker ausgepackt und erklärt, dass bei Rabobank systematisch Doping betrieben und die Fahrer dabei erheblich unter Druck gesetzt worden seien. Ein Dutzend anderer Zeugen, die anonym bleiben wollten, berichteten über professionell organisiertes Doping in den Jahren 1996 bis 2012. Auch die niederländischen Ex-Rabobank-Profis Marc Lotz und Danny Nelissen hatten kürzlich Doping eingeräumt.

Die lange Liste: Sportstars unter Dopingverdacht

Bei Eisschnelläuferin Claudia Pechstein wurden 2009 auffällige Blutwerte festgestellt. Der Retikulozytenanteil lag bei Proben über dem von der Internationalen Eislaufunion (ISU) festgelegten Höchstwert. Sie bekam eine Sperre aufgebrummt. Pechstein klagt dagegen. © dpa
Jan Ullrich soll in die Doping-Affäre um den spanischen Arzt Eufemiano Fuentes verstrickt gewesen sein. Von seinem Team wurde er suspendiert. Er bestreitet die Vorwürfe. © dpa
Bei der erfolgreichen Sprinterin Katrin Krabbe-Zimmermann wurde im Juli 1992 das Mittel Clenbuterol nachgewiesen. © dpa
Im Oktober 1999 wurde Dieter Baumann positiv auf Nandrolon getestet. Der Wirkstoff stammte angeblich aus einer Zahnpasta. © dpa
Bei der WM 1994 wurde Fußballstar Diego Maradona des Dopings überführt. © dpa
Nach seiner Goldmedaille bei Olympia 1988 in Seoul wurde der Sprinter Ben Johnson positiv getestet. © dpa
2007 gestand Erik Zabel im Rahmen einer Pressekonferenz, bei der Tour de France 1996 eine Woche lang Doping mit EPO betrieben zu haben. © dpa
1992 wurde die Läuferin Grit Breuer überführt. © dpa
John McEnroe hat zugegeben, während seiner aktiven Zeit gedopt worden zu sein. © dpa
Radfahrer Marco Pantani wurde beim Giro d’Italia 1999 wegen überhöhter Hämatokritwerte disqualifiziert. © dpa
1988 hatte Sprinter Carl Lewis bei den US-Ausscheidungskämpfen drei verbotene Doping-Substanzen (Ephedrin, Pseudoephedrin und Phenylpropanolamin) im Blut. © dpa
Negative Schlagzeilen lieferte Ludger Beerbaum 2004, als der deutschen Mannschaft bei Olympia in Athen aufgrund eines positiven Dopingtests von Beerbaums Pferd Goldfever die Mannschafts-Goldmedaille nachträglich aberkannt wurde. © dpa
Bei den Olympischen Winterspielen 2002 in Salt Lake City gewann der für Spanien startende Langläufer Johann Mühlegg mehrere Medaillen. Kurz darauf musste er alle wegen nachgewiesenen Dopingmissbrauchs wieder abgeben. © dpa
Im Jahre 2004 geriet der Fußballer Marco Rehmer in die Schlagzeilen, als er ohne Absprache mit seinem Verein Hertha BSC ein Medikament nahm, das auf der Dopingliste stand. © dpa
Der Radrennfahrer Tom Simpson kam bei der Tour de France 1967 völlig überraschend ums Leben. Kurz vor dem Gipfel des Mont Ventoux bäumt er sich ein letztes Mal auf. Dann sackt er zusammen. Er flüstert: "Setzt mich wieder auf mein Rad". Dann stirbt er. Höchstwahrscheinlich war Doping im Spiel. © dpa
Nemanja Vučićević wurde 2005 positiv auf die verbotene Substanz Finasterid getestet. Er gab an, ein Haarwuchmittel genommen zu haben. © dpa
1999 wurde Linford Christie positiv auf das verbotene Dopingmittel Nandrolon getestet. © dpa
Dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ gestand Jörg Jaksche 2007, jahrelang gedopt zu haben. © dpa
Der Sprinter Konstantinos Kenteris und die Sprinterin Ekaterini Thanou entzogen sich 2004 bei Olympia in Athen einem Doping-Test. Die verweigerte Probe wurde als positiv gewertet. © dpa
Dem Fußballspieler Adrian Mutu konnte Kokainkonsum nachgewiesen werden. Das gilt als Doping, und er wurde für sieben Monate gesperrt. © dpa
Am 29. Juli 2006 gab Justin Gatlin selbst eine positive A-Probe auf Testosteron bekannt. © dpa
Im November 2008 wurde der österreichische Radstar Bernhard Kohl für 2 Jahre wegen Dopings gesperrt. Seine Ergebnisse der Tour de France 2008 wurden annulliert. Er hatte Gesamtplatz 3 belegt. © dpa
Sprinterin Marion Jones gestand im Oktober 2007 die Verwendung des Dopingmittels Tetrahydrogestrinon (THG). © dpa
Floyd Landis gewann 2006 die Tour de France. Im Nachhinein wurde ihm der Titel jedoch wieder aberkannt. © dpa
Ex-Eishockey-Spieler Uwe Krupp (M.) war 1990 bei einer WM positiv getestet worden – der erkältete Krupp, damals NHL-Profi in Buffalo, hatte ein Hustenmittel genommen, das Ephedrin enthielt.  © dpa
Bei der Rheinland-Pfalz-Rundfahrt 2005 wurde der Radfahrer Stefan Schumacher positiv auf Doping getestet. Im Oktober 2008 berichtete die französische Zeitung L’Équipe, dass Schumacher bei der Tour de France 2008 positiv auf das Blutdopingmittel CERA (EPO) getestet wurde. © dpa
Der Deutsche Leichtathletikverband eröffnete im November gegen Nils Schumann ein sportrechtliches Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts eines Verstoßes gegen Anti-Doping-Bestimmungen. © dpa
Der Radprofi Frank Vandenbroucke ist im Alter von 34 Jahren gestorben. Immer wieder hatte er unter Dopingverdacht gestanden © dpa
Am 18. Juli 2007 gab der Bund Deutscher Radfahrer bekannt, dass bei Patrick Sinkewitz in der A-Probe einer unangemeldeten Trainingskontrolle in den Pyrenäen am 8. Juni 2007 ein deutlich erhöhter Testosteron-Epitestosteron-Quotient festgestellt worden sei. © dpa
Das Pferd von Isabell Werth wurde im Jahr 2009 positiv auf die verbotene Substanz Fluphenazin getestet. © dpa
Am 24. Juli 2007 wurde bekannt, dass Alexander Winokurow beim Sieg im Einzelzeitfahren der 13. Etappe sowie drei Tage später auf der 15. Etappe der Tour de France positiv auf Blutdoping getestet wurde. © dpa
Nach mehr als zehn Jahren voller Vorwürfe hat Lance Armstrong gestanden, bei all seinen sieben Tour-de-France-Siegen gedopt zu haben. Bei US-TV-Talkerin Oprah Winfrey legte er eine Beichte ab: Ja, er habe illegale leistungssteigernde Substanzen wie Epo, Testosteron, Kortison und Bluttransfusionen eingenommen. © dpa

Schon 2007 war Rabobank von einem Skandal erschüttert worden. Der dänische Elitekletterer Michael Rasmussen wurde während der Tour de France suspendiert. Zu dem Zeitpunkt trug er souverän das Gelbe Trikot. Zuvor war bekannt geworden, dass er sich Dopingkontrollen entzogen hatte. Inzwischen fährt Rasmussen für ein dänisches Team und befindet sich noch in rechtlicher Auseinandersetzung mit seinem früheren Arbeitgeber.

Das Jahr 2007 hatte auch dem deutschen Radsport eine Dopingwelle beschert. Nacheinander beichteten die früheren Telekom-Profis Bert Dietz, Erik Zabel, Rolf Aldag und Udo Bölts. Auch Niermann kommentierte dies damals auf seiner Homepage. „Finde ich diese Geständnisse gut? Ich weiß es nicht! Ich finde es gut, dass Zabel und Co. reinen Tisch gemacht haben und ihre Fehler eingestanden haben. Aber ich glaube, der Radsport hat aktuell genug Probleme, die gelöst werden müssen und es dabei nicht weiterhilft, die Vergangenheit aufzurollen“, schrieb Niermann damals. Nun ist er offenbar anderer Meinung.

Grischa Niermann galt in seiner Karriere stets als sogenannter Edelhelfer. Eigene große Erfolge hatte er kaum vorzuweisen. Rundfahrt-Siege gelangen ihm 1998 bei der Hessen-Rundfahrt und 2001 bei der Niedersachsen-Rundfahrt. Bei der Tour de France erreichte Niermann seine beste Platzierung im Jahr 2000 auf Platz 24. Wie seit Montag bekannt ist, nicht nur aus eigener Kraft.

sid

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